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    Pendelschlag der Gefühle

    Akademiker-Schwemme, neues Wirtschaftswunder, Lösung des demografischen Problems – was wurde von den Flüchtlingen in Deutschland nicht alles erwartet. Nach einem gewissen zeitlichen Abstand und genauerer Untersuchung der Daten und Fakten ergibt sich ein völlig anderes Bild. Jetzt geht es in erster Linie darum, wie die vielen Migranten in die deutsche Gesellschaft und vor allem in den Arbeitsmarkt integriert werden können.

    Akademiker-Schwemme, neues Wirtschaftswunder, Lösung des demografischen Problems – was wurde von den Flüchtlingen in Deutschland nicht alles erwartet. Nach einem gewissen zeitlichen Abstand und genauerer Untersuchung der Daten und Fakten ergibt sich ein völlig anderes Bild. Jetzt geht es in erster Linie darum, wie die vielen Migranten in die deutsche Gesellschaft und vor allem in den Arbeitsmarkt integriert werden können.

    Auch der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, sieht die Integration nun als Herkulesaufgabe, die zu bewältigen länger als zunächst vermutet dauern werde. 70 Prozent derjenigen, die gekommen sind, seien zwar erwerbsfähig. Trotzdem werde „ein Großteil von ihnen zunächst auf Grundsicherung angewiesen, sein, bevor wir sie in Arbeit bringen“, so Weise, auch Chef des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), in einem Zeitungsinterview.

    Zwar seien Akademiker gekommen, doch sei ihr Anteil an der Gesamtzahl der Flüchtlinge gering. Weise: „Ich schätze, etwa zehn Prozent. Hinzu kommen noch rund 40 Prozent, die zwar keine Berufsausbildung haben, aber praktische Arbeitserfahrung haben.“

    Der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, betonte: „Es wird kein zweites Wirtschaftswunder in Deutschland geben.“ Eine Reihe von optimistischen Prognosen seien in der Zwischenzeit kassiert worden. Wegen mangelhafter Berufsqualifikation und Schulbildung – was aufgrund der katastrophalen Situation in den Heimatländern nicht verwunderlich sei – könne man nicht zu viel von den Flüchtlingen erwarten. Auch nach einer Integration in den Arbeitsmarkt werde so, so Fuest, die Mehrheit der Flüchtlinge deutlich mehr Leistungen vom Staat erhalten, als sie Steuern zahlen werde.

    Deutschland braucht jährlich mehr als 500 000 Zuwanderer

    Andere Experten ziehen positive Schlussfolgerungen. Professor Henrik Müller von der Technischen Universität Dortmund meint, die Zuwanderungswelle bilde das demografische Fundament für das zweite deutsche Wirtschaftswunder. Ohne die Zuwanderer der vergangenen Jahre hätte sich die deutsche Wirtschaft nicht so gut entwickelt; Deutschland würde längst in der demografischen Falle stecken. Die größte Zuwanderungswelle seit Generationen habe, so Müller, einen heftigen Pendelschlag der Gefühle ausgelöst: zwischen willkommenskultureller Euphorie und Überfremdungsangst, zwischen spontaner Hilfsbereitschaft und Brandanschlägen auf Asylbewerberunterkünfte. Entsprechend gespalten sei das Meinungsbild; knapp die Hälfte der Bundesbürger glaube, der Zuzug überfordere Deutschland. Müller ist davon überzeugt, dass Deutschland Immigranten brauche: „Und sie werden aus immer weiter entfernten Ländern und Kulturen kommen müssen.“ Berufsforscher kämen zu dem Ergebnis, dass Deutschland unter realistischen Annahmen bis 2050 einen Zuwanderungsüberschuss von mehr als 500 000 Personen jährlich brauche. Nur dann lasse sich das Potenzial an Arbeitskräften halbwegs stabil halten. Kämen weniger Menschen ins Land, dann gingen Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung unausweichlich voran.

    Die große Herausforderung besteht darin, die Immigranten, die aus humanitären Gründen ins Land gekommen sind und hierbleiben möchten, passend zu qualifizieren. Eine große Aufgabe für Wirtschaft und Staat – die sich allerdings relativiert, wenn man bedenkt, dass noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war, überhaupt so viele Menschen dazu zu motivieren, ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland zu wählen. Allerdings gestaltet sich der Einstieg in die Arbeitswelt als immer noch besonders schwierig. Der Chef der Unternehmerverbände Rheinland-Pfalz, Gerhard Braun, dringt darauf, die Hürden für die Zeitarbeit wegfallen zu lassen. Nach der aktuellen Gesetzeslage dürfen Asylsuchende und Geduldete in den ersten 15 Monaten nicht in Zeitarbeit tätig sein. Braun fordert auch eine Bleibegarantie für Auszubildende: „Wenn ein Flüchtling eine Ausbildung macht, müssen er und sein Arbeitgeber sicher sein, dass er während der drei Jahre nicht abgeschoben wird und auch nicht zwei Jahre danach.“

    „Nur ein relativ geringer Teil wird uns eine Hilfe sein“

    Braun warnte zugleich vor überhöhten Erwartungen an die Zuwanderer. „Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir mit Flüchtlingen das demografische Problem lösen. Nur ein relativ geringer Teil wird uns eine Hilfe sein.“ Experten vermuteten, dass weniger als zehn Prozent der Flüchtlinge eine akademische oder berufliche Ausbildung mitbrächten und direkt hier einsetzbar wären. „Deshalb muss man sehr viel Zeit investieren“, sagte Braun. Bis die Flüchtlinge den Durchschnitt der Bevölkerung auf dem Arbeitsmarkt erreicht hätten, könne es zehn bis 15 Jahre dauern.

    Große Hoffnungen waren in der Wirtschaft auch auf Flüchtlinge gesetzt worden, die dem Mangel an Fachkräften begegnen könnten. Eine Umfrage der IHK Rheinland-Pfalz hat ergeben, dass 41 Prozent der befragten Unternehmen Flüchtlinge als Fachkräfte im jeweils eigenen Unternehmen beschäftigen würden. 24 Prozent sehen hierfür keine Perspektive, der Rest will oder kann sich nicht festlegen. Noch deutlicher fällt die Antwort auf die Frage aus, ob Flüchtlinge die Lücke füllen könnten, die der Fachkräftemangel in Deutschland gerissen hat. Diesmal befürworten 63 Prozent diesen Ansatz, und nur zehn Prozent zeigen sich pessimistisch. Viele Unternehmer können jedoch die Qualifikation des jeweiligen Flüchtlings nicht einschätzen. Die Unklarheit über die Aufenthaltsdauer ist für viele Unternehmer ein weiteres Problem – das größte aber ist die unzureichende Kenntnis der deutschen Sprache.

    Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ist in keinem anderen EU-Land der Bearbeitungsstau von Asylanträgen so groß wie hierzulande. Er betrug 2014 durchschnittlich 7,1 Monate. Bei Bewerbern aus Afghanistan betrug er durchschnittlich sogar 16,5 und bei solchen aus Pakistan 17,6 Monate. Selbst in Dänemark und Schweden, wo mehr Asylanträge pro Einwohner gestellt werden, ist die Anzahl der unbearbeiteten Anträge geringer. Dieser lange Schwebezustand ist der Hauptgrund für die Verzögerung der Arbeitsaufnahme, somit für Frust und Langeweile, für Enttäuschung und Heimweh.