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    Revolte der Nacht am helllichten Tag

    Kriegsgewinnler gibt es überall, auch in Europa. Sie sind heute etwa da anzutreffen, wo die Menschen aufgebracht sind und die Zukunft ungewiss ist. In Frankreich findet man sie vorzugsweise am Rand von Revolutionen oder revolutionären Ansammlungen, zum Beispiel am Platz der Republik mitten in Paris. Dort versammelten sich wochenlang hunderte bis tausende junge Leute, um zu diskutieren. Reden macht hungrig, vor allem wenn es bis in die Morgenstunden geht. Spontane Grillbuden, nicht viel mehr als ein mobiler privater Grill, bot teure Steaks mit Baguette feil und manchmal standen da mehr junge Leute an den Buden als vor den Zelten mit den Rednern. Rings um den Platz standen, in gebührender Entfernung, aber gut sichtbar die Polizeieinheiten.

    Die friedliche Stimmung täuscht: Auf dem Platz der Republik in Paris wurde nicht nur geredet und zugehört, sondern auch ... Foto: dpa

    Kriegsgewinnler gibt es überall, auch in Europa. Sie sind heute etwa da anzutreffen, wo die Menschen aufgebracht sind und die Zukunft ungewiss ist. In Frankreich findet man sie vorzugsweise am Rand von Revolutionen oder revolutionären Ansammlungen, zum Beispiel am Platz der Republik mitten in Paris. Dort versammelten sich wochenlang hunderte bis tausende junge Leute, um zu diskutieren. Reden macht hungrig, vor allem wenn es bis in die Morgenstunden geht. Spontane Grillbuden, nicht viel mehr als ein mobiler privater Grill, bot teure Steaks mit Baguette feil und manchmal standen da mehr junge Leute an den Buden als vor den Zelten mit den Rednern. Rings um den Platz standen, in gebührender Entfernung, aber gut sichtbar die Polizeieinheiten.

    Sie ließen die „Aufrechten der Nacht“, wie sich die Jungrevolutionäre nannten, ein paar Tage gewähren – und das war ein Fehler. Denn unter die Aufrechten hatten sich auch Chaoten und Krawallmacher gemischt, die in der dritten Nacht dann die Schaufenster von Banken und Geschäften zertrümmerten. In der vierten Nacht lieferten sie sich mit den Polizisten Straßenschlachten. Da waren die Grillbuden aber schon verschwunden, der Mitternachtssnack vorbei.

    Die Regierung Hollande hat ein Problem mit den jungen Leuten. Das ist bei linken Regierungen bemerkenswert, weil linke Gutmenschen ja glauben, nicht nur die Geschichte, sondern auch die Jugend und die Zukunft für immer gepachtet zu haben. Nun aber musste man im Elysee feststellen, dass die Geschichte eigene Wege geht. Die Jugend in Frankreich will Arbeit, keine Revolte. Das bestätigen alle Umfragen. Die paar tausend, die der Bewegung „Nuit debout“ in mehreren Städten folgten, waren Berufschaoten, Anarchisten oder vom Sturm und Drang des nahenden Frühlings Getriebene. Sie übten die Revolution auf dem Place de la Republique. Wieder einmal zu spät erkannte man im Elysee, dass es sich bei der Bewegung nicht um „die Jugend“ handelt. Man hat die jungen Leute und die Vermummten zu lange reden und gewähren lassen. Nicht nur weil Banken und Geschäfte dabei zu Bruch gingen, sondern weil das Zögern Schule machte. Auch andere Berufsgruppen, zurzeit sind es die Kulissenschieber und das Theaterpersonal, nehmen Maß an dem Rebellionsmodell. Am Mittwoch besetzten sie Theater in sechs Städten, darunter die kulturell reichsten wie Paris, Strasbourg, Lyon. Sie verlangen mehr Arbeitsplatzsicherheit und Arbeitslosengeld ab dem ersten Tag der Entlassung, derzeit bekommen sie es erst nach Monaten.

