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    Portrait der Woche: Pawel Adamowicz

    Der Einzelkämpfer. Von Stefan Meetschen

    Pawel Adamowicz
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    Ist ein Mord an einem Politiker automatisch ein Politikum? Im Fall des Danziger Oberbürgermeisters Pawel Adamowicz, der Mitte des Monats an den Folgen eines Messerattentats starb und nun unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und vieler kirchlicher Würdenträger in der Marienkirche beigesetzt wurde, sieht es so aus. Woran die politische Elite nicht unschuldig ist. Kaum war der 53-Jährige verstorben und das Land aufgrund der Nachricht in Schockstarre, als der frühere polnische Premier und jetzige EU-Ratspräsident Donald Tusk vor Ort mit der politischen Instrumentalisierung begann: „Lieber Pawel, wir versprechen Dir, dass wir für Dich und für uns alle unser Danzig, unser Polen und unser Europa vor Hass und Verachtung beschützen werden.“ Längst war bekannt, dass es sich bei dem Attentäter um eine psychisch kranke Einzelperson mit kriminellem Hintergrund handelt. Solidarität in der nationalen Trauer, wie von Präsident Andrzej Duda gewollt, oder eine kritische Prüfung der unzureichenden Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen der Wohltätigkeitsveranstaltung, bei der sich die Tat ereignete, hätten ein Thema sein können – Tusk entschied sich anders.

    DER EINZELKÄMPFER

    Dabei ist es schwierig, Adamowicz vor einen parteipolitischen Karren zu spannen. Zwanzig Jahre bekleidete der frühere Messdiener, Solidarnosc-Aktivist und Jurist das Amt des Bürgermeisters; lange Zeit als Mitglied in Tusks „Bürgerplattform“ (PO). In den vergangenen drei Jahre versuchte Adamowicz jedoch, eine eigene Partei aufzubauen. Beim Wahlkampf 2018 wurde der gläubige Einzelkämpfer auch vom PO-Kandidaten verbal hart attackiert. Ein Faktum, das man nun, da die polnische Gesellschaft über „Hassrede“ diskutiert, nicht ignorieren darf. Ebenso wenig wie die Rolle der Presse. Wahr ist auch: Konservative Politiker und Katholiken stimmten nicht mit allem überein, was der Politiker Adamowicz sagte und tat. Die Renovierung von Sakralbauten war ihm wichtig, aber auch die Implementierung von Gender Mainstreaming in Schulen und öffentlichen Einrichtungen. Die Aufnahme von Flüchtlingen war dem Besitzer von sieben Wohnungen und zwei Grundstücken ein Anliegen, über Unstimmigkeiten bei der privaten Steuererklärung berichteten die Medien. Dies alles tritt nun angesichts des tragischen, sinnlosen Todes zurück. Vorübergehend. Im Superwahljahr 2019, bei dem zunächst Wahlen für das Europäische, dann für das Polnische Parlament anstehen, ist kaum mit Beruhigung zu rechnen. Nicht die Nationen Europas bekriegen sich, sondern manipulierte oder kranke Bürger. Für Pawel Adamowicz kam die Hilfe zu spät.

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