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    Methode Mord

    In keinem Land der Welt werden so viele Menschen getötet wie in Mexiko. Von Michael Leh

    Migranten aus Mittelamerika
    Immer wieder sterben Menschen an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Foto: dpa

    „In Mexiko sind nach Schätzungen allein in den letzten dreizehn Jahren 40 000 Menschen verschwunden“: Das hat der Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Mexiko-Stadt, Dawid Bartelt, auf einer Tagung von Böll-Stiftung und „Reporter ohne Grenzen“ in Berlin erklärt. Für die weit über hunderttausend Angehörigen der Opfer sei dies besonders grausam: „Sie können nicht abschließen mit einem Verbrechen, das eben keinen Ort, keinen Körper und schon gar keine Gerechtigkeit hat.“

    Mexiko hat 128 Millionen Einwohner auf einem Gebiet fünfmal größer als Deutschland. Es gebe kein Land auf dieser Welt, das ohne Bürgerkrieg oder erklärten Krieg eine so hohe Zahl von Morden – auch an Frauen – aufweise wie Mexiko, sagte Bartelt. 2017 wurden über 30 000 Menschen ermordet, jeden Monat weit über 2 000. Die Gewalt sei „unglaublich hoch“. Dies sei in Deutschland schwer begreiflich zu machen, ja selbst in Mexiko-Stadt, sagte er. Die Lage sei dabei mit dem Wort „Menschenrechtskrise“ noch „völlig unzulänglich“ beschrieben. Er zitierte die Worte des Unterstaatssekretärs für Menschenrechte der neuen Regierung von Präsident Andrés Manuel López Obrador, Alejando Encinas: „In Mexiko wandelt man auf Knochen.“ Bartelt fügte hinzu: „Wenn man in Mexiko an den richtigen Stellen außerhalb der Städte anfängt zu graben, stößt man auf Knochen und Schädel.“

    Susanne Breuer, Misereor-Expertin für Lateinamerika, sprach von einer „desaströsen Bilanz“ der Menschenrechte während der Amtszeit des letzten Präsidenten Enrique Pena Nieto. Der Bericht einer Menschenrechtsorganisation konstatiere ein „komplettes Versagen des Staates“. Während der Amtszeit Nietos von 2012 bis 2018 seien dem Bericht zufolge 161 Menschenrechtsverteidiger und 40 Journalisten ermordet worden. An der Gewalt gegen Menschenrechtsverteidiger und Journalisten seien auch oft staatliche Sicherheitskräfte beteiligt. Zwar gebe es seit 2012 einen „Schutzmechanismus“ für derzeit 790 Personen, darunter 292 Journalisten, doch funktioniere dieser nicht ausreichend.

    Zu den Morden kämen noch viele weitere Methoden dazu, um Menschen zum Schweigen zu bringen. Darunter Entführungen und der Raub von Informationen. „Viele werden auch willkürlich verhaftet. Es gibt keine Ermittlungen, es wird nicht angeklagt, es finden keine Prozesse statt und man kann trotzdem jahrelang im Gefängnis bleiben“, so Breuer. Seit Amtsantritt des neuen Präsidenten López Obrador im Dezember 2018 seien schon neun Menschenrechtsverteidiger und sechs Journalisten ermordet worden.

    Schwester Leticia Gutiérrez berichtete über die schwierige Lage für Migranten in Mexiko. Sie gehört dem Scalabrini-Orden an und gründete eine Mission für Migranten und Flüchtlinge. Sie ist zudem Generalsekretärin der Fachstelle für Flüchtlinge der Mexikanischen Bischofskonferenz. Migranten sind in Mexiko besonders gefährdet. Sie werden ebenfalls Opfer von Gewalt und Entführungen. Die Ordensschwestern unterstützen ein Netzwerk von Herbergen für Migranten. Schwester Leticia wurde bei ihrer Arbeit selbst schon bedroht.

    Der Rechtsanwalt und Vize-Direktor der mexikanischen Menschenrechtsorganisation „Centro ProDH“, Santiago Aguirre, erklärte gegenüber der „Tagespost“, es gebe keine vollständigen staatlichen Kriminalitätsstatistiken. Zwischen 2006 und 2012 habe es eine Statistik über die organisierte Kriminalität gegeben. „Das war zumindest ein Ansatz, aber die Statistik wurde nicht aktualisiert“. Ferner habe das Militär bis 2012 eine eigene Datenbank über Tote bei Auseinandersetzungen mit den Streitkräften geführt.

    Jetzt habe ein Gericht mehr Transparenz gefordert. „Es wird interessant sein, wie die neue Regierung damit umgeht“, sagte Aguirre.

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