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    Offensive für die Pflege

    Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will Pflegeberufe attraktiver machen. Von Heinrich Wullhorst

    Vorstellung der «Konzertierten Aktion Pflege»
    Sie verantworten die „konzertierte Aktion Pflege“: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Bundesgesundheitsminist... Foto: dpa

    Die Sorge, ob man sich im Alter eine qualifizierte Pflege leisten kann, treibt viele Menschen um. Schon jetzt wandern ältere Menschen in Länder aus, in denen Pflegeplätze bezahlbarer sind als bei uns. Die Politik hat die Dringlichkeit der Debatte offenbar erkannt. Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht ein Pflegeheim in Paderborn und ihr Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kündigt eine Pflegeoffensive an, die er jetzt, gemeinsam mit anderen Fachministerien, auf den Weg bringen will.

    Milliardeninvestitionen seien nötig, um die Offensive umzusetzen, berichtet der Minister im ZDF-Morgenmagazin. Vor allem die Einkommenssituation von Menschen in Pflegeberufen will Spahn verbessern. „Zwischen 2 500 und 3 000 Euro im Monat sollte man in einem Pflegeberuf nach dem Abschluss einer Ausbildung verdienen können“, meint Spahn. Der Minister will, dass es in der Pflege wieder mehr Beschäftigte mit Tariflöhnen gibt. Er wünscht sich auf diesem Sektor ausdrücklich weniger Leiharbeitsverhältnisse. Etwa 80 Prozent der Beschäftigten in der Pflege arbeiten nach Auskunft von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil derzeit für weniger Geld als den Tariflohn. Thomas Groß ist hauptberuflicher Vorstand der Altenpflegeeinrichtung St. Barbara in Duisburg-Walsum. Er freut sich zunächst einmal, dass die Politik überhaupt etwas auf den Weg zu bringen scheint: „Das Sofortprogramm für Verbesserungen in der Kranken- und Altenpflege zeigt die deutliche Erkenntnis der Politik, längst überfällige Entscheidungen in einem ersten und spürbaren Schritt umzusetzen.“

    Mit einer höheren finanziellen Attraktivität lässt sich allerdings die Betreuungslücke, die durch das Fehlen von 50 000 Pflegerinnen und Pflegern entsteht, nicht kurzfristig lösen. Deshalb will Spahn jetzt Pflegekräfte aus Südosteuropa anwerben, vor allem aus Albanien und dem und dem Kosovo. Damit schlägt er einen Weg ein, den man von dem Politiker, der beim Thema Zuwanderung sonst eher ein Freund stärkerer Begrenzung war, so nicht erwartet. Aber die Not ist groß und Spahn steht mit seinem Versprechen, in einem Sofortprogramm 13 000 zusätzliche Stellen in der stationären Altenpflege zu schaffen, im Wort. Da können Fachkräfte aus dem Ausland kurzfristig helfen, die Zusage des Ministers einzuhalten. Der Vorschlag des Ministers wirft viele Fragen auf. Dabei geht es sicherlich auch darum, inwieweit eine patientennahe Kommunikation möglich ist, wenn es zunächst einmal gilt, eine große Sprachbarriere zu überwinden.

    Aber das ist nicht das einzige Problem. Thomas Groß glaubt nicht, dass die Anwerbung ausländischer Fachkräfte den hohen Fachkräftemangel in Deutschland dauerhaft beheben kann. Und er hat auch Zweifel daran, ob es „international solidarisch ist, Pflegekräfte aus dem Osten Europas mit gutem Geld zu locken, da diese Kräfte auch in den Herkunftsländern dringend gebraucht werden“. Diese Einschätzung aus der Praxis teilt der Vorsitzende des Verbandes Katholischer Altenhilfe in Deutschland, Hanno Heil. Ihm geht es um die Beseitigung der Ursachen des Fachkräftemangels in der Pflege. „Nur durch die Verbesserung der Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen hierzulande lässt sich der Nachwuchsbedarf für die Pflegeberufe dauerhaft decken“, fordert Heil. Menschen für den Pflegeberuf und sie darin auszubilden, sei der „Königsweg der Personalgewinnung“. Die Offensive wird teuer. Spahn hat angekündigt, dass Ende 2018 mit einem Defizit in der Pflegekasse von drei Milliarden Euro zu rechnen sei. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) forderte die Betreiber von Altenpflegeheimen schon einmal auf, auf Gewinne zu verzichten, damit eine bessere Betreuung der Patienten gewährleistet werden könne.

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