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    Russlands Jagd auf seine wehrfähige Jugend

    Einst waren sie der Ruhm und Stolz einer Supermacht, heute leiden sie unter Verfalls- und Mangelerscheinungen: Russlands Streitkräfte sind schon lange nicht mehr das, was sie zu sowjetischen Zeiten waren. Die Ausrüstung ist veraltet, die Kasernen verrotten, die Verpflegung ist miserabel, es herrscht chronischer Geldmangel – auch in den Taschen der Armeeangehörigen. Sogar Offiziere müssen, um ihr eigenes Überleben und das ihrer Familien zu sichern, Nebenjobs machen.

    Einst waren sie der Ruhm und Stolz einer Supermacht, heute leiden sie unter Verfalls- und Mangelerscheinungen: Russlands Streitkräfte sind schon lange nicht mehr das, was sie zu sowjetischen Zeiten waren. Die Ausrüstung ist veraltet, die Kasernen verrotten, die Verpflegung ist miserabel, es herrscht chronischer Geldmangel – auch in den Taschen der Armeeangehörigen. Sogar Offiziere müssen, um ihr eigenes Überleben und das ihrer Familien zu sichern, Nebenjobs machen.

    Zum äußeren Verfall kommt die Zerstörung der Moral, die Verrohung der Menschen. „Dedowschina“ legt hiervon Zeugnis ab, die „Herrschaft der Großväter“. Es bedeutet die systematische Drangsalierung und brutale Herrschaft der Älteren über die Jüngeren. „Dedowschina“ ist die uneingeschränkte Machtausübung über die nachrückenden Rekruten. Die Älteren, häufig die Offiziere, konfiszieren deren privaten Besitz, nehmen sich ihre Essensrationen und den Sold. Junge Wehrdienstleistende werden regelrecht als Arbeitssklaven missbraucht und sogar gegen Geld an fremde Firmen verliehen. Sie werden zu sinnlosen, erniedrigenden, demütigenden Tätigkeiten gezwungen. Sie werden gequält, geprügelt und vergewaltigt. Und es gibt keine offizielle Instanz, an die sich die Gepeinigten in ihrer Not wenden könnten.

    Zu Beginn des Jahres 2006 machte der Fall von Andrej Sytschow Schlagzeilen. Der damals 19 Jahre alte Rekrut wurde in der Neujahrsnacht 2006 in der Panzerschule im sibirischen Tscheljablinsk von seinen Ausbildern so brutal gefoltert, dass ihm beide Beine und die Genitalien amputiert werden mussten. Die „Dedowschina“ dürfte das System sein, auf dem die gesamte Disziplin der russischen Armee basiert. In Kürze soll nun innerhalb der russischen Armee eine Militärpolizei entstehen, welche vor allem die brutale Drangsalierung von jungen Soldaten durch altgediente Kameraden, aber auch den Diebstahl bekämpfen soll. Noch 2006 hatte der damalige russische Präsident Vladimir Putin angeregt, eine Militärpolizei ins Leben zu rufen. Ende vergangenen Jahres hieß es aus dem Verteidigungsministerium, dass die neue Institution in diesem Jahr entstehen und 5 000 Mann stark sein soll.

    Vor allem aber strebt Russland eine Modernisierung der Streitkräfte an. Nach Angaben von Präsident Dmitrij Medwedjew soll Russland moderne Streitkräfte haben, die mit neusten Waffen ausgestattet in der Lage sind, jede Aggression abzuwehren. „Unser strategisches Ziel ist es, wirksame Armee und Flotte aufzubauen, die den heutigen Bedrohungen gewachsen und in der Lage sind, jeder Aggression zu widerstehen und als Faktor der internationalen Stabilität zu agieren“, sagte Medwedjew am Montag in Moskau bei einer festlichen Veranstaltung anlässlich des „Tags des Verteidigers des Vaterlandes“, den Russland traditionell am 23. Februar begeht. „Wir stehen vor der prinzipiellen Aufgabe, die Armee und Marine mit den neuesten Rüstungen auszustatten“, sagte der Staatschef. Statt veraltete Waffen immer wieder zu reparieren, müsse man sich auf den Bau neuer Rüstungen konzentrieren.

