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    PRO: Weckruf gegen die Erosion des Glaubens

    Es ist chic geworden in betont „konservativ-katholischen“ Kreisen, dass man sich über den Heiligen Vater echauffiert. Besonders auf Facebook und in Kommentarspalten katholischer Nachrichtenseiten mutiert manche fromme Seele zusehends zur anti-päpstlichen Stalin-Orgel. Manch ein „gottesfürchtiger“ Kirchgänger sehnt gar unverhohlen den Tod des Pontifex herbei: Sätze wie „zum Glück ist er schon 80 Jahre alt“ sind da zu lesen. Während einige katholische Publizisten Papst Franziskus offen angreifen, verstecken sich andere hinter den als anti-päpstliches Ventil missbrauchten Dubia. Wieder andere verbreiten süffisant und kommentarlos eine Papstschelte Dritter nach der anderen. Mit Verlaub: Wer nun mit rhetorischer Unschuldsmiene auf uns Initiatoren des Weckrufs zugeht und sagt, er wisse gar nichts von einer Kampagne und wer um alles in der Welt damit gemeint sein könnte, der kann uns damit nicht in die Irre führen.

    Papst Franziskus – umjubelter Superstar oder doch auch ein Papst im Gegenwind? Foto: dpa

    Es ist chic geworden in betont „konservativ-katholischen“ Kreisen, dass man sich über den Heiligen Vater echauffiert. Besonders auf Facebook und in Kommentarspalten katholischer Nachrichtenseiten mutiert manche fromme Seele zusehends zur anti-päpstlichen Stalin-Orgel. Manch ein „gottesfürchtiger“ Kirchgänger sehnt gar unverhohlen den Tod des Pontifex herbei: Sätze wie „zum Glück ist er schon 80 Jahre alt“ sind da zu lesen. Während einige katholische Publizisten Papst Franziskus offen angreifen, verstecken sich andere hinter den als anti-päpstliches Ventil missbrauchten Dubia. Wieder andere verbreiten süffisant und kommentarlos eine Papstschelte Dritter nach der anderen. Mit Verlaub: Wer nun mit rhetorischer Unschuldsmiene auf uns Initiatoren des Weckrufs zugeht und sagt, er wisse gar nichts von einer Kampagne und wer um alles in der Welt damit gemeint sein könnte, der kann uns damit nicht in die Irre führen.

    Nachdem unsere Cathwalk-Redaktion die laufende Kampagne gegen den Heiligen Vater monatelang tatenlos mitverfolgt hat, gab es für uns nur zwei Möglichkeiten: Entweder, wir schlagen Martin Luther posthum für den Friedensnobelpreis vor (weil er im Vergleich zu diesen Agitatoren ein Waisenknabe war), oder wir setzen ein deutliches Zeichen der Solidarität mit Papst Franziskus. Selbstprofilierung und moralische Überhöhung sollten nicht länger als Synonyme für eine „besonders“ katholische Haltung wahrgenommen werden, die devot vorgibt, „Sorge für Papst und Lehre“ zu tragen, deren Methode der Kommunikation aber auf ganz andere Motive schließen lässt.

    Falsche Konservative und präpotente Dubitatores

    Die Initiatoren des Weckrufs sind konservativ, und wir überlassen die Deutungshoheit über unseren Heiligen Vater nicht den vermeintlich Konservativen. Was es in Wahrheit zu bewahren gilt, ist nicht die Lehre der Kirche über die Ehe – denn diese steht unter Papst Franziskus überhaupt nicht zur Disposition! Die durch falsche Konservative hervorgerufene Erosion des Glaubens betrifft den Glauben an die Kirche selbst, nämlich an ihre hierarchische Verfasstheit. Dr. Tobias Klein begründete deshalb seine Unterschrift unter den Weckruf richtig, indem er in einem Blogbeitrag auf einen weitverbreiteten mentalen Mechanismus aufmerksam machte, wie er vielen falschen Konservativen widerfährt: „Eine Hermeneutik des Misstrauens und des Verdachts, wie sie in zahlreichen Äußerungen über die Amtsführung des Papstes zu beobachten ist, ist hochgradig ansteckend.“

    Diese Hermeneutik des Misstrauens wurde durch die Dubia der vier Kardinäle unnötigerweise beschleunigt. Waren die Dubia selbst schon in einem pharisäerhaft-listigen, gespielt unterwürfigen, aber in Wahrheit herablassend-richterlichen Ton verfasst, so verhalten sich alle Publizisten unkatholisch, die diesem beispiellosen Vorgang nun schon monatelang zu Aufmerksamkeit verhelfen. Es ist das gute Recht des Papstes, die Dubia keines Wortes zu würdigen! Warum tun wir es ihm nicht gleich?

