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    Mladic steht vor seinen Richtern

    Den Haag (DT/dpa) Der mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladic ist nach 16-jähriger Flucht und seiner Auslieferung von Belgrad an das UN-Tribunal in Den Haag erstmals vor seine Richter getreten. „Ich bin General Ratko Mladic“, stellte er sich dem Vorsitzenden Richter, dem Niederländer Alphons Orie, am Freitag vor. „Ich will nicht, dass man mir die Anklage vorliest“, sagte der frühere Militärchef der bosnischen Serben im Bürgerkrieg (1992–1995).

    Der erste Auftritt des früheren Generals Ratko Mladic vor dem UN-Tribunal in Den Haag wurde in Serbien live im Fernsehen... Foto: dpa

    Den Haag (DT/dpa) Der mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladic ist nach 16-jähriger Flucht und seiner Auslieferung von Belgrad an das UN-Tribunal in Den Haag erstmals vor seine Richter getreten. „Ich bin General Ratko Mladic“, stellte er sich dem Vorsitzenden Richter, dem Niederländer Alphons Orie, am Freitag vor. „Ich will nicht, dass man mir die Anklage vorliest“, sagte der frühere Militärchef der bosnischen Serben im Bürgerkrieg (1992–1995).

    Dennoch bestand Orie, der anfangs auch den Prozess gegen Radovan Karadzic geleitet hatte, darauf, wenigstens eine Zusammenfassung der elf Anklagepunkte vorzulesen. Dem Angeklagten werden „Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstöße gegen die Gesetze und Regeln der Kriegsführung“ vorgeworfen. Orie, der seit November 2001 zu den 26 ständigen Richtern des Internationalen Gerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) gehört, beschrieb Fälle von „Mord und Deportation“, berichtete über Massengräber, aus denen die Leichen zur Vertuschung wieder herausgeholt und zerstückelt in neuen „Sekundärgräbern“ verscharrt wurden. Er sprach von Zwangslagern und massenhafter sexueller Gewalt.

    „Ich muss das gut durchlesen“, reagierte Mladic auf die Vorwürfe. Es seien „monströse Worte“ gefallen, „von denen ich noch nie gehört habe“. „Ich habe mein Volk und mein Land verteidigt“, beschrieb er seine Position. „Ich habe keine Muslime und keine Kroaten umgebracht.“ Mladic wird vor allem für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht. Dabei wurden rund um den 15. Juli 1995 bis zu 8 000 muslimische Männer und Jungen ermordet. Auch in Sarajevo herrschte Terror: Beim dreijährigen Beschuss der bosnischen Hauptstadt mit schweren Waffen von den umliegenden Bergen kamen ebenfalls Tausende ums Leben.

    Der ehemalige serbische General zeigte sich überzeugt, seine Unschuld beweisen zu können: „Ich will noch meine Freiheit erleben“, sagte er. Die weitere Verhandlung wurde auf den 4. Juli (10 Uhr) vertagt. „Ich bin ein schwer kranker Mann“, berichtete der Ex-General zu Beginn des Prozesses mit schwerer Stimme. Er trug nicht wie angekündigt eine Militäruniform, sondern einen Anzug. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit berichtete Mladic dem dreiköpfigen Richtergremium, dem auch der Deutsche Christoph Flügge und der Südafrikaner Bakone Moloto angehören, über seinen Gesundheitszustand. Sein Belgrader Anwalt hatte behauptet, Mladic leide an Lymphdrüsenkrebs und könne die Verhandlung nicht überleben, das Tribunal bestritt diese Angaben.

    „Im Augenblick gibt es keine Hinweise, dass der Gesundheitszustand Mladic hindern wird, am Gerichtsverfahren teilzunehmen“, sagte der Sekretär des Tribunals, John Hocking, der Belgrader Zeitung „Blic“ (Freitag). Auch Mladic-Sohn Darko betonte in Belgrad, sein Vater fühle sich gut. Das habe er selbst aus dem Gefängnis des Tribunals seiner Familie berichtet. Er sei zuversichtlich, seine Unschuld beweisen zu können.

    Mladic, der nach eigenen Angaben 68 Jahre alt ist, verlangte vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien mehr als die vorgesehenen 30 Tage, um seine Verteidigung vorzubereiten. „Ich habe noch nichts gelesen“, begründete er seine Forderung. Die 37-seitige Anklageschrift war ihm am Dienstag bei seinem Eintreffen im Tribunal ausgehändigt worden. Der Vorsitzende Richter ordnete weitere Überprüfungen des Geburtsdatums von Mladic an, der nach mehrmaliger Nachfrage bei 1943 als Geburtsjahr blieb. Demgegenüber steht in den Gerichtsakten als Geburtsdatum 12. März 1942.

    Unterdessen wurde bekannt, dass Serbien für die Verhaftung Mladics von der Europäischen Union mit dem Status eines EU-Kandidaten bis zum Jahresende und gleichzeitigen Beitrittsverhandlungen belohnt werden will. „Immer gewisser“ werde das, schrieb die Zeitung „Novosti“ am Freitag in Belgrad. „Beitrittsverhandlungen ab März?“, lautete die Überschrift.

    Der serbische Staatspräsident Boris Tadic, der als der Antreiber für die Mladic-Verhaftung gilt, gab ausländischen Medien Interviews mit der Botschaft, dass Brüssel nun seinen Teil der Verpflichtung einlösen müsse und Serbien mit der Mladic-Auslieferung an das UN-Tribunal in Vorleistung getreten sei. Der EU–Erweiterungskommissar Stefan Füle erteilt diesen Forderungen bereits eine Absage: Mit der Mladic-Verhaftung sei nur eins der Hindernisse auf dem Weg in Richtung Brüssel geräumt. Immerhin sei noch der frühere kroatische Serben-Führer Goran Hadzic flüchtig. Daneben müssten noch tiefgreifende Reformen angestoßen werden. Tadic hat nach der Lösung des Mladic-Problems „die Abrechnung mit der Korruption und der Organisierten Kriminalität“ angekündigt.