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    Pflege künftig nur mit Abitur?

    In Deutschland ist eine heftige Debatte über die Ausbildungsvoraussetzungen für Pflegeberufe entbrannt. Anlass für den Streit ist ein Entwurf der EU-Kommission zur Änderung der Richtlinie des Europäischen Rates und des Europäischen Parlaments über die Anerkennung von Berufsqualifikationen (2005/36/EG), den der für den europäischen Binnenmarkt zuständige EU-Kommissar, der Franzose Michel Barnier, Anfang der Woche in Brüssel vorgestellt hat. Danach soll, wer innerhalb der EU eine Ausbildung zur Krankenschwester, zum Pfleger oder zur Hebamme beginnen will, künftig als Mindestvoraussetzung ein bestandenes Abitur oder einen vergleichbaren Schulabschluss vorweisen können. Begründet wird der Vorstoß mit den gewachsenen beruflichen Anforderungen, die mittlerweile an Krankenschwestern, Pfleger und Hebammen gestellt würden. Vor allem in Kliniken und Krankenhäusern müssten diese immer häufiger auch Aufgaben übernehmen, die ursprünglich Ärzten vorbehalten waren.

    Geht es nach der EU-Kommission, braucht es bald eine Abitur für Pflegeberufe. Foto: dpa

    In Deutschland ist eine heftige Debatte über die Ausbildungsvoraussetzungen für Pflegeberufe entbrannt. Anlass für den Streit ist ein Entwurf der EU-Kommission zur Änderung der Richtlinie des Europäischen Rates und des Europäischen Parlaments über die Anerkennung von Berufsqualifikationen (2005/36/EG), den der für den europäischen Binnenmarkt zuständige EU-Kommissar, der Franzose Michel Barnier, Anfang der Woche in Brüssel vorgestellt hat. Danach soll, wer innerhalb der EU eine Ausbildung zur Krankenschwester, zum Pfleger oder zur Hebamme beginnen will, künftig als Mindestvoraussetzung ein bestandenes Abitur oder einen vergleichbaren Schulabschluss vorweisen können. Begründet wird der Vorstoß mit den gewachsenen beruflichen Anforderungen, die mittlerweile an Krankenschwestern, Pfleger und Hebammen gestellt würden. Vor allem in Kliniken und Krankenhäusern müssten diese immer häufiger auch Aufgaben übernehmen, die ursprünglich Ärzten vorbehalten waren.

    Erschwerend kommt hinzu: In 24 der 27 EU-Mitgliedstaaten gilt eine zwölfjährige Schulbildung bereits jetzt als Mindestvoraussetzung, um eine Ausbildung als Krankenschwester, Pfleger oder Hebamme beginnen zu können. Lediglich in Deutschland, Österreich und Luxemburg reicht dazu bislang auch ein mittlerer Schulabschluss. Während etwa der Stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der CSU-Politiker Johannes Singhammer eine Heraufsetzung der Schulpflicht von zehn auf zwölf Jahre ablehnt und vor einer „Akademisierung der Pflege“ warnt, spricht die Vizepräsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK), Gertrud Stöcker, von einem „Meilenstein für die Professionalisierung der Pflege“. Mit dem Vorschlag der EU-Kommission würde Deutschland „gezwungen, eine mehr als hundert Jahre alte systemische Benachteiligung des Frauenberufs Pflege zu beenden“, sagte Stöcker und klagt, in den meisten der alten Bundesländern sei die Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege noch nicht einmal im System der beruflichen Bildung integriert. Außerdem ermögliche der Vorschlag der EU-Kommission „auch eine Äquivalenz zu zwölf Jahren Allgemeinbildung.“ Dadurch würde bei „gutem Willen der Bildungspolitik auch in Deutschland der Zugang ohne Abitur weiterhin möglich sein“, zeigt sich Stöcker überzeugt. So böte der Entwurf der EU-Kommission Deutschland auch die Möglichkeit, die Zugangsvoraussetzung zu einer pflegerischen Ausbildung auch auf einer Fachoberschule erwerben zu lassen. Kritik äußerte dagegen Hessens Sozialminister Stefan Grüttner. Deutschland habe mit der zehnjährigen Schulbildung als Zugangsvoraussetzung „gute Erfahrungen gemacht“. Der CDU-Politiker, der sich bereits in einem Brief an Barnier gegen die Pläne der EU-Kommission gewandt hat, glaubt, dass diese den „Fachkräftemangel“ in Deutschland „verstärken“ werden und fordert: „Ein mittlerer Bildungsabschluss muss auch weiterhin den Zugang zu pflegerischen Berufen und zur Hebammenausbildung eröffnen.“

