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    Neue Eskalation auf Mindanao

    Seit vielen Jahrzehnten ist Marawi, eine 200 000 Einwohner-Stadt auf der südphilippinischen Insel Mindanao, eine Hochburg strenger Muslime. Dabei sind die Philippinen ein mehrheitlich katholisches Land. Allein im Süden ist der Islam verbreitet und die Rivalität der beiden großen Weltreligionen reicht weit zurück.

    Philippinische Marinesoldaten patrouillieren Ende Mai in der umkämpften Stadt Marawi. Foto: dpa

    Seit vielen Jahrzehnten ist Marawi, eine 200 000 Einwohner-Stadt auf der südphilippinischen Insel Mindanao, eine Hochburg strenger Muslime. Dabei sind die Philippinen ein mehrheitlich katholisches Land. Allein im Süden ist der Islam verbreitet und die Rivalität der beiden großen Weltreligionen reicht weit zurück.

    Am Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert fassten katholische Eroberer aus Spanien und islamische Kolonisatoren aus Arabien auf den Philippinen Fuß – die einen im Norden, die anderen im Süden. Die Spanier erwiesen sich als die Stärkeren und drängten den sich nach Norden ausbreitenden Islam zurück. Auf die Urbevölkerung nahmen beide keinerlei Rücksicht.

    Die spanische Kolonialherrschaft dauerte bis 1898 und nach einigen Jahrzehnten unter US-amerikanischer Hoheit sowie japanischer Besetzung erhielt das Land 1946 die vollständige Unabhängigkeit. Die kolonialen Konflikte aber lebten weiter. Die Insel Mindanao war zur nordöstlichen Grenze der islamischen Expansion in Ost- und Südostasien geworden, die den Buddhismus und Hinduismus weitgehend vernichtet hatte.

    Auf Mindanao versuchte die philippinische Regierung den Einfluss der Muslime zurückzudrängen. Dabei gingen politische, religiöse und wirtschaftliche Interessen Hand in Hand. Amerikanische Firmen errichteten große Obst- und Zuckerrohrplantagen für den Export. Zudem siedelte die Regierung zahlreiche christliche Filipinos aus dem Norden an, während der Landbesitz von Muslimen stark eingeschränkt wurde.

    Der offene Widerstand gegen diese Politik begann in den 1960er Jahren. 1971 gründeten Einheimische die MNLF, die Nationale Befreiungsfront der Moro, wie die Muslime genannt werden. Ihr Ziel war die Errichtung eines eigenen Staates. Erhebliche finanzielle und militärische Unterstützung aus Libyen und Malaysia machte die MNLF rasch zu einer effizienten Truppe.

    Obwohl der damalige Präsident Marcos das Kriegsrecht über den Süden verhängte, gelang es ihm nie, den Konflikt zu befrieden. Erst seine zivilen Nachfolger unternahmen ernsthafte politische Initiativen. Schließlich unterzeichneten Präsident Fidel Ramos und der MNLF-Führer Nur Misuari am 2. September 1996 einen Friedensvertrag. Die MNLF verzichtete darin auf einen eigenen Staat, erhielt aber ein Autonomes Gebiet „Muslim Mindanao“, dessen erster Gouverneur Nur Misuari wurde.

    Was eine Friedens-Perspektive hätte sein können, wurde zur Quelle weiterer Eskalation. Radikale Muslime sahen in dem Abkommen eine Kapitulation. Sie spalteten sich von der MNLF ab und führten den Kampf fort. Die radikalste unter ihnen ist Abu Sayyaf (Schwertkämpfer), deren Gründer als Mudschaheddin in Afghanistan gekämpft hatten und enge Beziehungen zu Al Kaida unterhalten. Ihre Anschläge gingen weit über Mindanao hinaus. Beliebte Ziele waren die Infrastruktur des Landes, vor allem Flug- und Schiffshäfen sowie christliche Einrichtungen und Repräsentanten. So plante Abu Sayyaf sogar einen Großangriff auf den Weltjugendtag, der im Januar 1995 mit Papst Johannes Paul II. in Manila stattfand. Diese Pläne konnten nicht umgesetzt werden, doch an anderen Orten wurden hunderte Unbeteiligte erschossen, geköpft, erdolcht – allein aus dem Grund, weil sie Christen waren. Manche der Gräueltaten wurden gefilmt und ins Internet gestellt.

