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    Richtig Urlaub machen – auf katholisch

    Schon Hildegard von Bingen sagte: „Ein frommer Christ, der niemals ruht, tut seinem Nächsten gar nicht gut.“ Von Rudolf Gehrig

    Fish Sand Symbol
    A fish symbol in drawn in the sand Foto: (18015764)

    Schon Hildegard von Bingen sagte: „Ein frommer Christ, der niemals ruht, tut seinem Nächsten gar nicht gut.“ Urlaub und Erholung, das wusste bereits die Heilige, sind auch für einen Katholiken wichtig. Doch in Zeiten wie diesen, in denen der Sittenverfall um einen herum nicht mehr aufzuhalten ist und die Kirche gesellschaftlich mehr und mehr an den Rand gedrängt wird, weil katholische Werte als Bedrohung für den neuen Lifestyle wahrgenommen werden, stellen sich viele Gläubige die Frage: Wie kann ich da noch Urlaub machen, ohne meinen Glauben zu verraten? Oder anders gefragt: Wie geht Urlaub auf katholisch?

    Bevor wir dieses Thema betrachten, sollten wir vielleicht erst einmal einen Gang runterschalten. Zunächst einmal: Das Zitat von Hildegard von Bingen habe ich frei erfunden. Es ist in manchen Kreisen Mode geworden, sich so sehr über die geistigen Umbrüche in der Gesellschaft zu beklagen, dass viele Gläubige unsicher geworden sind, ob die Freude an einfachen Dingen wie ein kühles Bier oder ein ausgedehnter Strandurlaub bereits das Seelenheil bedrohen. Klarheit verschafft dann meist nur noch der Blick in den Katechismus oder ein passendes Heiligenzitat. Beides ist grundsätzlich nie verkehrt.

    Es ist auch nicht abzustreiten, dass sich die Gesellschaft in einem Umbruch befindet. Daher umso verständlicher, dass sich Katholiken mehr und mehr in Gewissenskonflikte verwickelt fühlen. Gehe ich zur Hochzeit meines geschiedenen Bruders? Lass ich den Freund meiner Tochter in meinem Haus übernachten? Kann ich noch meinen örtlichen Lebensmitteldiscounter unterstützen, wenn er Kondome im Sortiment hat? Doch manchmal erfasst der panische Blick auch jene Bereiche, die für Körper und Geist eigentlich die Ruhezone sein sollten, dort, wo wir uns von den harten Strapazen der Alltagskämpfe erholen sollten.

    Einer dieser Bereiche ist zum Beispiel der Urlaub. Natürlich gibt es auch da für einen Katholiken gewisse Grundregeln. Urlaub bedeutet nicht Urlaub von Gott. Das Gebet und der sonntägliche Messbesuch sollten auch im Urlaub gepflegt werden. Auch schadet es nicht, wenn Sie die Zeit nutzen, um in sich zu gehen, über Vieles nachzudenken und Kraft zu sammeln für den Neuanfang in Bereichen, in denen Sie geschwächelt oder versagt haben. So kann sich während des Urlaubs die perfekte Möglichkeit auftun für eine ehrliche Gewissenserforschung als Vorbereitung auf die nächste Beichte. Vielleicht schaffen Sie es sogar, sich während des Urlaubs Zeit zu nehmen für geistliche Literatur, für die Ihnen im Alltag die Muße fehlt. Mal wieder in der Bibel lesen oder eine Heiligenbiografie zu verschlingen, während Sie es sich in der Hängematte gemütlich machen – warum nicht? Ohne Zeitdruck und Termine ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Sie den ein oder anderen klugen Gedanken später mit in Ihren Alltag nehmen können. Aber setzen Sie sich nicht zu sehr unter Druck! Es gibt einige Bücher, die in Original-Verpackung mit in den Urlaub und genauso wieder mit nachhause geschleppt werden. Das ist keine Schande. Vielleicht klappt es dann im nächsten Urlaub.

