• aktualisiert:

    Sarkozy will führen

    Nicolas Sarkozy macht, vor allem wenn er selbst am Wort ist, ein wenig den Eindruck eines hyperaktiven Kindes, das nicht stillsitzen kann. Seine exzessive Reisetätigkeit verstärkt diesen Eindruck. Von einem Staatspräsidenten Frankreichs war man nach der cäsarenhaften Überheblichkeit Mitterrands und anschließend Chiracs anderes gewöhnt. Selbst in der Nähe der Queen wirkte Sarkozy – anders als seine Vorgänger – nicht wie ein entrückter Monarch, der eben mal seine Krone verlegt hat, sondern wie ein leicht überdrehter Aktionist oder Versicherungsvertreter.

    Nicolas Sarkozy macht, vor allem wenn er selbst am Wort ist, ein wenig den Eindruck eines hyperaktiven Kindes, das nicht stillsitzen kann. Seine exzessive Reisetätigkeit verstärkt diesen Eindruck. Von einem Staatspräsidenten Frankreichs war man nach der cäsarenhaften Überheblichkeit Mitterrands und anschließend Chiracs anderes gewöhnt. Selbst in der Nähe der Queen wirkte Sarkozy – anders als seine Vorgänger – nicht wie ein entrückter Monarch, der eben mal seine Krone verlegt hat, sondern wie ein leicht überdrehter Aktionist oder Versicherungsvertreter.

    Anders als bei Chirac, der vor lauter Eitelkeit und Selbstherrlichkeit am Ende seiner Amtszeit sowohl sein Ansehen im Land als auch seine internationale Reputation in Schutt und Asche gelegt hatte, muss man sich bei Sarkozy wieder die Frage stellen: Was will der Mann? Erst schmiedet er in Algerien eine Mittelmeer-Union, dann renoviert er mit Bundeskanzlerin Merkel die deutsch-französische Achse des europäischen Wagens, nun verkündet er in London an der Seite von Premierminister Brown die Wiederannäherung Frankreichs an die Nato. Kein Zweifel: Sarkozy ist nicht an Details interessiert, sondern an der Vision, nicht an der Reaktion auf Krisen, sondern an der Gestaltung der Weltpolitik, nicht an einer passiven, sondern an einer führenden Rolle.

    In Paris war man nie der Meinung, dass der amerikanische Unilateralismus ein Rezept sei, mit den Krisen des Zeitalters der Globalisierung umzugehen. Anders als sein Vorgänger Jacques Chirac, dem am Ende nur Gerhard Schröder als Verbündeter blieb, betreibt Nicolas Sarkozy jedoch eine auf freundschaftlichen Beziehungen basierende Außenpolitik. Ohne mit der Wimper zu zucken, ließ er sich von Angela Merkel seine Idee einer Mittelmeer-Union verformen, weil er weiß, dass er ohne das Einvernehmen mit der deutschen Kanzlerin keine Führungsrolle in der Europäischen Union spielen kann. Diese Führungsrolle ist aber die Voraussetzung dafür, dass Paris zu einem wirksamen Bezugspunkt auch der südlichen Mittelmeeranrainerstaaten werden kann.

    Ähnlich dürften die Gespräche in London angelegt gewesen sein: Letztlich ist es für Sarkozy zweitrangig, ob er sich mit Brown über eine Reform des UN-Sicherheitsrates und des Weltwährungsfonds oder über eine China-Strategie einigt. Und in der europäischen Agrarpolitik sind die französischen Interessen den britischen so diametral entgegengesetzt, dass ein Aneinandervorbeireden noch das Beste war, was dem französischen Präsidenten passieren konnte. Wichtig ist anderes: Brown soll Sarkozy als seinen privilegierten Ansprechpartner in welt- und europapolitischen Fragen erkennen und anerkennen. Frankreich will nicht abseits stehen, wenn London und Washington über den globalen Kampf gegen Terrorismus, über die Krise der internationalen Finanzmärkte und weltwirtschaftliche Strategien sprechen.

    Auch wenn Sarkozy gleich zu Beginn seiner Amtszeit die Nähe zu George Bush und den betont amikalen Umgang mit dem in Europa unbeliebten amerikanischen Präsidenten suchte, auch wenn er Tony Blair bis an die Grenzen des Peinlichen hofierte, kommt ihm der Wechsel der weltpolitischen Führungsgarnitur doch zugute. Wer immer nächster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird, kann in Paris mit offenen Türen rechnen. Gordon Brown und Angela Merkel, die – anders als ihre jeweiligen Vorgänger – auf der europäischen Bühne nach Alliierten suchen und Kräfteverhältnisse ausloten, werden dankbar sein, in Paris einen zwar ehrgeizigen, aber auch wendigen und beweglichen Partner zu wissen.

    Kein Zweifel: Sarkozy will für Frankreich, und damit für sich selbst, eine Führungsrolle in der Europäischen Union und im mediterranen Raum. Und er ist klug und modern genug, zu sehen, dass Frankreich sich nur im Konzert der Europäer weltpolitisch Gehör verschaffen kann. Damit wird aber auch die Grenze des aktuellen französischen Aktionismus sichtbar: Auch ein hyperaktiver Erster Geiger kann nicht zugleich dirigieren. Das europäische Orchester braucht aber einen starken Dirigenten, der nicht nur die Erste Geige, das Klavier und die große Trommel im Blick hat, sondern auch die Vielzahl der leiseren und kleineren Instrumente.

    Das europäische Orchester braucht einen Dirigenten, der nicht in bilateral geschmiedeten Achsen denkt, sondern das Gemeinschaftliche im Auge behält. Die Zeit, in der das Einvernehmen zwischen Frankreich und Deutschland – später erweitert um Großbritannien – genügt hat, um Europa voranzubringen, ist unwiderruflich vorbei. Die Europäische Union mit ihren 27 höchst unterschiedlichen Mitgliedstaaten – großen und kleinen, starken und schwachen, selbstbewussten und schüchternen – ist zu komplex für staatenbündische Führungsmodelle. Sie braucht starke gemeinschaftliche Institutionen, die jene Aufgaben, die in die Kompetenz der Union fallen, auch tatsächlich bewältigen.

    Diese Einsicht führt mit dem viel diskutierten Lissabonner Vertrag nun zur Schaffung eines europäischen Außenministers und eines dauerhaften EU-Ratspräsidenten. Europas weltpolitisches Gewicht wird künftig davon abhängen, ob die Starken in Paris, Berlin und London den Personen, die diese neuen Ämter im Jahr 2009 antreten werden, auch Handlungsspielraum lassen. Der hyperaktive Sarkozy muss lernen, stillzusitzen.

    Von Stephan Baier