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    Mugabes langer Schatten

    Der neue Staatspräsident Emmerson Mnangagwa steht für keine Wende. Von Michael Gregory

    Simbabwes neuer Präsident Mnangagwa wird vereidigt
    Der neue Staatspräsident Emmerson Mnangagwa bei seiner Vereidigung: Das Militär ist ein wichtiger Machtfaktor in Simbabw... Foto: dpa

    Simbabwe zwei Wochen nach Ende der Ära Mugabe: Auf die Freude über den Machtwechsel ist Ernüchterung eingetreten, vielfach sogar Enttäuschung. Denn der neue starke Mann in Harare, Präsident Emmerson Mnangagwa, hat wichtige Minister aus der Mugabe-Regierung übernommen, ohne sich mit der Opposition abzustimmen. Dazu wurden Vertreter des Militärs und der Kriegsveteranen mit Posten berücksichtigt.

    Zwar ist der Alltag schnell zurückgekehrt in den großen Städten Harare und Bulawayo. Auf den Straßen patrouilliert wieder die Polizei, nachdem dort die Soldaten für gut eine Woche die Kontrolle übernommen hatten. Doch der Frieden kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit Mnangagwa ein Mann die Macht übernommen hat, der wie kaum ein anderer in Simbabwe für das alte Regime steht. So war der heute 75-Jährige lange Jahre Vizepräsident unter Mugabe. Zuvor hatte er dem Diktator als Geheimdienstchef gedient, der die Drecksarbeit erledigte, wenn es darum ging, Regimekritiker einzuschüchtern oder ganz auszuschalten. Ebenso ist Mnangagwa bestens vernetzt in der weiterhin allmächtigen Regierungspartei Zanu-PF, deren Vorsitzender er seit dem 19. November ist.

    Kein Wunder, dass sich die Begeisterung über Mnangagwa an der Spitze des Staates bei vielen in Grenzen hält, auch wenn der neue starke Mann verspricht, Simbabwes Wirtschaft wieder aufzubauen. „Es bleibt abzuwarten, ob Mnangagwa die Kraft und den Mut aufbringt, echte Reformen einzuleiten“, sagt ein kirchlicher Beobachter aus Harare im Gespräch mit der Tagespost.

    Tatsächlich braucht Simbabwe Veränderungen. Doch um sie in die Wege zu leiten, wäre Mnangagwa gezwungen, kräftig gegen den Strom zu schwimmen. Zuerst müsste er den Einfluss seiner eigenen Partei eindämmen, der links-populistischen früheren Revolutionspartei Zanu-PF. Nur dann hätte die Opposition eine Chance, allen voran die größte, aber zersplitterte Oppositionspartei „Movement for Democratic Change“. Auf die Zanu-PF konnte sich Mugabe jedenfalls stets verlassen – und nun offenbar auch Mnangagwa, der in dritter Ehe mit Auxilia Mnangagwa verheiratet ist, die ebenfalls der ZANU-PF dient, als Abgeordnete im simbabwischen Parlament. Das Paar hat drei Kinder. Aus vorangegangenen Ehen hat Mnangagwa weitere Kinder. Er soll zu den reichsten Simbabwern gehören. Dabei wird ihm nachgesagt, viel Geld mit illegalem Diamantenhandel im Kongo „gemacht“ zu haben.

    Warum sollte Mnangawa ein aus seiner Sicht bestens bewährtes Machtsystem infrage stellen? Ein System, das auf dem Prinzip „eine Hand wäscht die andere“ basiert. Ein System, das so gut wie nie versagt, weil es alle wichtigen staatlichen Akteure einbindet: Militär, Polizei, Geheimdienst und den einflussreichen Verband der Kriegsveteranen. In seiner Antrittsrede gab das neue Staatsoberhaupt darauf jedenfalls keine Antwort. Im Gegenteil: Simbabwe dürfe, so der neue Staatspräsident Mnangagwa, „keine Geisel der eigenen Geschichte sein. Was vergangen ist, ist vergangen.“

    Kaum vorstellbar, dass ein echter Neubeginn im Land zwischen Sambesi und Limpopo unter diesen Bedingungen möglich ist. Andernorts aber dürfte die sich abzeichnende Kontinuität auf Zustimmung stoßen. So war Mugabe bis zum Schluss – trotz all seiner Menschenrechtsverletzungen – die graue Eminenz in der Afrikanischen Union (AU) ebenso wie im südafrikanischen Staatenbund SADEC. Während all der Jahre, in denen der Diktator Wahlen manipulierte, Oppositionelle verfolgte und sein Land mit rassistischem Terror gegen Weiße überzog, kam kaum ein Wort der Kritik aus anderen Ländern Afrikas.

    So betrachten nicht wenige die Solidarität innerhalb Afrikas als Nibelungentreue, andere aber als rechtens nach langen Jahren kolonialer Fremdherrschaft. Auch die Bischöfe Simbabwes – rund zehn Prozent der etwa 14 Millionen Einwohner bekennen sich zur katholischen Kirche – setzen zurzeit eher auf Beschwichtigung. Sie fordern die Einrichtung eines nationalen Dialogs. Dabei sollten die gesellschaftlich relevanten Kräfte über die Zukunft beraten. Die Kirche biete sich dabei als Vermittler an, schreiben die Bischöfe in einer gemeinsamen Erklärung. Sie danken in ihrer Botschaft für „die friedliche Einstellung, die Toleranz und Zusammenarbeit während des militärisch unterstützten Übergangs“. Ausdrücklich danken sie auch dem abgesetzten Präsidenten „für die gute Arbeit, die er während des Befreiungskampfes für Simbabwe und als Präsident 37 Jahre lang geleistet hat. Wir vergeben ihm alle Unzulänglichkeiten während seiner langen Amtszeit.“ Ein durchaus ehrenvoller Abgang für den Katholiken Mugabe. Die Aufarbeitung der Geschichte bleibt eine Aufgabe, eine Voraussetzung für Versöhnung.

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