    Die „Kulissenschieber“, die „Aufrechten der Nacht“, Schüler, Studenten, vorher monatelang die Bauern, dazwischen die Gerichtsangestellten, immer wieder das Klinikpersonal, jüngst die Polizei und das Sicherheitspersonal – es gibt kaum eine Berufsgruppe, die nicht schon auf die Straße gegangen ist. Die Malaise ist groß, das Ansehen der Regierung so gering wie nie in der Fünften Republik. Mit einer Fernsehsendung von zwei Stunden, in der Präsident Hollande sich dem Volk stellte, sollte die Abwärtsspirale gedreht werden. Hollande überzeugte nicht, der Niedergang wurde nur beschleunigt. Sein belehrender Volksschullehrerstil wird von den meisten als nervig empfunden, „der Mann hört nicht zu“, „er versteht uns nicht“, „er denkt nur an seine Wiederwahl“ – das waren noch die harmloseren Urteile. In der Tat fällt auf, dass Hollande und ähnlich sein Premierminister Manuel Valls bei allen medialen Auftritten und bei Besuchen in Fabriken, Schulen, Ausstellungen und Krankenhäusern zwar betroffen tun und mit ernster Mine die Klagen hören, aber sie spiegeln eher die Haltung der Ratlosen auf dem Platz der Republik wider. Sie hören und reden und sie bleiben unter sich. Symptomatisch für diese Haltung war die Vertreibung des Philosophen Alain Finkielkraut vom Platz der Republik. Die Revolte der Nacht duldet keine Andersdenkenden. Der Schriftsteller, als Mitglied der Académie einer der „Unsterblichen“, durfte nicht reden, noch nicht einmal zuhören – so viel Symbolik war nie. Die Regierung ließ es geschehen und die Vertreibung durch die Totalitären der Nacht zeigt das totale Versagen der Regierung. Finkielkraut beschrieb sein Erlebnis im Figaro mit den Worten: „Es ist eine simple Tatsache: Man ist unter sich in der ,Nacht der Aufrechten‘.“ Auf der angeblichen Agora wird das Fremde gefeiert aber der Andere verjagt. Fieberhaft diskutiert der Gleiche mit dem Gleichen und jene, die stolz behaupten, die Demokratie neu zu beleben, erfinden neu im Vergessen der Vergangenheit doch nur den Totalitarismus.“

    Man fragt sich, wie Frankreich diese Regierung noch ein ganzes Jahr lang ertragen will. Was die Menschen, ob jung oder alt, am meisten beunruhigt und interessiert, ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt. An ihr will sich Hollande messen lassen. Aber die Zahlen sind unerbittlich. Seit Beginn der Amtszeit Hollandes ist die Zahl der Arbeitsuchenden um 1,18 Millionen gestiegen und hat sich die Dauer der Arbeitslosigkeit von 284 auf 305 Tage erhöht. Jetzt, ein knappes Jahr vor dem ersten und alles entscheidenden Wahlgang, wird getrickst. Angeblich sei im März die Zahl der Arbeitslosen erstmals deutlich gesunken und zwar um 60 000. Der genauere Blick in die Statistik aber zeigt, dass es nur rund siebentausend sind, die anderen 53 000 verschwinden in Umschulungs- und Kurzzeit-Verträgen.

    Betrogen fühlen sich viele Jugendliche auch durch die ungleiche Behandlung vor den Strafgerichten. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen und das hat politische Gründe. So wurden jetzt fünf jugendliche Chaoten vom Platz der Republik wegen Sachbeschädigungen und Angriff auf die Polizei dem Richter vorgeführt. Ergebnis: Der Prozess gegen zwei Anarchisten wurde vertagt, die beiden bis dahin auf freien Fuß gesetzt; ein weiterer bekam drei Monate Haft auf Bewährung, die anderen eine Geldstrafe von 700 Euro. Diese Strafen erscheinen lächerlich angesichts der Urteile gegen Jugendliche, die bei den großen und gewaltfreien Demonstrationen gegen die Ehegesetze der Regierung (Gleichstellung der Homo-Paare mit der Ehe) mitmarschierten. So wurde Nicolas Bernard-Buss zu vier Monaten Gefängnis plus einer Geldstrafe von 1 000 Euro verurteilt „wegen Rebellion und Angabe falscher Identität“. Doppeltes Maß auch bei den Chaoten und Vermummten, die gegen den Ausbau des Flughafens von Nantes gewaltsam demonstrierten und den Verkehr rund um die Stadt lahmlegten. Sie bekamen eine Geldstrafe von 400 Euro, zum Teil auf Bewährung. Dabei stehen auf diese Vergehen Gefängnis bis zu zwei Jahren und eine Geldbuße von 4 500 Euro.

    Die Glaubwürdigkeit der Regierung und der sie tragenden Sozialistischen Partei ist dahin. Mehr als die Hälfte der Parteimitglieder hat das Parteibuch abgegeben. Der Aderlass der Austritte hält an. In dieser parteipolitisch vorrevolutionären Stimmung genügt ein Funke, um einen neuen Hoffnungsträger zu küren oder die alte Garde davonzujagen. Der neue Hoffnungsträger heißt Emmanuel Macron. Der junge Wirtschaftsminister belebt die Debatte und dürfte demnächst von sich reden machen. Nicht ausgeschlossen, dass er für die Linke bei den Präsidentschaftswahlen antritt. Hollande jedenfalls werden keine Chancen mehr eingeräumt. Es sei denn, er löst das Parlament auf. Aber selbst das traut ihm keiner mehr zu. Die Revolte der Nacht wird am helllichten Tag weitergehen, wie lange ist heute noch nicht abzusehen.