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    Provokationen, Tränen und ein klares Wort aus Berlin

    Bloß keinen Streit, bloß keine politische Kontroverse wegen Russland – das hatte man sich in Polen bei den Vorbereitungen auf die Gedenkfeierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau vorgenommen. Und so verzichtete die polnische Regierung auf eine offizielle Einladung des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Stattdessen schob man die Verantwortung, wer zu den Feierlichkeiten kommen solle, auf die Gedenkstätte Auschwitz ab. Irgendwie würde die Leitung der Gedenkstätte, die jährlich 1, 5 Millionen Menschen besuchen, die Lage schon schaukeln. Als sich abzeichnete, dass neben zahlreichen Holocaust-Überlebenden samt Familien auch viele hochrangige Politiker und Repräsentanten aus dem Ausland, jedoch nicht der russische Präsident, kommen würden, schürte Polens neuer und diplomatisch völlig unerfahrener Außenminister Grzegorz Schetyna (PO) unnötige Spannungen: Auschwitz sei sowieso nicht von russischen Soldaten der Roten Armee befreit worden, behauptete der Minister provokant in einem Radio-Interview, sondern von ukrainischen Soldaten. Ein Affront, der die befürchtete Politisierung der Gedenkveranstaltung im Schatten des Ukraine-Konflikts zusätzlich antrieb. Sehr zum Leid und zum Ärger der Betroffenen. Denn: Streit um Putin – das ist und war so ziemlich das Letzte, womit diejenigen, die damals vor 70 Jahren als Kinder und junge Menschen auf barbarische Weise von den Nazis gequält wurden, und von denen viele nun bei frostigen Wintertemperaturen zum ersten Mal nach all den Jahrzehnten wieder das Lager ihres ganz persönlichen Schreckens und Grauens besuchten, sich zu befassen gedachten. Viele von ihnen trugen in mahnender Erinnerung blau-weiße Tücher, angelehnt an die Lagerkleidung von damals. Viele weinten und suchten nach Worten, um ihre Gefühle und Gedanken zu beschreiben. „Wir wollen nicht, dass unsere Vergangenheit zur Zukunft unserer Kinder wird“, sagte der britische Auschwitz-Überlebende Roman Kent in einer bewegenden Rede vor den Gästen beim offiziellen Veranstaltungsteil, während ein polnischer Überlebender die Anwesenden zu einer Schweigeminute einlud und diese mit einem leisen Gebet abschloss. Eine eindrückliche Szene, die bewies, dass das Leid von Auschwitz nicht zwangsläufig zur religiösen Resignation führen muss, sondern im Gegenteil den Dialog, das Gebet mit Gott noch dringlicher macht, will man dem Bösen nicht das letzte Wort und die letzte Macht überlassen.

    Eine Politikerrede genügt: Opfer und Politiker bei der eindrucksvollen Gedenkveranstaltung in Auschwitz. Foto: dpa

