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    Mexikos Kirche geht in die Offensive

    Die Kirche in Mexiko hat eine öffentliche Diskussion über Religionsfreiheit angestoßen. Von Seiten der Mexikanischen Bischofskonferenz hieß es in dieser Woche: Eines der vorrangigen Ziele der Kirche in diesem Jahr sei, endlich die volle Ausübung der Religionsfreiheit zu erreichen. Nach kirchlicher Auffassung ist diese Freiheit in Mexiko nicht im erforderlichen Umfang verwirklicht, solange die Kirche zum Beispiel keinen Zugang zum öffentlichen Bildungswesen und zum Mediensektor hat, das heißt, solange es keinen Religionsunterricht an staatlichen Schulen und keinen katholischen Radio- und Fernsehsender gibt. Grundsätzlich aber – das betont die Kirche immer wieder – will sie das laizistische System Mexikos mit seiner strengen Trennung von Staat und Kirche nicht in Frage stellen.

    Die Kirche in Mexiko hat eine öffentliche Diskussion über Religionsfreiheit angestoßen. Von Seiten der Mexikanischen Bischofskonferenz hieß es in dieser Woche: Eines der vorrangigen Ziele der Kirche in diesem Jahr sei, endlich die volle Ausübung der Religionsfreiheit zu erreichen. Nach kirchlicher Auffassung ist diese Freiheit in Mexiko nicht im erforderlichen Umfang verwirklicht, solange die Kirche zum Beispiel keinen Zugang zum öffentlichen Bildungswesen und zum Mediensektor hat, das heißt, solange es keinen Religionsunterricht an staatlichen Schulen und keinen katholischen Radio- und Fernsehsender gibt. Grundsätzlich aber – das betont die Kirche immer wieder – will sie das laizistische System Mexikos mit seiner strengen Trennung von Staat und Kirche nicht in Frage stellen.

    Hintergrund dieser Debatte sind verstärkte Angriffe gegen die mexikanische Kirche aus dem linken politischen Spektrum. Nach der Entscheidung des Stadtparlaments von Mexiko-City im Frühjahr 2007, Abtreibungen bis zur 12. Woche zu legalisieren, und der heftigen Ablehnung dieses neuen Abtreibungsgesetzes durch einige Bischöfe, kam es in den vergangenen Monaten zu scharfen antiklerikalen Attacken, vor allem aus den Reihen der linken, in Mexiko-Stadt regierenden PRD („Partei der Demokratischen Revolution“). Sie werfen der Kirche eine gezielte Kampagne gegen die Rechte von Frauen und falschen Dogmatismus vor.

    Auch in den Medien mehren sich Angriffe: Die in Mexiko-Stadt erscheinende Tageszeitung „La Jornada“ warf der Kirche in den vergangenen Monaten wiederholt vor, die Gesamtheit der Gesellschaft „indoktrinieren“ zu wollen. Der absolute Wahrheitsanspruch der katholischen Lehre sei nicht vereinbar mit dem Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat, auch nicht mit dem Grundsatz der religiösen Toleranz, der andere Religionsgemeinschaften neben der katholischen Kirche zulasse.

    Im Kern geht es bei der Auseinandersetzung um ein in Mexiko seit langem gültiges Grundprinzip: die strenge Trennung von Staat und Kirche. Von kirchlicher Seite wird immer wieder betont, an diesem Grundsatz nicht rütteln zu wollen. „Auch die katholische Kirche will keinen konfessionellen Staat, der irgendeiner Religionsgemeinschaft Privilegien zugesteht“, betonte der Generalsekretär der Mexikanischen Bischofskonferenz, Bischof Leopoldo Gonzalez, noch in dieser Woche. „Was wir wollen, ist ein weltanschaulich neutraler Staat, der aber die volle Freiheit in religiösen Fragen garantiert.“

    Für die Kirche ein Thema, das die ganze Gesellschaft betrifft

    Der Beauftragte der Mexikanischen Bischofskonferenz für die Beziehungen mit der Regierung, Pfarrer Manuel Corral, erläuterte in einer aktuellen Stellungnahme: „Das Thema Religionsfreiheit ist ein Kapitel, das nach wie vor starke Beachtung verdient, weil es die Gesellschaft als Ganzes betrifft.“ Die Bischofskonferenz, so Corral, will ihre Kontakte mit dem für kirchliche Angelegenheiten zuständigen Innenministerium in den kommenden Monaten „vervielfachen“. Ebenso will sie ihre Beziehungen mit Vertretern politischer Parteien und Abgeordneten intensivieren.

