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    Religionspolitische Signale

    Den Gedenktag der Taufe der Kiewer Rus' nutzt Wladimir Putin, um seine Verbundenheit mit der Orthodoxie auszudrücken. Von Barbara Wenz

    Am 28. Juli wurde im Moskauer Kreml und auf dem Kathedralenplatz mit einer prachtvollen Zeremonie, die von Patriarch Kirill und dem Patriarchen von Alexandria und ganz Afrika, Theodoros II., geleitet wurde, der 1 030. Jahrestag der Christianisierung Russlands und der Ukraine gefeiert. Am Festgottesdienst und der darauffolgenden Prozession nahmen wie auch in den Jahren zuvor der russische Staatspräsident Wladimir Putin und Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin teil.

    Der „Tag der Taufe der Rus'“, wie er offiziell genannt wird, beruht auf einem historischen Ereignis: Am 28. Juli 988 ließ sich Wladimir, der Großfürst von Kiew, dessen Reich als Vorläufer und Mutterreich für Russland, Weißrussland und die Ukraine gilt, nach byzantinischem Ritus taufen. Zuvor soll er der Überlieferung nach über die wichtigsten Religionen Erkundigungen eingezogen haben – was seine Botschafter ihm vom byzantinischen Hof berichteten, habe ihn schließlich überzeugt: Dort werde der Gottesdienst so gefeiert, dass sie nicht mehr gewusst hätten, ob sie noch auf der Erde oder schon im Himmel seien.

    Wladimir wird häufig mit Karl dem Großen verglichen – er machte Kiew, die „Mutter aller russischen Städte“ zu einer glanzvollen Stadt mit „mehr als 400 Kirchen und acht Märkten“, wie der deutsche Bischof Thietmar von Merseburg in seiner Chronik bewundernd schreibt. Die Taufe des Großfürsten, der später auch heiliggesprochen wurde, und sein Reich, die Kiewer Rus' stellen für viele Historiker nicht nur einen ersten Höhepunkt, sondern zugleich den Beginn von etwas Größerem, Eigenständigem dar. Tatsächlich kann dieser Moment, insbesondere im Hinblick auf das nationale Selbstverständnis der Russen von heute, gar nicht überschätzt werden.

    Feiertag zeigt die Nähe zwischen Staat und Kirche

    Dass die orthodoxe Kirche im Jahre 2008, anlässlich des 1 020. Jahrestages in einem Schreiben an den damaligen Präsidenten Dmitri Medwedjew vorschlug, den 28. Juli nicht nur als Gedenktag zu feiern, sondern zu einem nationalen Feiertag zu erheben, mag nicht weiter ungewöhnlich sein. In diesem Schreiben wurde bereits die Hoffnung auf den Aufbau einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat, vor allem in den „Bereichen Bildung, Erziehung, Gesundheit, soziale Betreuung und Medien“ deutlich formuliert. Dass dann aber bereits knapp ein Jahr später, von Medwedjew und dem damaligen Ministerpräsidenten Putin unterstützt, ein Auftrag zur Ausarbeitung einer Gesetzesvorlage erging und 2010 in der Duma 422 von 450 Abgeordneten mit einem Ja für einen neuen nationalen Feiertag stimmten, ist ein deutlicher Indikator dafür, wie stark beide Seiten aneinander interessiert sind. Der Staatsmacht bietet der Verweis auf die historische Bedeutung und das ruhmvolle Reich der Kiewer Rus' die alljährlich wiederkehrende Gelegenheit, an nationale Größe und Einheit zu erinnern in einer weltgeschichtlich schwierigen Situation. „Die Christianisierung ist Anfangspunkt der Etablierung und Entwicklung des russischen Staatswesens, die geistliche Geburt unserer Vorfahren, ihrer Identität und ihres Selbstbewusstseins, der Blüte unserer nationalen Kultur und Bildung“, sagte Wladimir Putin dieses Jahr in seiner Botschaft. Sie habe einen Einfluss auf die gesamte spätere weltgeschichtliche Entwicklung gehabt. Patriarch Kirill schrieb unter anderem in seiner Botschaft: Dass der Großfürst ausgerechnet den orthodoxen Glauben angenommen habe, sei ein machtvoller Anstoß für die Entwicklung der einzigartigen ostslawischen Kultur gewesen. Gleichzeitig wies er auch daraufhin, dass die Liebe zu den „Gräbern der Ahnen“, zur Tradition und Nation nicht ausreiche.

    In erster Linie sei derjenige ein orthodoxer Christ, der eine bewusste Entscheidung für Jesus Christus treffe, Ihn und Seine Wahrheit beständig suchen wolle. Im darauffolgenden Satz wird dann wiederum deutlich, dass dies nach russisch-orthodoxem Selbstverständnis aber eben nicht eine Privatsache zwischen dem gläubigen Christen und dem Erlöser sein kann: „Unsere ganze gemeinsame Geschichte und Kultur, die jahrhundertealte spirituelle und kirchliche Tradition sind eng verbunden mit dieser Suche nach Wahrheit. Sie steht im Mittelpunkt unseres Lebens, sie eint uns und gibt uns die Kraft, auf dem Weg unserer geschichtlichen Entwicklung weiterzugehen und alle Schwierigkeiten, Mühsale und Hass zu überwinden.“ Es scheint, als sei zumindest für seine Kirche nach Verfolgung und Unterdrückung durch den Staat die Zeit der Mühsal und des Hasses vorbei.

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