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    Pakistan vor der Gefahr des Islamismus

    Bei der Armeeoffensive gegen die Taliban im Norden Pakistans sind nach offiziellen Angaben in den vergangenen drei Wochen mehr als 1 000 Extremisten getötet worden. Das Militär teilte am Sonntag mit, seit dem Vortag seien 25 Aufständische und ein Armeeoffizier bei Gefechten ums Leben gekommen. Innenminister Rehman Malik sagte: „Die (am 26. April begonnene) Operation geht in die richtige Richtung.“ Die Offensive werde andauern, „bis der letzte Taliban-Militante beseitigt ist“. Gefechte und Anschläge in Pakistan kosteten seit Freitag fast 100 Menschen das Leben. Die Zahl der Flüchtlinge, deren Versorgung der Regierung Probleme bereitet, wird auf über 900 000 geschätzt.

    Bei der Armeeoffensive gegen die Taliban im Norden Pakistans sind nach offiziellen Angaben in den vergangenen drei Wochen mehr als 1 000 Extremisten getötet worden. Das Militär teilte am Sonntag mit, seit dem Vortag seien 25 Aufständische und ein Armeeoffizier bei Gefechten ums Leben gekommen. Innenminister Rehman Malik sagte: „Die (am 26. April begonnene) Operation geht in die richtige Richtung.“ Die Offensive werde andauern, „bis der letzte Taliban-Militante beseitigt ist“. Gefechte und Anschläge in Pakistan kosteten seit Freitag fast 100 Menschen das Leben. Die Zahl der Flüchtlinge, deren Versorgung der Regierung Probleme bereitet, wird auf über 900 000 geschätzt.

    Pakistan hat nach langem Zaudern massiv militärische Gewalt in dem an Afghanistan angrenzenden Teil seines Staatsgebiets eingesetzt, das in den vergangenen Monaten immer stärker in die Hände der Taliban gefallen war, die von dem internationalen Terrornetzwerk El Kaida ideologisch beeinflusst sind. Das Vorgehen Pakistans erfolgte kurz nach dem Zusammentreffen seines Präsidenten Zardawi und dessen afghanischem Kollegen Karzai mit Barack Obama vor kurzem in Washington. Der amerikanische Präsident bezeichnete diese Begegnung als „außerordentlich konstruktiv“. Solche von Zweckoptimismus getragenen Formulierungen können indessen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der pakistanische und der afghanische Präsident politisch schwache Figuren sind, und die islamischen Extremisten in ihren Ländern stark an Einfluss gewonnen haben.

    Offenbar hat der amerikanische Präsident es verstanden, gutes Einvernehmen zwischen dem neuen pakistanischen Staatsoberhaupt und dessen afghanischem Kollegen herzustellen. Karzai und Zardawis Vorgänger Musharraf waren sich persönlich spinnefeind gewesen. Obama hat anscheinend auf Pakistan erheblichen Druck ausgeübt, damit es endlich seine Nordwestprovinz unter militärische Kontrolle bringt. Jedenfalls dauerte es nur zwei Tage nach diesem Gespräch, bis das Kabinett in Islamabad eine Offensive mit 15 000 Mann in der Region von Malakand beschloss, zu der das Swat-Tal und die Orte Dir und Buner gehören. Kenner nehmen an, dass Obama weitere amerikanische Hilfe an Pakistan von dessen energischem Vorgehen gegen die Taliban abhängig machte. Die Regierung Zardawi scheint diese Drohung verstanden zu haben.