    Stöcker will dieses Argument nicht gelten lassen: „In allen Ländern, die die Anforderungen bereits angehoben haben, hat dies zu einer Steigerung der Attraktivität des Berufes geführt“, sagt die DfBK-Vizepräsidentin. Auch hätten Internationale Studien längst „den Nachweis erbracht, dass es einen Zusammenhang zwischen Qualifikation und Patientenergebnissen“ gebe. Stöcker: „Je besser qualifiziert die Pflegefachpersonen sind, umso weniger Komplikationen bis hin zum Tod treten bei Patienten auf.“ Der DBfK fordere deshalb seit langem, die Ausbildung von Pflegeberufen, ähnlich wie in Frankreich und Belgien, stärker an die Hochschulen zu verlagern. Dagegen warnt Niedersachsens Gesundheitsministerin Aygül Özkan davor, Realschülern den Zugang zu Pflegeberufen „zu versperren“. „Wir wollen junge Menschen gewinnen, die Herzblut für einen helfenden Beruf zeigen“, erklärte die CDU-Politikerin.

    Auch Berlin ist wenig begeistert. Im EU-Ministerrat werde sich die Bundesregierung „für die Beibehaltung der zehnjährigen Schulbildung als Zugangsvoraussetzung für die Krankenpflegeausbildung einsetzen“, ließ ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums verlauten. Die Chancen, dass Deutschland damit Erfolg hat, sind allerdings recht gering. Da für eine Verabschiedung des Änderungsentwurfs der EU-Richtlinie eine qualifizierte Mehrheit genügt, müsste Deutschland, um den Entwurf zu kippen, schon Länder wie Frankreich und Großbritannien, die wegen ihrer Einwohnerzahl über viele Stimmen im Ministerrat verfügen, dazu bewegen, dort gegen den Vorschlag zu stimmen. Gelingt dies nicht und weigert sich Deutschland trotzdem, die Richtlinie in nationales Recht zu überführen, dann könnten in Deutschland ausgebildete Krankenschwestern, Pfleger und Hebammen in Zukunft nicht mehr ohne weiteres in anderen Ländern der EU arbeiten, sondern müssten dort zunächst Zusatzqualifikationen erwerben oder entsprechende Prüfungen ablegen. Außerdem muss Deutschland dann mit einem Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshofs wegen Vertragsverletzung rechnen.

    Auf ein Entgegenkommen der EU-Kommission kann Deutschland nicht hoffen. Wie ernst es der EU-Kommission damit ist, europaweit für vergleichbare Ausbildungsvoraussetzungen und Qualitätsstandards zu sorgen, zeigt auch, dass sie für das kommende Jahr eine erneute „technische Bewertung der Qualifikationen von polnischen und rumänischen Krankenschwestern und -pflegern“ angekündigt hat, deren Ausbildungsnachweise vor dem 1. Mai 2004 ausgestellt wurden. Den vor allem bei privaten Pflegediensten in Deutschland so beliebten „billigen“ Fachkräften hatte die 2005 in Kraft getretene Richtlinie den Nachweis beziehungsweise den nachträglichen Erwerb zusätzlicher Qualifikationen auferlegt, um ihren Beruf auch in anderen Ländern der EU ausüben zu können.