    Es ist auch ein unbeschreibliches Gefühl, sich mitten am Tag einfach mal in eine Kirche zu setzen. Vielleicht haben Sie das schon einmal während des Alltags versucht. Kaum sitzen Sie da und sind zur Ruhe gekommen, fallen Ihnen wieder die Dinge wieder ein, die Sie heute unbedingt noch erledigen wollten. Fast schon ängstlich geht der Blick zur Uhr und Sie müssen feststellen, dass Sie gerade eigentlich keine Zeit haben, um einfach nur dazusitzen und auf Gott zu lauschen. Im Urlaub haben Sie die Möglichkeit, ein paar Stunden in trauter Zweisamkeit mit Gott zu genießen und dabei aufzutanken.

    Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Sie die wichtigsten Arbeiten vor der Abfahrt schon erledigt und Sie keine Arbeitsaufträge Ihres Chefs mitgenommen haben. Gerade, wenn Sie mit Ihrer Familie unterwegs sind, kann es ein richtiger Stimmungskiller sein, wenn Mama oder Papa ständig am Computer oder Handy herumhängen. Sie mögen vielleicht glauben, dass ohne Sie in der Firma nichts läuft und der Chef vollkommen aufgeschmissen ist, wenn Sie Ihr Handy ausmachen. Aber vielleicht braucht es genau diese radikale Demutsübung, um sich wieder darüber klar zu werden, worauf es wirklich ankommt. Positiver Nebeneffekt: Schon ein paar Tage Pause von der Arbeit kann dazu führen, dass Sie mit neuen und frischen Ideen zurück an Ihren Arbeitsplatz kommen.

    „Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn, wenn Fasten, dann Fasten“ – dieses Zitat der heiligen Teresa ist nicht erfunden. Wenn Sie eine Wallfahrt machen, machen Sie eine Wallfahrt. Wenn Sie auf Exerzitien sind, sind Sie auf Exerzitien. Doch wenn Sie Urlaub machen, machen Sie ruhig Urlaub. Schämen Sie sich nicht, es Urlaub zu nennen. Sie müssen niemandem etwas beweisen, schon gar nicht Gott. Natürlich gibt es auch Menschen, die Ignatianische Schweigeexerzitien erholsamer finden als eine Woche lang am Strand zu liegen. Doch diese Menschen tun das in der Regel, weil sie es wollen und nicht, um einen Frömmigkeitswettbewerb zu gewinnen. Finden Sie heraus, was am besten zu Ihnen passt. Und dann lassen Sie sich von Gott überraschen! Vielleicht ist Er Ihnen genau dann am nächsten, wenn Sie es am wenigsten erwarten.

    Niemand erwartet von Ihnen, dass Sie sich ein überbordendes geistliches Programm aufhalsen. Wenn Sie das geistliche Leben fortführen, das Sie im Alltag schon pflegen und weder das Gebet noch die Sonntagsmesse vernachlässigen, haben Sie ein gesundes Grundgerüst. Dazu können Sie zusätzliche die Gelegenheiten nutzen, die sich Ihnen bieten. Wenn Sie die Möglichkeit haben, jeden Morgen eine Heilige Messe zu besuchen und Ihnen das frühe Aufstehen nichts ausmacht, tun Sie das. Wenn Sie unter der Woche aber lieber länger schlafen möchten, weil Sie am Abend davor noch bis tief in die Nacht mit Ihrer Familie oder Ihren Freunden bei einem Gläschen Wein unterm Sternenhimmel gesessen sind, dann haben Sie keine Scheu davor, den Wecker stumm zu schalten und sich noch einmal umzudrehen. Der Urlaub soll der Regeneration dienen, vor allem auch der körperlichen. Und der Körper ist immerhin der „Tempel des Heiligen Geistes“. Also pflegen Sie ihn gut.