    „Berufssoldat, dein Ticket in die Zukunft“, wirbt Russlands Armee in ihren Werbespots. Die Bilder gut gelaunter Fallschirmspringer suggerieren dazu Abenteuerlust und Teamgeist. „Ich habe das selbst gewählt“, sagt ein junger Rekrut strahlend in die Kamera: „Und ich bereue es nicht.“ Mit solchen Werbespots und Plakat-Aktionen arbeitet das russische Militär derzeit an seinem Image. Denn den meisten jungen Männern in Russland graut weiterhin vor der Armee. Immer wieder berichten Menschenrechtsorganisationen über Misshandlungen und auch über Folter von Rekruten, meist durch länger gediente Kameraden: Großväterherrschaft.

    Obwohl der Wehrdienst auf ein Jahr verkürzt wurde, zerstört er Jahr für Jahr die Zukunftschancen zehntausender junger Männer. In Russland gilt eine allgemeine Wehrdienstzeit von zwölf Monaten für wehrfähige Männer ab 18 und bis maximal 27 Jahren. 2007 wurde sie von 24 auf 18, 2008 dann auf zwölf Monate verkürzt.

    Es ist der 2. Oktober 2009. Drei Offiziere schlagen 16 junge Soldaten in der Einheit 02511 in Kamenka bei Wyborg (Petersburger Gebiet) brutal zusammen und misshandeln sie, weil sie das von den Offizieren erpresste Geld nicht beibringen konnten. Der 18 Jahre alte Roman Kasakow, dem die Schädeldecke eingeschlagen wurde, muss um sein Leben bangen. Um das Verbrechen zu vertuschen, sperren die Offiziere den Jungen in das Privatauto eines Vorgesetzten und versuchen, ihn mit Abgasen zu töten. Als Roman Kasakow schließlich bewusstlos aufgefunden wird, verweigern die Vorgesetzten eine Überführung in das Moskauer Burdenko-Militärhospital. Stattdessen teilt die Militärstaatsanwaltschaft mit, Kasakow habe einen Selbstmordversuch unternommen. Roman Kasakow wurde am 23. Dezember 2009 Vater, seine Familie ist jetzt mittellos.

    Dem Rekruten Wladimir Romanow ist es zu verdanken, dass dieser Vorfall bekannt wurde. Er war ebenfalls verprügelt worden, konnte aber fliehen und dem Soldatenmütter-Komitee St. Petersburg berichten. Erst als die Soldatenmütter und die „Internationale Gesellschaft für Menschenrechte“ (IGFM) das Verbrechen publik gemacht und die Bestrafung der Täter verlangt hatten, setzte die Militärstaatsanwaltschaft eine Untersuchung ein. Am 1. Dezember 2009 wurde das gesamte Kommando der Einheit in Kamenka auf Befehl des Verteidigungsministeriums abgesetzt.

    Beim Komitee der russischen Soldatenmütter gehen jedes Jahr etwa 50 000 Beschwerden wegen Brutalität in den Streitkräften ein. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums kamen vergangenes Jahr 16 Soldaten durch die Dedowschina ums Leben. Und Hunderte von Selbstmorden, Amokläufen und Desertionen gehen nach Expertenansicht ebenfalls auf das Konto der Großväterherrschaft. Insgesamt wurde in mehr als tausend Todesfällen in der Armee strafrechtlich ermittelt. Die Soldatenmütter schätzen allerdings, dass nur 20 Prozent aller Verbrechen in den Streitkräften überhaupt publik werden. Die Tendenz zur Vertuschung sei extrem ausgeprägt. Vor diesem Hintergrund forderte Wladimir Lukin, der Menschenrechtsbeauftragte des russischen Präsidenten, dass „nicht nur irgendwelche Unteroffiziere bestraft werden, sondern dass die gesamte Hierarchie der verantwortlichen Personen in der Generalität zur Rechenschaft gezogen wird“.

