• aktualisiert:

    Presse: Umgekehrter Kulturkampf

    Die Mailänder katholische Tageszeitung „Avvenire“ bezieht die Mahnungen Benedikts XVI. auf ganz Europa:

    Die Mailänder katholische Tageszeitung „Avvenire“ bezieht die Mahnungen Benedikts XVI. auf ganz Europa:

    Papst Benedikt XVI. schlägt eine Art umgekehrten „Kulturkampf“ vor, einen neuen und machtvollen kulturellen und geistlichen Antrieb, der vom wichtigsten Land des alten Europa ausgehen soll. Ein geistlicher Kulturkampf, der die Kirche nur „durch einen erneuerten Glauben“ erneuern kann. Es gibt keinen Platz für die Lauen, es ist keine Zeit für Routine – das ist die Botschaft, die Benedikt XVI. seinem Heimatland Deutschland überbracht hat. Sie gilt jedoch für alle, auch für uns.

    Weniger Privilegien, mehr Glauben

    Die Wochenzeitung „France Catholique“ (Paris) kommentiert den Aufruf des Papstes zum Verzicht politischer Privilegien:

    Zwar hat Benedikt XVI. das Konkordat mit Deutschland nicht in Frage gestellt, aber er hat die Aufmerksamkeit auf den Vorteil gerichtet, den eine Unabhängigkeit vom Zeitlichen mit sich bringen würde. So hat sich der Papst für die geistliche Freiheit und größere Authentizität einer Institution ausgesprochen, die nur dem Gegenstand ihrer Sendung Rechenschaft schulden sollte. Das europäische Christentum leidet nicht an einer Unangepasstheit an die Moderne. Vielmehr leidet es daran, nicht ausreichend in der Lage zu sein, den Glauben auszustrahlen in einer Gesellschaft, die über den Sinn der Existenz dieses Glaubens nicht genügend aufgeklärt ist.

    Konzentration auf die Gottesfrage

    In den Vereinigten Staaten hebt der „National Catholic Reporter“ die Zentralität der Gottesfrage beim Papstbesuch hervor:

    Der Papst vermied zum größten Teil Kommentare, die politisch interpretiert werden konnten, wie über Deutschlands Rolle in der europäischen Schuldenkrise oder brisante gesellschaftliche Themen wie Abtreibung, Rechte für Homosexuelle und die Familie. Zwar zog Benedikt Gegendemonstranten an – in Berlin waren es etwa 9 000 –, aber seine Botschaft lieferte ihnen kaum Angriffspunkte. Vielmehr konzentrierte sich Benedikt auf das, was die deutschen Theologen die „Gottesfrage“ nennen. Sein Hauptargument war, dass unter den dringlichen Problemen unserer Zeit eine tiefere Frage verborgen liegt: Ist im ultrasäkularen Milieu des 21. Jahrhunderts noch Platz für Gott, für eine Realität, die Eigennutz und menschlichen Machtwillen übersteigt? Nur wenn die Antwort „ja“ lautet, werden die aktuellen Probleme sich lösen lassen.

    Besuch dämmt Kirchenaustritte nicht ein

    Das US-amerikanische „Time Magazine“ bezweifelt, dass der Papstbesuch in Deutschland die Austritte stoppen wird:

    Benedikt appellierte an die Katholiken, dem Vatikan treu zu bleiben und rief sie inständig auf, ihr Leben durch den Glauben bestimmen zu lassen. Aber viele deutsche Katholiken rufen lautstark nach Reformen – von der Priesterweihe für Frauen über die Lockerung der Zölibatsvorschrift bis hin zur Akzeptanz Homosexueller. Es ist daher unwahrscheinlich, dass der Papstbesuch dazu beitragen wird, den Exodus aus der katholischen Kirche einzudämmen.