    Wir Katholiken sind es ja gewohnt, dass das Leben vor allem Mühsal bedeutet. Wir singen vom „Jammertal“, versprechen, uns selbst zu verleugnen, das Kreuz zu tragen, widersagen dem Satan und lernen, dass der Menschensohn nicht einmal einen Stein hatte, auf den er seinen Kopf legen konnte. Wir trösten uns dann, dass der Menschensohn eines Tages wiederkommen und dann abgerechnet wird. Spätestens dann werden sich all die Strapazen auszahlen, die wir seinetwegen auf uns genommen haben.

    Und doch dürfen wir nicht vergessen, dass Gott uns diese herrliche Schöpfung geschenkt hat. Wenn Sie die Möglichkeit haben, bereisen Sie die Welt! Es wird Momente geben, in denen Sie beim Anblick des sich im Meer spiegelnden Sonnenuntergangs so verzückt sind, dass Sie alles um Sie herum vergessen. Bestaunen Sie die Berge, die Wälder, die unendlichen Steppen. Lassen Sie es krachen. Feiern Sie das Leben. Kommen Sie zur Ruhe, indem Ihnen wieder bewusst wird, dass Sie ein Teil dieser Schöpfung sind und Gott einen Plan mit Ihnen hat. Genießen Sie diese Momente, bevor der Alltag Sie wieder einholt. Denn alles hat seine Zeit.

    Einen Himmel auf Erden wird es für uns jetzt noch nicht geben. Der schönste und längste Urlaub wird irgendwann vorbei sein. Kein Foto, kein Video kann Ihnen diese Momente zurückbringen, wenn Sie am Montag danach wieder im Büro am Kopierer stehen und versuchen, den Papierstau zu beheben. Die schönste Sonnenbräune wird nicht verhindern können, dass Sie nach dem Urlaub Unmengen an Wäsche zu waschen haben, die Kinder zur Schule gebracht werden müssen oder der Schichtdienst Ihren Schlafrhythmus wieder völlig durcheinanderwirbelt. Wenn sich wieder der Alltagstrott einstellt, wird der Urlaub bald nur noch eine nette Erinnerung sein. Der Tag wird kommen, an dem die gesammelten Erholungsreserven wieder aufgebraucht sind. Der Genuss der irdischen Güter wird uns niemals so erfüllen wie die viel zitierten „himmlischen Freuden“, die uns erwarten. Und doch sind sie schon jetzt ein kleiner Vorgeschmack auf das, was kommen wird. Danken Sie Gott dafür – und genießen Sie Ihren Urlaub!

     

    10 Tipps um richtig zu urlauben

    1 Planen Sie Ihr Reiseziel sorgfältig und machen Sie dort Urlaub, wo Sie sein wollen (nicht da, wo es trendig ist: Kirche vorhanden, Gottesdienste, Anbetung, Stille)

    2 Erledigen Sie vorher die wichtigsten Aufgaben (Arbeit, Haushalt, etc.)

    3 Reisen Sie mit Gebeten (Hl. Christopherus, Schutzengel)

    4 Verzichten Sie – so gut es geht – auf TV, Handy, soziale Medien („Digital Detox“), um ganz bei Gott und sich selbst zu sein – seien Sie nur für Ihn erreichbar. (Wenn mit Familie, gönnen Sie sich Räume für sich selbst)

    5 Nehmen Sie sich nicht zuviel vor (Bücher lesen, aufgeschobene Arbeiten erledigen, mystische Erfahrungen/Heiligung), sondern seien Sie offen für die kleinen Zeichen Gottes.

    6 Schlafen Sie ausreichend (Regeneration)

    7 Essen Sie gut (aber gesund!)

    8 Bewegen Sie sich ausreichend (Spaziergänge, kleine Pilgerausflüge)

    9 Lassen Sie sich von Gott überraschen (zufällige Begegnungen, Entdeckungen, „Heilige des Ortes“)

    10 Erwarten Sie nicht zuviel vom Urlaub. Ideal ist es, wenn Sie bereits im „normalen“ Leben kurze Auszeiten kultivieren (stiller Nachmittag)

    von Rudolf Gehrig

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