    Vorerst drückt sich in Russland vor dem Wehrdienst, wer kann. Studenten schreiben sich pro forma zum Doktorstudium ein, um nicht eingezogen zu werden. Viele andere besorgen sich ein ärztliches Attest oder kaufen sich frei. Mittlerweile geht die Armeeführung selbst verstärkt gegen die berüchtigte „Dedowschina“ vor. So soll jede Kaserne per Video überwacht werden. Das Verteidigungsministerium hat zudem allen Rekruten den Besitz von Mobiltelefonen erlaubt, damit im Notfall Hilfe gerufen werden kann. Doch die Probleme lägen viel tiefer, erläutert Ludmila Jarilina, Vize-Präsidentin des Moskauer Komitees der Soldatenmütter: „Schon früher, als man noch zwei oder anderthalb Jahre dienen musste, haben alle in Wirklichkeit auf den Datschen ihrer Offiziere gearbeitet. Und nicht nur auf den Datschen, sondern auch in Fabriken.“ Den Lohn für die Fabrikarbeit bekommen in der Regel die Offiziere.

    Auch deshalb geht niemand freiwillig in die Armee. Oft holt die Polizei junge Männer im Morgengrauen von zu Hause ab. Auch an den Metrostationen werden gezielt potenziell Wehrfähige kontrolliert und zum Teil direkt in die Armee geschickt. Um das Plansoll von 271 020 Rekruten für die Herbsteinberufung, die am 31. Dezember 2009 offiziell endete, zu erfüllen, führten Militärkommissariate eine regelrechte Jagd auf wehrfähige Jugendliche durch. Das Soldatenmütter-Komitee meldete der IGFM allein für die Stadt St. Petersburg 43 Fälle von Verschleppungen Jugendlicher, die von Milizen bei Razzien in Einkaufszentren, Studentenwohnheimen, Sporteinrichtungen, vom Arbeitsplatz oder offen auf der Straße entführt und zu Kommissariaten gebracht wurden.

    Die Brutalität in der Armee ist alltäglich und selten ein Thema in der Öffentlichkeit. Soldatenmütter waren es schließlich, die nicht länger hinnehmen wollten, wie ihre Söhne in der Truppe behandelt werden. Am 10. November 1991 gründet Ella Poljakowa mit neun Bürgerrechtlern die Organisation der St. Petersburger Soldatenmütter. Im ersten Tschetschenien-Krieg versuchen die St. Petersburger Mütter, ihre Söhne vom Schlachtfeld zu holen. Ihr Marsch auf Grosny war mutig, aber vergeblich: Das russische Militär stoppte die Frauen und schickte weitere Wehrpflichtige in den Krieg in den Kaukasus.

    Mittlerweile gibt es Soldatenmütter in fast jeder größeren Stadt Russlands. Ihre Büros sind erste Anlaufstelle für Deserteure und misshandelte Rekruten, hinter denen oft ein monatelanges Martyrium liegt. Für ihre Menschenrechtsarbeit erhielten die Soldatenmütter 2004 den Aachener Friedenspreis. Die Soldatenmütter prüfen und listen Fälle auf, fertigen rechtliche Analysen an und geben Kommentare ab. Sie differenzieren nach Folter, widerrechtlichem Freiheitsentzug, widerrechtlichem Einzug in die Armee, widerrechtlichen Urteilen, anderen Verletzungen. Sie geben die Informationen in Russisch und Englisch an die Vereinten Nationen, an die Regierung und an das Militär. „Es ist wichtig, dass wir mit Offizieren zusammenarbeiten, damit die Heeresführung unbemerkt von der Öffentlichkeit keine Kriege einleiten kann. Wir befinden uns in einem Land, wo die Menschen nicht mehr wissen, was Menschenwürde ist. Wir versuchen, sie aus der totalitären Denkweise herauszuholen, indem wir den Menschen das Gefühl geben, Mensch zu sein und Würde zu haben“, sagt Ella Poljakowa. Das Komitee ist der Obrigkeit ein Dorn im Auge. Kürzlich wurde im Büro in St. Petersburg eingebrochen, das Mobiliar zertrümmert und die Computer gestohlen.

    Von Carl-H. Pierk