    Im Kern geht es in der derzeitigen Debatte um die Frage, welches Konzept von Religionsfreiheit man in Mexiko zu Grunde legen soll. Kirchenkritiker wie der Soziologe Roberto Blanco erklären, die Verfassung garantiere bereits das Recht, „zu glauben und sich zu seinem Glauben zu bekennen oder im Zweifel auch den Glauben zu wechseln. Für die Bischöfe aber“, so der Soziologe, „ist Religionsfreiheit gleichbedeutend mit dem Religionsunterricht an staatlichen Schulen – und das ist etwas, das von der Mehrheit der Mexikaner nicht gewollt wird.“ Demgegenüber beharrt die Kirche darauf, dass zur vollen Verwirklichung der Religionsfreiheit in Mexiko noch immer wesentliche Elemente fehlen.

    Historisch betrachtet gibt es in Mexiko ein äußerst komplexes und prekäres Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Die kirchenfeindliche Verfassung von 1917, eine Folge der mexikanischen Revolution, führte zum Aufstand der katholischen Landbevölkerung, dem „cristero“-Aufstand (1926 bis 1929). Dennoch blieben auch in den folgenden Jahrzehnten die Verfassungsartikel bestehen, die Priestern das Wahlrecht absprachen sowie ein Verbot für Pfarrer enthielten, außerhalb der Kirchen Priesterkleidung zu tragen oder sich in irgendeiner Weise politisch zu Wort zu melden. Erst das Religionsgesetz von 1992 brachte zum Beispiel das Wahlrecht für Geistliche und die Anerkennung der Kirche als juristische Körperschaft.

    Der Machtwechsel im Jahr 2000 führte zu neuen Spannungen zwischen der Kirche und Verfechtern eines strikten Laizismus in Mexiko. Diese finden sich in den Reihen der PRI („Partei der Institutionalisierten Revolution“) – 70 Jahre lang Regierungspartei in Mexiko – und der linksgerichteten „Partei der Demokratischen Revolution“ (PRD). Die Regierungsübernahme durch die konservativ-katholische PAN („Partei der Nationalen Aktion“) unter Präsident Vicente Fox im Dezember 2000 weckte Befürchtungen bei Vertretern des Laizismus, es könne zu einer Aufweichung der Trennung von Staat und Kirche in Mexiko kommen.

    Der Präsident hält an Trennung von Kirche und Staat fest

    Der Besuch von Präsident Fox am Morgen des 1. Dezember 2000, dem Tag seiner Amtseinführung, in der Wallfahrtskirche von Guadalupe schien diese Sorge zu bestätigen. Vor allem von Vertretern der PRI wurde er als Verstoß gegen die für das mexikanische Staatsoberhaupt gebotene Neutralität in weltanschaulichen Fragen interpretiert. Aber noch am selben Tag machte Fox in seiner ersten Regierungserklärung vor dem Kongress sehr deutlich, dass auch er als Präsident an dem Grundsatz der Staat-Kirche-Trennung festhalten werde. Das brachte ihm damals spontanen Applaus sogar aus den Reihen der PRI ein. Auch Vicente Fox' Nachfolger, Präsident Felipe Calderón, der seit 2006 im Amt ist, behält diesen Kurs bei.

    Welche Stellung die jetzige mexikanische Regierung in der aktuellen Debatte beziehen wird, ist noch nicht eindeutig auszumachen. In der Abtreibungsfrage hat Präsident Calderon bisher die kirchliche Haltung unterstützt und den Vorrang der nationalen Gesetzgebung gegenüber lokalen Sonderregelungen betont. Ob die von der Bischofskonferenz angekündigten „intensiven“ Gespräche zu gesetzlichen Veränderungen – etwa beim Religionsunterricht oder für den Mediensektor – führen werden, bleibt eine offene Frage.

    Von Anja Kordik