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    Nur noch Bürger erster Klasse

    Es ist nicht das erste und nicht das folgenreichste Entgegenkommen, aber das für den türkischen Staat teuerste. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan unterzeichnete Anfang dieser Woche ein Dekret, das nicht-muslimischen Stiftungen ab 1936 konfisziertes Eigentum zurückerstattet und sie auch finanziell entschädigt („Die Tagespost“ berichtete am Dienstag). Dabei geht es um mindestens 1 400 Immobilien in teilweise sehr guter Lage, überwiegend in Istanbul. Der Staat will den christlichen und jüdischen Stiftungen für jene Gebäude und Grundstücke, die bereits an Dritte veräußert wurden, Entschädigungen „zum Marktpreis“ zahlen. Und der ist in der boomenden Metropole am Bosporus derzeit exorbitant hoch. Türkische Medien bezifferten die Entschädigungskosten auf rund 700 Millionen Euro.

    Der Druck des Europarats allein hätte nicht ausgereicht, um die Rechte der Christen in der Türkei zu stärken. Doch Erdog... Foto: dpa

    Es ist nicht das erste und nicht das folgenreichste Entgegenkommen, aber das für den türkischen Staat teuerste. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan unterzeichnete Anfang dieser Woche ein Dekret, das nicht-muslimischen Stiftungen ab 1936 konfisziertes Eigentum zurückerstattet und sie auch finanziell entschädigt („Die Tagespost“ berichtete am Dienstag). Dabei geht es um mindestens 1 400 Immobilien in teilweise sehr guter Lage, überwiegend in Istanbul. Der Staat will den christlichen und jüdischen Stiftungen für jene Gebäude und Grundstücke, die bereits an Dritte veräußert wurden, Entschädigungen „zum Marktpreis“ zahlen. Und der ist in der boomenden Metropole am Bosporus derzeit exorbitant hoch. Türkische Medien bezifferten die Entschädigungskosten auf rund 700 Millionen Euro.

    Viele praktische Probleme der Rückgabe sind damit freilich nicht gelöst: Da ist eine gewaltige Bürokratie, die in jedem Einzelfall bremsend wirken kann. Viele der einst von Griechen, Armeniern oder Juden gegründeten Stiftungen, die – osmanischem Recht folgend – Eigentümer waren, sind längst aufgelöst, lauten auf den Namen eines Heiligen oder können keinen in der Türkei lebenden Rechtsvertreter mehr benennen. 2008 kam es bereits zu einer ersten Welle von Restitutionen, doch wurden rund 800 Ansuchen abgelehnt, weil die geforderten Dokumente nicht beizubringen waren.

    Nicht geringer ist das Problem der zahlenmäßigen Präsenz von Griechen, Armeniern und Juden in der heutigen Türkei. Wie sollen die etwa 2 000 Griechen, die heute noch in Istanbul leben, neben ihren bisherigen Immobilien die Sorge für hunderte restituierte Gebäude – darunter Kirchen, Wohnhäuser, Krankenhäuser – übernehmen? Istanbul war als Sitz des Sultans und Zentrum des Osmanischen Reichs eine multiethnische und multireligiöse Stadt. Noch 1914 waren weniger als die Hälfte ihrer Einwohner Muslime. Seitdem ist nicht nur die Einwohnerzahl der Türkei und ihrer wichtigsten Metropole rasant angewachsen, sondern die Zahl von Christen erschreckend geschrumpft, sodass die vor einem Jahrhundert plurale Türkei heute ein nahezu homogen islamisches Land ist.

    Das war nicht die Absicht des Gründervaters der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, der von einem säkularen Staat träumte, in dem nicht der Islam, sondern das „Türkentum“ die normgebende Kraft sein sollte. Und doch war es die dem Kemalismus eigene Verbindung von türkischem Nationalismus und radikal-laizistischer Religionsfeindlichkeit, die das Christentum in Kleinasien faktisch fast auslöschte. Nicht unter der rund ein halbes Jahrtausend währenden Herrschaft der Sultane wurde das in apostolischer Zeit hier verwurzelte Christentum vernichtet, sondern zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nicht im Namen des Islam, sondern im Namen der Werte der Französischen Revolution.

    Nicht weil sie Christen waren, sondern weil sie Armenier waren und verdächtigt wurden, mit Russland zu kooperieren, hetzten die „Jungtürken“ gegen die armenischen Christen. Nicht weil sie Christen waren, sondern weil sie Griechen waren und Athen die Schwäche der Türken nutzen wollte, die kleinasiatische Küste zu erobern und das Byzantinische Reich wieder herzustellen, kam es 1923 zu jenem fatalen „Bevölkerungstausch“, der dem orthodoxen Christentum in Kleinasien das Rückgrat brach. Aus laizistischen Motiven versuchte Atatürk, auch die Mehrheitsreligion, den Islam, an die Leine zu legen: Islamische Gerichtshöfe, Brüderorden und Bildungsanstalten wurden verboten. Kalender und Schrift wurden „europäisiert“, die arabische Schrift und Kultsprache verboten, der muslimische Freitag und der Ramadan abgeschafft. Atatürk verstaatlichte den Islam, indem er ihn unter die Aufsicht und Verwaltung eines Ministeriums stellte.

    Auch wenn er sich nicht offen von Atatürk lossagen kann, überwindet Erdogan dessen Kulturrevolution in der Außen- wie in der Gesellschaftspolitik. Seit 2002 konnte der AKP-Chef und Ministerpräsident seine Reformen nur mühsam vorantreiben, musste stets darauf achten, dass die fanatisch kemalistischen Generäle ihn nicht aus dem Sattel werfen. Jetzt aber hat er den Machtkampf mit den Militärs gewonnen. Erstmals sind auch Offiziere in der Türkei der zivilen Gerichtsbarkeit unterworfen, werden mutmaßliche Putschisten verhaftet und vor zivile Richter gestellt.

    Der Reformwille des Ministerpräsidenten betrifft auch die Religionsgemeinschaften und ihre Eigentumsrechte. Weil der verstaatlichte Islam dem frommen Muslim Erdogan ein Dorn im Auge ist, bekommen auch die religiösen Minderheiten mehr Spielraum. Im gelingenden Fall bringt Erdogans Reform ihnen nicht nur Immobilien und Geld, sondern neben der in der Türkei bereits existierenden individuellen auch die volle kollektive Religionsfreiheit.