    Schon Monate vor dem Washingtoner Treffen hatten sich die Aktivitäten der Taliban merklich von Afghanistan nach dem Norden Pakistans verlagert. Deshalb hatte Obama schon kurz nach seiner Amtsübernahme verkündet, künftig das Augenmerk mehr auf Pakistan richten zu wollen, weil der Krieg in Afghanistan nur gewonnen werden könne, wenn die Taliban im Nachbarland keinen Unterschlupf mehr fänden. Ein Großteil der Taliban gehört Stämmen des Volks der Paschtunen an, die beiderseits der Grenze siedeln. Sie können sich nach Kämpfen in Afghanistan mit Amerikanern und deren Verbündeten leicht zu ihren Verwandten in Pakistan absetzen, von denen sie sich in Kleidung und Sprache kaum unterscheiden. Amerikanische Einheiten dürfen sie dorthin von Rechts wegen nicht verfolgen, denn dies wäre eine Verletzung der pakistanischen Souveränität, auf deren Wahrung Islamabad großen Wert legt. Der amerikanische Geheimdienst CIA entsendet von afghanischem Boden aus unbemannte, aber mit Lenkwaffen gegen Bodenziele ausgestattete „Drohnen“ in den pakistanischen Luftraum. Der britische Sender BBC meldet, die Amerikaner stellten dabei gesammelte elektronische Daten neuerdings auch der pakistanischen Seite zur Verfügung.

    Der bisher eher lasche Umgang Pakistans mit den auf seinem Gebiet operierenden Taliban hatte nicht nur negative Auswirkungen auf die Sicherheitslage in Afghanistan. Auch die Sicherheit Pakistans ist dadurch außer Kontrolle geraten. Der Einfluss verschiedener, lose miteinander verbundener Terrorgruppen in Pakistan beschränkt sich nicht mehr auf die paschtunischen Stammesgebiete. Die Islamisten kontrollieren heute bereits weite Teile der Nordwestprovinz. Die Regierung in Islamabad antwortete auf das Näherrücken des Gegners zunächst mit immer neuen Zugeständnissen, was ihr von westlicher Seite als Zeichen der Schwäche ausgelegt wurde. So schloss sie im Februar ein Abkommen mit den Aufständischen in Swat, durch das in dem Tal unter anderem das Recht der Scharia eingeführt wurde. Als die Islamisten von dort aus zwei benachbarte Distrikte einnahmen und damit hundert Kilometer vor der Hauptstadt Islamabad standen, läuteten in Washington die Alarmglocken. Sicherheitsexperten warnten, wenn es so weitergehe, würden die Taliban bald dort einmarschieren und auch bald das pakistanische Atomwaffenpotenzial übernehmen. Unter den Staaten, die Atomwaffen besitzen, gilt Pakistan als der instabilste.

    „Eine wirkliche Offensive oder nur ein Scheinkrieg?“ titelte jüngst eine britische Wochenzeitschrift einen Artikel zur pakistanischen Offensive im Grenzgebiet. Die Frage stellt sich nicht zu Unrecht, denn Pakistan hat in den letzten Jahren vor dem Besuch hochrangiger Vertreter der Vereinigten Staaten regelmäßig militärische Aktivitäten gestartet, die kurz darauf wieder versandeten. Diesmal könnte dies anders sein, denn Obama hat in Washington mit Zardawi offenbar Klartext geredet. Pakistan ist von finanzieller Unterstützung aus Amerika abhängig: Seit 2001 waren es zwölf Milliarden Dollar – das Meiste davon Militärhilfe.

    Die pakistanische Armee hat 600 000 Mann unter Waffen, die als gut ausgerüstet und trainiert für einen konventionellen Krieg – etwa gegen den Erzfeind Indien – gelten. Inwieweit Armee und Geheimdienst bereits von Islamisten unterwandert sind, ist Gegenstand schwer verifizierbarer Spekulationen. Pakistan bezeichnet sich in seinem vollen Staatsnamen als Islamische Republik. Jahrzehntelang bedeutete dies nicht viel mehr, als dass das Land zu 95 Prozent von Muslimen bewohnt ist. Heute hat der Islam in Pakistan erheblich an Sympathien gewonnen. Dies gilt auch für Teile des Militärs, der Polizei und anderer staatlicher Institutionen. „Madrasas“, Koranschulen, schießen wie Pilze aus dem Boden, denn das staatliche Schulwesen ist schlecht, das private teuer und die Madrasas gewähren kostenlose Schulspeisung. „Ein wankendes Pakistan als Ziel von Verschwörungen der El Kaida“ überschreibt die „New York Times“ vor kurzem einen Artikel. Dies klingt reißerisch, aber was zurzeit in Pakistan abläuft, bedarf sehr wohl wacher Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit.

    Von Klaus Wilhelm Platz