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    Osteuropa: Religion im Aufwind

    Wien/Moskau (DT/sb/dpa) Gut 25 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des von ihr beherrschten Ostblocks erlebt die Religion in vielen, insbesondere in den orthodox geprägten Ländern Mittel- und Osteuropas einer neuen Umfrage zufolge eine Renaissance. Laut einer aktuellen Studie bezeichnen sich 86 Prozent der Befragten in diesen Ländern als „gottgläubig“: In Georgien waren es sogar 99 Prozent, in Armenien, Rumänien und Moldawien 95, in Bosnien-Herzegowina 94 Prozent. Lediglich in Tschechien und Estland gaben weniger als die Hälfte der Befragten an, an Gott zu glauben.

    In der Orthodoxie äußert sich die gewachsene Identifikation mit der Konfession nicht zwingend als Glaubenspraxis. Foto: dpa

    Wien/Moskau (DT/sb/dpa) Gut 25 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des von ihr beherrschten Ostblocks erlebt die Religion in vielen, insbesondere in den orthodox geprägten Ländern Mittel- und Osteuropas einer neuen Umfrage zufolge eine Renaissance. Laut einer aktuellen Studie bezeichnen sich 86 Prozent der Befragten in diesen Ländern als „gottgläubig“: In Georgien waren es sogar 99 Prozent, in Armenien, Rumänien und Moldawien 95, in Bosnien-Herzegowina 94 Prozent. Lediglich in Tschechien und Estland gaben weniger als die Hälfte der Befragten an, an Gott zu glauben.

    Die Zahl der bekennenden orthodoxen Christen in Russland habe sich zwischen 1991 und 2015 von 37 auf 71 Prozent nahezu verdoppelt, ergibt die gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung in Moskau präsentierte Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center. Ähnliche Trends beobachteten die Forscher in anderen orthodox geprägten Ländern Osteuropas wie etwa der Ukraine.

    Die Studie untersuchte die Entwicklung der Religion in 18 Staaten Mittel- und Osteuropas, die im Kalten Krieg kommunistisch regiert wurden. Dafür befragten die Meinungsforscher zwischen Juni 2015 und Juli 2016 rund 25 000 Erwachsene. Das Pew Research Center habe ähnliche Daten in anderen Weltregionen erhoben, sagte Alan Cooperman von Pew. „Ziel unserer Studien ist, religiösen Wandel zu messen und den Einfluss auf die Gesellschaft zu verstehen.“

    Die Erhebung untermauert einen Trend, der etwa in der russischen Gesellschaft seit Jahren zu beobachten ist. Seit dem Ende der Sowjetunion, in der Religion unterdrückt wurde, erstarkt der Glaube als Teil der nationalen und kulturellen Identität. So sehen etwa 57 Prozent der Russen der Umfrage zufolge die Orthodoxie als Kriterium für die Zugehörigkeit zur eigenen Nation. Noch ausgeprägter ist diese Auffassung demnach in Staaten wie Georgien, Serbien und Griechenland. „Viele orthodoxe Christen sagen uns, dass ihre Religion vor allem eine Sache der nationalen Kultur oder der Familientradition ist und weniger des persönlichen Glaubens“, sagte Cooperman. Das zeige sich auch daran, dass in orthodoxen Ländern zwar die Identifizierung mit der Religion zunehme, der regelmäßige Kirchgang und das Gebet aber auf einem niedrigen Niveau blieben. So sagen in Griechenland 76 Prozent, man müsse orthodox sein, um ein „wahrer Grieche“ zu sein.

    Laut der am Mittwoch veröffentlichten Studie identifizieren sich in Polen 87 Prozent als katholisch, während es 1991 noch 96 Prozent gewesen seien. In Ungarn würden sich nur mehr 56 Prozent als katholisch bezeichnen, in Tschechien 21 Prozent. Allerdings sagen 45 Prozent der Katholiken Polens, dass sie wöchentlich zur Kirche gehen, während dies nur je sechs Prozent der Orthodoxen Serbiens und Russlands von sich behaupten. Während im orthodoxen Russland nur 17 Prozent und im katholischen Polen 27 Prozent der Befragten angeben, täglich zu beten, sind es in Kroatien 40 und in Armenien 45 Prozent.

    Unter Russlands Präsident Wladimir Putin ist die russisch-orthodoxe Kirche eine wichtige moralische Stütze der Staatsmacht geworden. Regierungsgegner sehen die enge Verbindung zwischen Kirche und Staat kritisch. Mit mehr als 100 Millionen Anhängern ist das Moskauer Patriarchat die mit Abstand größte orthodoxe Glaubensgemeinschaft. Entsprechend bestätigt die Umfrage eine führende Rolle Moskaus in der orthodoxen Welt: Demnach sagen 85 Prozent der Russen, ein starkes Russland sei notwendig, um den Einfluss des Westens einzugrenzen. Auch in anderen orthodox geprägten Staaten unterstützt eine Mehrheit der Befragten diese Meinung: darunter im EU-Mitglied Griechenland (70 Prozent), Serbien (80 Prozent), Weißrussland (76 Prozent) und Armenien (83 Prozent). Zudem findet eine Mehrheit in diesen Ländern, dass Russland orthodoxe Christen außerhalb seiner Landesgrenzen schützen sollte. Einzige Ausnahme ist hier die Ukraine, wo lediglich 22 Prozent Russland als wichtigen Gegenpol zum Westen einstufen. Ob die Rückkehr zur Religion in den orthodoxen Ländern bereits vor 1989 eingesetzt habe, bleibe „eine offene Frage“, heißt es in der Studie.

    57 Prozent der befragten Georgier und 58 Prozent der Russen äußerten die Meinung, Josef Stalin habe eine sehr oder zumindest überwiegend positive Rolle in der Geschichte gespielt. Von Michail Gorbatschow denken dies nur 22 Prozent der Russen und 18 Prozent der Georgier.

    Die Studie zeigt auch, dass Menschen in Ländern mit orthodoxer Mehrheit eher zu der Ansicht neigen, ihre Regierungen sollten die Verbreitung religiöser Werte und Lehren durch die jeweilige Nationalkirche unterstützen und diese finanziell fördern. In Armenien meinen dies 59 Prozent, in Georgien 52 Prozent, in Russland 42 Prozent. Demgegenüber plädieren die katholischen Polen und Kroaten jeweils mit Dreiviertelmehrheit für eine Trennung von Religion und Regierungspolitik.

    Auch die ökumenische Gesinnung wird anfanghaft erhoben: Nur 47 Prozent der befragten orthodoxen Russen und 57 Prozent der orthodoxen Serben oder Griechen wären bereit, Katholiken in ihrer Familie zu akzeptieren. Dagegen würden 92 Prozent der katholischen Ukrainer sowie 66 Prozent der katholischen Polen und Kroaten orthodoxe Christen in ihrer Familie akzeptieren.