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    Rückzug vom Rückzug?

    François Fillon meldet sich zurück – Er gründet eine Stiftung für Orientchristen. Von Jean-Marie Dumont

    Präsidentschaftswahl in Frankreich
    Fillon auf Wahlplakaten, das war einmal. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat hat sich aus der Politik zurückgezogen. ... Foto: dpa

    Der ehemalige französische Premierminister und Präsidentschaftskandidat der Konservativen François Fillon will eine Stiftung „für die Minderheiten im Orient“ gründen. Am 4. Juni veröffentlichte die berühmte wöchentliche Illustrierte „Paris-Match“ auf ihrer Webseite einen Brief Fillons. Nachdem Fillon wegen des Verdachts, seiner Frau eine Scheinbeschäftigung beschafft zu haben, in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen 2017 gescheitert war, hatte er beschlossen, die Politik zu verlassen. Seither arbeitet er als Partner bei Tikehau Capital, in den Medien wurde es still um ihn. Umso mehr ist dieser Brief nun eine Überraschung. Alle wissen, dass der ehemalige Premierminister von Nicolas Sarkozy, der auch mehrmals Minister und Abgeordneter gewesen ist, schon immer Sympathie für die Orientchristen gezeigt hat. „Wir müssen, die Orientchristen verteidigen, weil sie die Vielfalt im Orient vertreten“, erklärte er etwa im April 2017 via Twitter nach einem Angriff auf eine Kirche in Ägypten. „Die Orientchristen dürfen wir nicht alleinlassen gegen die terroristische Barbarei“, sagte er einige Monate früher. Aber in der französischen Öffentlichkeit lässt sich so ein Engagement auch gut nutzen, um Wählerstimmer zu gewinnen.

    Mit diesem Brief äußert sich François Fillon zum ersten Mal in den Medien über ein politisches Thema seit seiner Niederlage vor einem Jahr. Kann er als erster diskreter Schritt zurück in die Politik gewertet werden? Sicher ist, dass sich die Gründung der Stiftung relativ unabhängig von schon existierenden Organisationen entwickeln wird. L'Oeuvre d'Orient, die in Frankreich älteste Institution für den Schutz der Orientchristen, hat erklärt, sie freue sich auf die Gründung dieser neuen Stiftung „für die religiösen Minderheiten im Orient“. Sie sei dazu bereit, mit ihr zu kooperieren.

    „Wie Sie wissen“, erklärt Fillon in dem Brief, „ist die Frage der Minderheiten im Orient, und besonders der Christen, besonders wichtig für mich.“ Er erwähnt die „Dramen“, die diese Bevölkerungsgruppen in einem Teile der Welt erlebt haben, „wo Kriege, religiöse Spannungen, Fundamentalismus, oft unbeschreibliche Leiden verursachen“. „Deshalb habe ich entschieden, einen Teil meiner Zeit und meiner Energie diesen unterdrückten Menschen durch diese Stiftung zu widmen.“

    Fillon wirbt um Spenden bei Anhängern

    Es existiert bereits der Verband „Agir pour les chrétiens d'Orient“ (Für die Orientchristen handeln), der Spenden entgegennehmen und so die Gründung der Stiftung vorbereiten kann. „Ich brauche Ihre Unterstützung, liebe Freunde“, schreibt Fillon. Die Stiftung müsse Anfang 2019 einsatzfähig sein. Diese „Freunde“ , die Fillon anspricht, können Politiker sein, mit denen er gearbeitet hat, Unternehmer, die ihn während der letzten Kampagne unterstützt haben, oder einfach Anhänger, die seine Niederlage nie angenommen haben und die ihm treu bleiben.

    Welche Ziele wird die Stiftung verfolgen? Sie solle zuerst, so Fillon, dazu beizutragen, dass die dramatische Situation der Orientchristen nicht in Vergessenheit gerate. Es bestehe das Risiko, „dass man sich an diese unannehmbaren Zustände gewöhnt“. So will die Stiftung „die öffentliche Meinung sensibilisieren, und zu der öffentlichen Debatte beitragen, damit Lösungen zu den von den Orientchristen erlebten Dramen gefunden werden“, so Fillon in seinem Brief. Dann wird die Stiftung Initiativen unterstützen, die in den betroffenen Ländern bereits existieren. Sie will in verschiedenen Bereichen aktiv werden: Erziehung, Kultur, Unterkunft, Wirtschaft oder sozialer Hilfe. Schließlich soll die Stiftung Menschen unterstützen, die ihre Heimat verlassen mussten: „Die Stiftung will da sein für diejenigen, die keine andere Lösung gefunden haben als wegzugehen, und die nun Flüchtlinge in Frankreich oder in anderen europäischen Ländern sind.“ Genauere Informationen wird man in den folgenden Monaten bekommen, wenn die Gründer – unter anderem François Fillon – sich persönlich äußern werden.

    Effektiver Lobbyismus für Orientchristen

    Ab 2019 wird es also mit der Fillon-Stiftung in Frankreich eine neu zusätzliche Institution geben, die für den Schutz der Orientchristen aktiv sein wird. Außer L'Oeuvre d'Orient, das vor allem Projekte des Klerus und der lokalen Gemeinschaften unterstützt, ist bisher in Frankreich auch schon seit Jahren das Päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“. in diesem Bereich aktiv. Seit etwa fünf Jahren gibt es zwei neue jüngere Organisationen – SOS Chrétiens d'Orient und Fraternité en Irak –, für die Freiwillige in den verschiedenen betroffenen Ländern aktiv sind. Auch wenn die neue Stiftung zum Teil ähnliche Rolle spielen könnte wie die bereits existierenden Organisationen, etwa bei der Unterstützung von Projekten vor Ort, wird die Fillon-Stiftung doch stärker politisch prägen und Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen können. Sie hat größere Möglichkeiten, für die Anliegen der Orientchristen werben zu können. Bereits 2015 hatte François Fillon eine sehr große Veranstaltung „Zugunsten der Orientchristen“ im berühmten Paris „Cirque d'Hiver“ durchgeführt: mit Politikern, Bischöfen, Intellektuellen und Vertretern der verschiedenen Orientkirchen.

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