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    Nach den „Azzurri“ nun das Sommerloch

    Von Guido Horst

    Von Guido Horst

    Man nehme eine verpatzte Fußball-EM, Temperaturen an die 40 Grad, politisches Vor-Ferien-Geplänkel einer mit satten Mehrheiten ausgestatteten Regierungskoalition – und schon sind alle Zutaten bereit für ein typisch italienisches Sommerloch. Und was lugt daraus hervor? Was beschäftigt die Zeitungen, nachdem die Azzurri in der Versenkung verschwunden sind? Der Fall Emanuela Orlandi, das Verschwinden der sechzehnjährigen Tochter eines Vatikanangestellten vor 25 Jahren. Da hängt aber auch alles drin, womit römische Sacro-Thriller geschrieben sind: Das vatikanische Geldinstitut IOR und sein damaliger Chef, der inzwischen verstorbene Monsignore Paul Casimir Marcinkus, der Zusammenbruch des „Banco Ambrosiano“ Roberto Calvis, dessen Ermordung in London, die Geheimloge P2 des „Ehrwürdigen Meisters“ Licio Gelli, die „Banda della Magliana“, eine Verbrecherorganisation, die in den achtziger Jahren die Kriminalität in der italienischen Hauptstadt organisierte, und eine ehemalige Geliebte des Bandenchefs Enrico de Pedis, die nun in Interviews alles zusammenmixt:

    Emanuela Orlandi sei verschwunden, weil ihr Vater auf Dokumente gestoßen sei, die Verbindungen zwischen Vatikan, Freimaurerei und organisierter Kriminalität belegten. Schon musste Vatikansprecher Federico Lombardi zu bester Sendezeit vor die Kameras treten, um das Ansehen des verblichenen Mancinkus zu wahren. Während sich im Anschluss daran Talkrunden mit der Frage befassten, worum es in Italien nie gelingt, hinter Geschichten wie dem Fall Orlandi einen Punkt zu setzen. Der Leichnam des ermordeten Bandenchefs de Pedis ruht übrigens in der römischen Kirche Sant'Apollinare neben den Särgen von Päpsten. Jüngstes Gerücht: In diesem Grab solle auch Emanuela liegen... O Sommerloch, bitte schließe Dich wieder!