    Internationale Aufmerksamkeit erhielt Abu Sayyaf durch die Entführung zahlreicher Deutscher und anderer Europäer, die in der Region Taucherurlaub machten. Inzwischen steht Abu Sayyaf nicht mehr alleine. Die Internationalisierung der radikal-islamischen Bewegung machte den Süden der Philippinen zu einem Zentrum des Terrors. Neben Abu Sayyaf ist vor allem die „Maute-Gruppe“ zu nennen. Gründer sind die Brüder Omar und Abdullah Maute, die aus der Region um Marawi stammen. Ihr Werdegang war zunächst unspektakulär. Wie Millionen anderer Filipinos zogen sie als Gastarbeiter in den Nahen Osten. In Syrien, Jordanien, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten arbeiteten sie als Lehrer. Wo ihre Radikalisierung stattfand, lässt sich nicht genau nachzeichnen. 2013 traten sie als Anführer der nach ihnen benannten Gruppe erstmals in Erscheinung. Wie Abu Sayyaf und mehrere kleinere Terrororganisationen hat die Maute-Gruppe dem „Islamischen Staat“ (IS) die Treue geschworen. Ihr Ziel ist die Errichtung eines Kalifats im Süden der Philippinen. Darüber hinaus verfügt die Gruppe über Verbindungen zu Jemaah Islamiyah aus Indonesien, der größten radikal-islamischen Terrororganisation im Raum, die für den brutalen Anschlag auf Bali 2002 verantwortlich ist.

    Am 23. Mai erhielt die Maute-Gruppe mit einem Schlag internationale Aufmerksamkeit. Gemeinsam mit Abu Sayyaf-Kämpfern startete sie einen Großangriff auf Marawi. Begleitet von heftigen Explosionen stürmte sie das Gefängnis und befreite 107 Gefangene. Sie eroberte auch das Krankenhaus sowie mehrere christliche Einrichtungen. Dabei wurde mindestens eine Kirche in Brand gesteckt. Die Angaben dazu sind widersprüchlich. Einige Quellen behaupten, es sei die katholische Kathedrale gewesen, andere sprechen vom Dansalan College der UCCP, der protestantischen United Church of Christ in the Philippines. Letztere ist eine Minderheit und steht der Regierung kritisch gegenüber. Auch wurden zahlreiche Christen als Geiseln genommen.

    Während des Angriffs auf Marawi befand sich Präsident Rodrigo Duterte auf Staatsbesuch in Russland. Der Angriff war für ihn eine Provokation, weil er in Davao, der Hauptstadt von Mindanao, aufgewachsen ist und als Bürgermeister der Stadt mit harten, aber erfolgreichen Methoden die Kriminalität bekämpfte. Davao liegt etwa 250 Kilometer südöstlich von Marawi.

    Noch von Russland aus verhängte Duterte das Kriegsrecht über die Insel, doch durchschlagenden Erfolg verzeichnete die Armee bislang nicht. Die Lage in Marawi bleibt unübersichtlich, die Meldungen widersprüchlich. Anfang Juni erklärte Amaq, das Sprachrohr des IS, die radikal-islamischen Kämpfer würden zwei Drittel der Stadt kontrollieren. Derweil hieß es von Seiten der Armee, sie habe die Kontrolle über 80 Prozent der Stadt zurückgewonnen. Unklar ist auch das Schicksal von Omar und Abdullah Maute. Gerüchte kursieren, sie seien bei Straßenkämpfen ums Leben gekommen. Solche Meldungen sind mit Vorsicht zu genießen. Bereits vor Monaten war fälschlicherweise der Tod von Abdullah Maute gemeldet worden. Unbestritten ist, dass über 90 Prozent der Bewohner bei Ausbruch der Kämpfe aus der Stadt geflohen sind. Etwa 2 000 befinden sich in den umkämpften Stadtgebieten. Vermutlich knapp 200 Menschen sind den Auseinandersetzungen bislang zum Opfer gefallen.

    Die gemäßigten Muslim-Organisationen wie die MNLF und deren Verbündete haben den Angriff verurteilt und unterstützen sogar das Kriegsrecht des Präsidenten. Menschenrechtsgruppen fürchten dagegen eine weitere Militarisierung der Gesellschaft und kritisieren, den Terroristen sei auch ohne Kriegsrecht beizukommen. Tatsächlich sind die Perspektiven für den Süden der Philippinen eher düster, selbst wenn Marawi wieder unter der Kontrolle der Regierung ist. Die international agierenden radikal-islamischen Gruppen haben dort ein großes Rekrutierungsfeld, das durch die martialische Politik von Präsident Duterte eher noch gestärkt wird.