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    Berlin

    Organspende: Katholiken in der CDU gespalten

    Nach der Abstimmung im Bundestag zur Organspende stellt sich im Blick auf die Unionsabgeordneten die Gretchenfrage: Wie halten es die Katholiken mit der Religion? Das Bild ist nicht eindeutig.

    Organspende: Das katholische Abstimmungsverhalten
    „Für mich muss die Organspende eine Spende bleiben, hierbei stimme ich mit den beiden großen Kirchen überein", meint Her... Foto: Jens Kalaene (ZB)

    Nirgendwo hat die Debatte um die Organspende einen solchen Zwiespalt ausgelöst wie bei der Union. Keine andere Fraktion hat mehrheitlich sowohl für die Doppelte Widerspruchslösung von Gesundheitsminister Jens Spahn, als auch für die Entscheidungsbereitschaft gestimmt. Dabei stellt sich auch die Gretchenfrage: Wie halten es die Katholiken mit der Religion?

    Das Bild ist nicht eindeutig. Während die Deutsche Bischofskonferenz sich gegen die Spahn-Lösung aussprach, haben Katholiken in hoher Position – wie Entwicklungsminister Gerd Müller und Verkehrsminister Andreas Scheuer – dafür gestimmt. Auch der kürzlich konvertierte Philipp Amthor stimmte den Antrag zu. Zu dem Lager zählt auch Markus Grübel, Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit und Mitglied im Diözesancaritasrat Rottenburg-Stuttgart. Grübel gehörte bis 2012 dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) an.

    "Aus meiner eigenen Familie kenne ich die Not von Menschen,
    die dringend auf ein Organ zur Transplantation warten.
    Deshalb brauchen wir in Deutschland
    dringend Verbesserungen bei der Organspende“
    Maria Flachsbarth, Präsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB)

    Die ZdK-Mitglieder Monika Grütters und Peter Weiß stimmten gegen die Spahn-Lösung, ähnlich wie Norbert Röttgen, Vorsitzender im Auswärtigen Ausschuss. Maria Flachsbarth, Präsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB), lehnte ebenfalls ab. „Aus meiner eigenen Familie kenne ich die Not von Menschen, die dringend auf ein Organ zur Transplantation warten. Deshalb brauchen wir in Deutschland dringend Verbesserungen bei der Organspende“, so Flachsbarth. „Eine Widerspruchsregelung aber, die davon ausgeht, dass einem hirntoten Menschen Organe entnommen werden dürfen, wenn er nicht ausdrücklich widersprochen hat, führt allerdings in die falsche Richtung. Diese Regelung würde eher Ängste erzeugen und möglicherweise die Spendenbereitschaft senken.“

    Der Stephanuskreis, das überkonfessionelle Gesprächsforum der CDU/CSU, das sich für verfolgte Christen einsetzt, zeichnet ein gespaltenes Bild. Nicht jeder schloss sich dem Vorsitzenden Heribert Hirte mit seiner Entscheidung an, gegen den Gesundheitsminister zu stimmen. 15 Katholiken des Kreises schlossen sich dem Gesetzentwurf an, 25 stimmten dagegen.

    Ralph Brinkhaus stimmt für beide Anträge

    Ein Beispiel für einen Christdemokraten, der für beide Anträge gestimmt hat, ist Ralph Brinkhaus. Der Fraktionsvorsitzende, der donnerstags die Berliner Frühmesse besucht, sagte öffentlich: „Ich habe im Bundestag für die doppelte Widerspruchslösung gestimmt. Der Vorschlag wurde leider abgelehnt. In Deutschland warten ca. 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan, und ich bin der Meinung, diesen Menschen muss so schnell wie möglich geholfen werden. Es muss auf jeden Fall aktiver daran gearbeitet werden, die Menschen zu informieren und die Spendenbereitschaft weiter zu erhöhen. Deshalb habe ich danach für die erweiterte Zustimmungsregelung gestimmt.“

    Die Tagespost hat katholische Bundestagsabgeordnete angeschrieben, um ihre Entscheidung zu begründen, darunter Gegner und Verteidiger der Doppelten Widerspruchslösung. Hier äußern sie sich exklusiv über ihre Motive und christliche Beweggründe.

