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    Essen

    Overbeck: „Konflikte fordern unsere Kreativität“

    Franz-Josef Overbeck ist als Bischof für die Seelsorge für die Soldaten der Bundeswehr zuständig. Im Gespräch erläutert er seine Sicht auf Konflikte und warum er in ihnen Sinn erkennt.

    Essens Bischof Franz-Josef Overbeck
    Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen, übt sein Amt als Militärbischof schon seit zehn Jahren aus. Foto: dpa

    Er ist einer der Bischöfe, die in der Öffentlichkeit am stärksten präsent sind: Franz-Josef Overbeck. Das liegt daran, dass sich der Bischof von Essen immer wieder lautstark zu Wort meldet, wenn es darum geht, aus seiner Sicht notwendige Reformen der Kirche zu benennen. Gerade jetzt, kurz vor dem Start des Synodalen Weges, hat sich die Schlagzahl seiner öffentlichen Statements noch einmal erhöht. So lässt sich erklären, dass er von vielen als einer der Wortführer eines Reformlagers gesehen wird. Ob Overbeck sich selbst so sieht, wäre schließlich noch eine andere Frage. Jedenfalls hat Overbeck nun ein Buch über konstruktive Konfliktkultur vorgelegt. Schlüsselworte sind dabei für die Begriffe „Konstruktivität“ und „Ambivalenz“.

    "Konflikte sind nicht aus sich heraus
    schlecht, anders als das Böse an sich"
    Essens Bischof Franz-Josef Overbeck

    Im Gespräch mit der „Tagespost“ hat er erläutert, welche Rückschlüsse er aus diesen Überlegungen für seine Arbeit als Militärbischof zieht: „Konflikte sind zunächst einmal eine Folge der Sünde. Wir müssen aber verstehen, dass Konflikte nicht nur destruktiv sind, sondern auch konstruktiv gelöst werden können. Konflikte sind nicht aus sich heraus schlecht, anders als das Böse an sich. Sie fordern unsere Kreativität heraus. Wir müssen in unserer Gesellschaft dieses kreative Potenzial nutzen, um Konflikte konstruktiv zu lösen. Das bezieht sich auf die Frage, wie sicherheits- und verteidigungspolitische Fragen beantwortet werden, aber auch darauf, wie wir in unserer Gesellschaft darüber diskutieren.“ Als Grundlage für diese Einsicht führt Overbeck an: „Dahinter steht auch die Einsicht, dass es ein gänzlich konfliktfreies Miteinander sowohl in der Gesellschaft als auch weltweit nicht geben wird. Wir haben aber die Aufgabe, diese Konflikte lösungsorientiert anzugehen, um uns so auch ihr positives Potenzial zunutze zu machen. Das ist eine Basis für eine auf Frieden hin orientierte Politik.“

    Als Militärbischof sieht Overbeck nicht seine Aufgabe darin, sich konkret zu verteidigungspolitischen Fragen zu äußeren: „Als Militärbischof muss ich anders als der Vorsitzende der Kommission Iustitia et Pax oder den Sprechern von Pax Christi nicht zu verteidigungspolitischen Fragen konkret Stellung nehmen. Ich bin für die Soldaten da. Wir kümmern uns um sie.“ Ihm ist es wichtig, dass in der Gesellschaft die besondere Leistung der einzelnen Soldaten gewürdigt wird: „Wir haben aus unserer Geschichte gelernt. Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Sie hat nicht den Auftrag, Krieg zu führen. Unsere Soldaten helfen dabei, Konflikte zu lösen, also Krieg zu verhindern. Ich bin als Bischof für diese Soldaten da. Für Menschen, die den Frieden bringen. Es gibt Stimmen, die behaupten, dass so eine Sicht naiv sei. Ich bin mir durchaus der Komplexität dieser Fragen bewusst. Ich trete für eine sozusagen 2. Naivität ein. Sie weicht den ethischen Problemen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik nicht aus, stellt aber trotzdem dem Destruktiven das konstruktive Potenzial gegenüber. Eindeutigkeit wäre hier nur scheinbar. Man entkommt der Ambivalenz nicht.“

    Fürsprecher der Soldaten in der Öffentlichkeit

    Klar sei dabei, dass die Soldaten einen moralischen Kompass brauchen. Genau dazu trage auch die Militärseelsorge bei. „Damit Soldaten so eine konstruktive Konfliktkultur mitgestalten können, müssen sie bestimmten Tugenden folgen: Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Maß.“ Der Militärbischof betont: „Niemals darf ein Soldaten töten, nur um zu töten. Wichtig ist auch der Mut. Der Mut zum Kompromiss.“ Die Erfahrungen der Militärseelsorge helfen ihm dabei, als Fürsprecher der Soldaten in der Öffentlichkeit aufzutreten. „Wir aus der Militärseelsorge wissen, welchen sittlichen Herausforderungen der einzelne Soldat in seinem Dienst gegenübersteht. Auch die Öffentlichkeit muss für den Dienst, den die Soldaten dem Gemeinwohl gegenüber leisten, sensibler werden. Die Gesellschaft kann gegenüber den schwierigen Fragen, die der Dienst der Soldaten aufwirft, die Augen nicht länger verschließen."

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