    Bloß keinen Streit, bloß keine politische Kontroverse wegen Russland – das hatte man sich in Polen bei den Vorbereitungen auf die Gedenkfeierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau vorgenommen. Und so verzichtete die polnische Regierung auf eine offizielle Einladung des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Stattdessen schob man die Verantwortung, wer zu den Feierlichkeiten kommen solle, auf die Gedenkstätte Auschwitz ab. Irgendwie würde die Leitung der Gedenkstätte, die jährlich 1, 5 Millionen Menschen besuchen, die Lage schon schaukeln. Als sich abzeichnete, dass neben zahlreichen Holocaust-Überlebenden samt Familien auch viele hochrangige Politiker und Repräsentanten aus dem Ausland, jedoch nicht der russische Präsident, kommen würden, schürte Polens neuer und diplomatisch völlig unerfahrener Außenminister Grzegorz Schetyna (PO) unnötige Spannungen: Auschwitz sei sowieso nicht von russischen Soldaten der Roten Armee befreit worden, behauptete der Minister provokant in einem Radio-Interview, sondern von ukrainischen Soldaten. Ein Affront, der die befürchtete Politisierung der Gedenkveranstaltung im Schatten des Ukraine-Konflikts zusätzlich antrieb. Sehr zum Leid und zum Ärger der Betroffenen. Denn: Streit um Putin – das ist und war so ziemlich das Letzte, womit diejenigen, die damals vor 70 Jahren als Kinder und junge Menschen auf barbarische Weise von den Nazis gequält wurden, und von denen viele nun bei frostigen Wintertemperaturen zum ersten Mal nach all den Jahrzehnten wieder das Lager ihres ganz persönlichen Schreckens und Grauens besuchten, sich zu befassen gedachten. Viele von ihnen trugen in mahnender Erinnerung blau-weiße Tücher, angelehnt an die Lagerkleidung von damals. Viele weinten und suchten nach Worten, um ihre Gefühle und Gedanken zu beschreiben. „Wir wollen nicht, dass unsere Vergangenheit zur Zukunft unserer Kinder wird“, sagte der britische Auschwitz-Überlebende Roman Kent in einer bewegenden Rede vor den Gästen beim offiziellen Veranstaltungsteil, während ein polnischer Überlebender die Anwesenden zu einer Schweigeminute einlud und diese mit einem leisen Gebet abschloss. Eine eindrückliche Szene, die bewies, dass das Leid von Auschwitz nicht zwangsläufig zur religiösen Resignation führen muss, sondern im Gegenteil den Dialog, das Gebet mit Gott noch dringlicher macht, will man dem Bösen nicht das letzte Wort und die letzte Macht überlassen.

    So reich das Aufgebot an Staatsgästen, darunter auch der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, der französische Präsident Franois Hollande und der ukrainische Staatschef Petro Poroschenko, auch war – es war eine gute Entscheidung der Organisatoren, nur einem Politiker bei den Feierlichkeiten das Mikrophon zu überlassen, um die historische Stätte des Grauens nicht noch weiter zu einer Bühne aktueller politischer Konflikte zu machen.

    Polens Präsident Bronislaw Komorowski fand unter Zuhilfenahme religiösen Vokabulars den richtigen Ton. Auschwitz, so Komorowski, sei eine „Hölle von Hass und Gewalt“ gewesen. „Die deutschen Nationalsozialisten haben meine polnische Heimat zum ewigen jüdischen Friedhof gemacht.“ Nicht zu vergessen ist freilich: Die Gedenkstätte Auschwitz erinnert auch an Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene, Homosexuelle und viele polnische Katholiken, wie etwa den heiligen Maximilian Kolbe, die als politisch Verfolgte dort umkamen.

    Dass Komorowski in seiner Rede so deutlich die deutsche Herkunft der Nationalsozialisten herausstellte, ist nicht als Distanzierung gegenüber dem westlichen Nachbarn der Gegenwart zu verstehen, sondern als das Bestreben Polens, nicht auf irrtümliche Weise mit den Hintermännern der Konzentrationslager verwechselt zu werden. Kommt es doch immer wieder im Ausland vor, dass die Konzentrationslager, die sich auf heute polnischem Boden befinden, als „polnische Lager“ tituliert werden. US-Präsident George W. Bush sprach im Zusammenhang mit Auschwitz einmal sogar vom „dunkelsten Kapitel der polnischen Geschichte“. Was auf polnischer Seite für Entsetzen sorgte.

    Deshalb hat man in Polen genau die Worte von Bundespräsident Joachim Gauck registriert, die dieser in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestags zur Auschwitz-Befreiung fand. Gauck betonte: „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz.“ Die Erinnerung an den Holocaust, so der Bundespräsident, bleibe eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. „Er gehört zur Geschichte dieses Landes.“

    Sämtliche polnische Medien hoben das Zitat Gaucks, dass Auschwitz zur Identität Deutschlands gehöre, am Mittwoch hervor. Aber auch die Rede des russischen Präsidenten Putin bei einer Gedenkveranstaltung in Moskau nahm man zur Kenntnis. Russland habe die Hauptlast des Kampfes gegen Nazi-Deutschland getragen, sagte Putin, während die Ukrainer mit Nazi-Deutschland kollaboriert hätten. Aus Sicht vieler polnischer Historiker steht er damit auf historisch festerem Eis als Außenminister Schetyna. Der Frost hält also an.