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    „Natürlich habe ich dann Entzugserscheinungen“

    Schwester Philippa Rath ist Benediktinerin in der Abtei Sankt Hildegard in Rüdesheim bei Bingen. Die ehemalige Journalistin ist seit 1992 Mitglied des Konvents mit 54 Schwestern, der sich auf die große Mystikerin des Mittelalters beruft. Im Gespräch mit Klaus Nelißen berichtet sie über die Fastenzeit im Kloster und ihre persönlichen Verzichtsvorhaben.

    Wie muss man sich die Fastenzeit in der Abtei Sankt Hildegard vorstellen?

    Die Fastenzeit ist zunächst eine herausgehobene liturgische Zeit mit eigenen Choralgesängen und Hymnen. Ansonsten unterscheidet sie sich bei uns nicht wesentlich von anderen Zeiten im Jahr. Benediktiner und Benediktinerinnen sind im Grunde keine strengen Asketen. Es gibt kaum allgemeinverbindliche Fastenvorschriften – abgesehen davon, dass wir an vier Tagen in der Woche kein Fleisch essen. Der heilige Benedikt war ein großer Menschenkenner und kein Freund von Extremen. Die „Discretio“, die weise Maßhaltung, bezeichnete er als „Mutter aller Tugenden“.

    Wie ist das gemeint?

    Der heilige Benedikt hat in seiner Regel vor allem vor dem geistlichen Hochmut gewarnt. Er kannte die Fallstricke des Fastens. Hochmut beginnt dann, wenn man sich selbst für demütig hält und auf andere herabschaut. Man kann unheimlich stolz sein auf seine Fastenleistungen. Dann steht aber mehr das eigene Ego im Mittelpunkt als die Bereitschaft zum Verzicht. Auch unsere Klosterpatronin, die heilige Hildegard, hat davor gewarnt. Deshalb empfahl sie, niemals länger als 10 Tage streng zu fasten. Andernfalls beginnt der „geistige Höhenflug“, bei dem man auf die anderen herabschaut. Darum geht es beim Fasten nicht.

    Worum geht es dann?

    Es geht darum, dass ich meine eigenen Abhängigkeiten durchschaue, dass ich mich auf dem Weg zu Gott für das Wesentliche frei mache. Loslassen scheint mir ein wichtiges Stichwort zu sein – auch Opfer. Denn letztlich kann Fasten ja nie Selbstzweck sein, sondern ist Teil des Lebens nach dem Evangelium, Teil der Christusnachfolge. Christus hat sich selbst entäußert. Er ist für uns ans Kreuz gegangen – aus freiem Willen. Dagegen sind alle unsere Fastenübungen nur kleine, aber dennoch keineswegs unbedeutende Zeichen der Liebe.

    Wie muss man sich das im Kloster vorstellen?

    Das Fasten ist auch im Kloster zunächst eine ganz persönliche Sache. Jede Schwester spricht ihre Fastenvorhaben mit der Äbtissin ab. Das bewahrt uns schon im Vorfeld vor übertriebenen asketischen „Klimmzügen“. Die Äbtissin, und das kommt durchaus vor, kann eine Fastenübung auch streichen. Hungerfasten ist schließlich nicht für jedermann gleichermaßen sinnvoll. Wohl aber vielleicht das Fasten des Redens oder des Urteilens und Verurteilens anderer, was die Wüstenväter als Fastenübung übrigens sehr empfohlen haben.

    Und worauf wollen Sie persönlich verzichten?

    Ich versuche zunächst immer, auf bestimmte Lieblingsspeisen zu verzichten. Vor allem faste ich aber bei meiner großen Leidenschaft, dem Zeitunglesen – vor meinem Klostereintritt war ich Journalistin. Ich weiß aber, dass ich mir damit immer ein Stück meines alten Lebens zurückhole, und daher verzichte ich. Natürlich habe ich dann „Entzugserscheinungen“ – aber das ist auch gut so, denn sonst wäre es ja kein Opfer. Die gewonnene Zeit versuche ich dann sinnvoll für die Gemeinschaft zu investieren.