    Schuster: Bürger müssen sich entscheiden

    Armin Schuster, Obmann im Innenausschuss und Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums, machte sich 2017 gegen die „Ehe für alle“ stark und begründete dies auch mit seinem katholischen Glauben. Am Donnerstag stimmte er für den Vorschlag des Gesundheitsministers. „Die Hauptmotivation für meine Unterstützung für den Spahn-Vorschlag war, dass ich es für absolut zumutbar halte, dass wir Bürger uns entscheiden und aktiv gegen die Verwendung unserer Organe aussprechen müssen, wenn wir nicht spenden möchten. Aus der christlichen Perspektive heraus sehe ich eine Organspende als Akt der Nächstenliebe. Wenn man im persönlichen Umfeld schon einmal damit zu tun hatte, wird es zur Selbstverständlichkeit, sich selbst als Spender auszuweisen.“

    Mechthild Heil, Vorsitzende des Ausschusses für Bau, Wohnen, Stadtentwicklung und Kommunen. Sie ist Vorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd). Wie Schuster unterstützte sie den Spahn-Antrag: „Ich habe für die doppelte Widerspruchslösung gestimmt: sich erst am Kranken- oder Totenbett das erste Mal mit der Frage der Organspende zu beschäftigen, überfordert viele Angehörige. Jeder sollte seine Spendenbereitschaft mit sich und seinen Angehörigen klären. Aber trotz vieler Initiativen und Informationen rund um das Thema Organtransplantation, trotz einer sehr großen geäußerten Bereitschaft zur Spende, besitzen leider nur wenige Menschen einen Spendenausweis. Diese Diskrepanz hätte die doppelte Widerspruchslösung gelöst, weil sie niemanden zwingt, seine Organe zu spenden, aber jeden in die Pflicht nimmt, sich zu entscheiden.“

    Heribert Hirte gegen Widerspruchslösung

    Heribert Hirte, Vorsitzender im Unterausschuss Europarecht und Vorsitzender des „Stephanuskreises“ der Union. Er stimmte gegen die Doppelte Widerspruchslösung und sagt: „Für mich muss die Organspende eine Spende bleiben, hierbei stimme ich mit den beiden großen Kirchen überein. Für die Widerspruchsregelung wäre es nur schwierig zu begründen, dass das Recht auf körperliche Unversehrtheit künftig unter Vorbehalt stehen soll. Obendrein folgt aus der bloßen Einführung der Widerspruchslösung keine zwangsläufige Steigerung der potentiellen Organspender. So ist für mich dieser tiefe Eingriff in die Selbstbestimmung über den eigenen Körper nicht zu rechtfertigen. Unser Entwurf zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft soll eine neue Kultur der Ansprache schaffen. Ärzte werden nun öfter und ausführlicher das Thema Organspende informieren, ein neuer Pass ist verbunden mit Informationen zur Organspende. All das alleine reicht aber nicht, auch die Strukturen in den Krankenhäusern bedürfen noch weiterer Verbesserungen.

    Axel Müller, Mitglied im Innenausschuss und aktiver Blutreiter bei der jährlichen Reiterprozession in Weingarten. Auch er stimmte gegen Spahn:
    „Ich halte es rechtlich für sehr bedenklich, wenn ein Schweigen als Zustimmung gewertet wird, insbesondere dann, wenn man, wie in dem Gesetzentwurf zur Widerspruchslösung formuliert, selbst nicht mehr entscheiden kann und sich kein Widerspruch zu Lebzeiten feststellen lässt, der auch durch Befragung der Angehörigen nicht zu erkunden ist, eine Zustimmung unterstellt. Eine Organspende ist ein Akt christlicher Nächstenliebe, den man ganz bewusst treffen sollte. Der Mensch in seiner von Gott durch die Schöpfung erhaltenen Personalität und seiner ihm dadurch verliehenen Menschenwürde, wie sie ihm auch das Grundgesetz in Art.1 Grundgesetz zuschreibt, sollte nach meiner Ansicht auch in einem Akt freier Selbstbestimmung im Sinne der persönlichen Freiheit nach Art. 2 Grundgesetz über eine Entnahme seiner Organe in seinem Sterbeprozess bewusst entscheiden“.

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