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    Sammelbecken alternativer Wählerschaft

    Herr Bartels, ist der Erfolg der Piratenpartei in Berlin allein einer der computeraffinen Generation in der Metropole? Wer wählt die Piraten? Die Wählerschaft der Piraten besteht zu einem großen Anteil aus jungen Männern, auch mit hoher Bildung.

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    Herr Bartels, ist der Erfolg der Piratenpartei in Berlin allein einer der computeraffinen Generation in der Metropole? Wer wählt die Piraten?

    Die Wählerschaft der Piraten besteht zu einem großen Anteil aus jungen Männern, auch mit hoher Bildung. Dieses Mal haben die Piraten zudem Stimmen aus anderen Schichten gewonnen, weil hier in Berlin eine große Sehnsucht nach alternativer Politik besteht. Wie früher die Grünen bietet diese neue Partei heute eine Alternative zum Establishment. Die Piraten profitierten davon, dass das Potenzial in Berlin dafür sehr hoch ist.

    Kümmern sich die Piraten eigentlich um mehr Themen als das Internet?

    Die zentralen Themen der Piraten sind: das Internet, die digitalen Bürgerrechte und die Netzpolitik im Allgemeinen. Die Partei hat sich in den vergangenen Jahren nur ein wenig darüber hinaus bewegt, aber Kernkompetenz würde ich das nicht nennen, was sie dort anzubieten hat. Sie nähern sich jedoch langsam anderen Themen aus der Erkenntnis heraus an, dass praktische Politik nicht mit einem Thema befriedigt werden kann.

    Sind die Piraten eine Alternative zu der Alternativpartei „Die Grünen“?

    Interessant ist einfach, dass es eine direkte Alternative gibt. Viele Berliner sagen doch schon länger, die Grünen sind nicht mehr „alternativ“ im eigentlichen Sinne, weil sie etabliert sind und sogar mit der Idee kokettiert haben, mit den Christdemokraten zu koalieren. Das wird im links-alternativen Wählerklientel der Hauptstadt nicht gern gesehen. Die Piratenpartei füllt diese Lücke. Auch wenn sie inhaltlich noch nicht viel anzubieten hat, ist die Partei zurzeit ein Sammelbecken für die alternative Wählerschaft in Berlin.

    Ist der Piraten-Erfolg auf Berlin begrenzt?

    Mit fast zehn Prozent ins Parlament gewählt zu werden, war wohl nur in Berlin möglich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich dies bundesweit wiederholen wird, aber in Großstädten, wie Hamburg oder Bremen, mit einem hohen alternativen Wählerpotenzial, kann ein ähnlicher Erfolg möglich sein.

    Hat die Partei eine Vision?

    Die übergreifende Vision ist, dass man glaubt, durch die technischen Möglichkeiten etwa des Internets eine basisdemokratische Politik umsetzen zu können, die sich nicht an einzelnen Personen der Partei, sondern an allen Mitgliedern orientiert.

    Spricht die Partei neben der Computergeneration auch ältere Wähler an?

    Ich kann mir gut vorstellen, dass einige 40- bis 50-jährige, die schon früher alternativ gedacht haben und heute einigermaßen enttäuscht sind, die Partei gewählt haben. Was die Piraten daraus machen, wie sie auch langfristig für andere Wählergruppen ansprechbar sind, das hängt stark von ihrem zukünftigen politischen Auftreten im Berliner Abgeordnetenhaus ab.

    Kann man die Anfänge der Grünen mit denen der Piraten vergleichen?

    Vergleichbar sind der basisdemokratische Habitus und der Anspruch, eine politische Alternative zu sein, und auch das frische, undogmatische und bisweilen etwas dilettantisch wirkende Auftreten. Thematisch muss man differenzieren: Auch wenn Grüne und Piraten heutzutage inhaltlich in vielen Fragen gar nicht so weit auseinanderliegen, die ökologische Bewegung und das Aufkommen einer politischen Alternativkultur damals hatten doch eine ganz andere gesamtgesellschaftliche Tragweite. Das ist nicht mit der Forderung nach digitalen Bürgerrechten zu vergleichen, auch wenn das ein großes Thema im Internet ist.

    Sind die Piraten rechts oder links?

    Das Selbstverständnis der Piraten ist, weder links noch rechts zu sein. Einige ihrer Themen sind zwar eher „links“ angesiedelt; „links“ zu sein entspricht aber weder dem Verständnis der Partei, noch der Mehrheit der Mitglieder.