    In einem bereits argwöhnisch-vergifteten Klima hat Papst Franziskus das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen, die Piusbruderschaft schrittweise in die Kirche re-integriert, die Regelung zur Absolution nach Abtreibung nivelliert und vor knapp einem Jahr sein Apostolisches Schreiben Amoris laetitia veröffentlicht. Alle diese Taten zielen in eine Richtung: Papst Franziskus öffnet die Tore der Barmherzigkeit für alle Menschen, die guten Willens sind. Vielen Menschen, die sich von der Kirche unverstanden fühlten, bietet Franziskus nun ganz neu die offenen Arme des barmherzigen Vaters an. Das ist wunderschön.

    Gerade beim Apostolischen Schreiben Amoris laetitia, welches im Weckruf nicht umsonst als „ein Geschenk des Heiligen Geistes“ bezeichnet wird, sehen wir sehr gut, dass diese Bemühungen des Papstes nicht im Gegensatz zu den Taten seiner Vorgänger stehen! Rocco Buttiglione hat das bereits im vergangenen Jahr in einem Aufsatz für den „Osservatore Romano“ sehr gut herausgearbeitet: Der heilige Papst Johannes Paul II. bereits beendete die automatische Exkommunikation wiederverheirateter Geschiedener. Und nun zieht Franziskus diese Linie eben aus, und gibt auch den vorher Ausgeschlossenen ganz neuen, sakramentalen Halt auf dem Weg zu ihrem persönlichen Heil. Wem stünde hier nicht der gute Hirte vor Augen, der alles tut, um das eine verlorene Schaf wiederzufinden? Die Untersuchung mildernder Umstände ist lediglich eine neue Strategie der Re-Integration. Buttiglione gab in diesem Zusammenhang zu bedenken: „Aber brachte die alte Regel nicht auch Gefahren mit sich? Bestand nicht die Gefahr, dass einige (oder viele) verloren gingen, weil ihnen ein sakramentaler Halt verwehrt blieb, auf den sie ein Recht hatten?“

    Ein „tolles Treiben“ wie in den Monaten vor dem #SineDubiis-Weckruf wird es jetzt nicht mehr geben. Keine Spottgedichte mehr gegen den Papst. Keine Schlagzeilen mehr, die „Papst Franziskus“ und „Revolution“ in einem Atemzug nennen. Keine Facebook-Posts mehr nach dem Motto „Zum Glück ist der Papst schon 80...“ Denn: Dem Sperrfeuer der anti-päpstlichen Stalin-Orgeln wurde durch #SineDubiis ein Schuss vor den Bug versetzt. An diesem Manifest kommt keiner ohne Offenbarungseid vorbei!

    „Wie hältst du es mit dem Papst?“ Das ist die Gretchenfrage, die jeder beantworten muss, so er sich katholisch nennt. Nun sind wir alle dazu eingeladen, die Größe dieses gnadenreichen Pontifikates wieder in den Vordergrund zu stellen. Bei den falschen Konservativen ist eine Massenpsychose im Gange, die sich einbildet, nur weil Franziskus unkonventioneller spricht und handelt, breche er mit dem althergebrachten Glauben. Diese „Hermeneutik des Misstrauens“ werden jene armen Fehlgeleiteten auch nicht ohne weiteres beim nächsten Papst ablegen können, sondern sie stehen in Gefahr, immer weiter zu protestantischen Katholiken zu mutieren.

    Während die Piusbrüder bald in die Kirche zurückkehren könnten, entfernen sich die unter Benedikt noch „Romtreuesten“ immer weiter weg von ihr. Sie drohen, die neue „Kirche von unten“ zu werden. Deshalb: Anstatt wie getroffene Hunde zu bellen, sollten falsche Konservative wieder zu ihrer alten Selbstbezeichnung zurückkehren: Einst nannten sie sich provokativ „Papisten“ oder, unser persönlicher Favorit: „Kettenhunde Seiner Heiligkeit“. In diesem Sinne: Gut gebellt, ihr #SineDubiis-Unterzeichner!

    Die Autoren leiten „The Cathwalk“ und haben „#Sine Dubiis“ initiiert.

    Hintergrund: Vor genau einer Woche haben die Macher des Internetmagazins „The Cathwalk“ einen Aufruf veröffentlicht, den sie als „Weckruf für 2017“ verstanden wissen wollen: „#Sine Dubiis – Wir gehen mit Papst Franziskus!“ „Die Tagespost“ hat die Initiatoren des Aufrufs, „Cathwalk“-Chefredakteur Matthias Jean-Marie Schäppi und seinen Stellvertreter Friedrich Reusch, sowie den bekannten katholischen Autor und Historiker Michael Hesemann zu einem Pro & Contra eingeladen: Schäppi und Reusch erklären in ihrem gemeinsamen Statement, warum sie gerade bei betont konservativen Katholiken derzeit eine Erosion des Glaubens an die hierarchische Verfasstheit der Kirche wahrnehmen; Michael Hesemann erklärt, warum er treu zum Papst steht, einen derartigen Aufruf aber dennoch nicht unterschreiben will und kann. Drei katholische Publizisten, die sich zum Papst und zu seinem Lehramt bekennen, werfen ihre Argumente in die Waagschale – eine „Tagespost“-Kontroverse zum Zustand der Kirche heute. sb