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    „Menschen ernährten sich von Gras“

    Herr Rentsch, die ersten Hilfskonvois sind in der von Regierungstruppen belagerten Stadt Madaja eingetroffen. Hunderte Menschen benötigen sofortige medizinische Versorgung.

    Martin Rentsch. Foto: UNHCR

    Herr Rentsch, die ersten Hilfskonvois sind in der von Regierungstruppen belagerten Stadt Madaja eingetroffen. Hunderte Menschen benötigen sofortige medizinische Versorgung. Kann ihnen jetzt geholfen werden?

    Die Menschen in Madaja sind seit Monaten eingeschlossen und viele haben im Oktober das letzte Mal Hilfsgüter erhalten. Die mit dem Konvoi der UN eingetroffene Hilfe wurde dringend benötigt und kommt für viele im letzten Moment. Angesichts dieser dramatischen Situation ist aber viel mehr Unterstützung nötig. UNHCR und andere humanitäre Organisationen fordern deshalb die Konfliktparteien zu uneingeschränktem Zugang in die belagerten Städte auf.

    Sind die Laster mit Hilfsgütern nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Werden weitere folgen können?

    Natürlich sind die Hilfstransporte, die jetzt in Madaja und auch in anderen belagerten Städten eingetroffen sind, eine absolute Notmaßnahme, um zu verhindern, dass weitere Menschen verhungern. Neben Nahrung bringen sie vor allem warme Kleidung, Windeln, Medikamente und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Kurzfristig sind zwei weitere Transporte geplant und mehr müssen folgen, da sich diese Notlage sonst schnell wiederholt. Mittelfristig müssen die Menschen aber aus diesen Orten evakuiert werden.

    Wie dramatisch stellt sich die Situation für die Bevölkerung der Stadt dar?

    Unsere Mitarbeiter waren bei ihrer Ankunft entsetzt. Sie berichteten, dass die Menschen in Madaja extrem ausgehungert seien. Während die Lastwagen entladen wurden, fragten Kinder und Erwachsene bereits nach etwas Essbarem. Viele haben lange Zeit kein Brot, Reis oder Gemüse gegessen, da die Märkte leer sind und Nahrung nur zu horrenden Preisen zu bekommen ist. In ihrer Not versuchten sich die Menschen von Gras und Kräutern zu ernähren, denn einen Weg aus der Stadt heraus gibt es nicht.

    Wie realistisch sind alternative Versorgungsmethoden, wie etwa Hilfslieferungen per Flugzeug, in Syrien?

    Das können wir als humanitäre Organisationen schwer einschätzen. Die Verhandlungen mit den Konfliktparteien gestalten sich grundsätzlich schwierig. In dieser akuten Notlage ist die physische Präsenz von Hilfsorganisation vor Ort aber auch wichtig, um ein akkurates Lagebild zu erstellen. So werden Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation und des Syrischen Roten Halbmondes in den nächsten Tagen versuchen, das Ausmaß der Unterernährung in Madaja zu ermitteln.

    Ist angesichts der Entwicklungen in Syrien zu befürchten, dass es in Zukunft vermehrt zur politischen Strategie wird, Zivilisten auszuhungern?

    Leider ist Madaja schon jetzt kein Einzelfall. Neben den 42 000 dort eingeschlossenen Menschen sitzen beispielsweise in den Orten Kefraya und Foah weitere Menschen fest. Auch dorthin sind Hilfstransporte unterwegs. Die UN gehen von insgesamt 400 000 Menschen aus, die sich innerhalb Syriens an schwer zugänglichen oder in belagerten Orten befinden. Zehnmal mehr Menschen sind in Syrien auf humanitäre Hilfe angewiesen.

    Ist die humanitäre Katastrophe in Madaja ein Beispiel für das Versagen der internationalen Politik?

    Der Syrien-Konflikt jährt sich bald zum sechsten Mal und ist schon vor Madaja eine der größten humanitären Katastrophen unserer Zeit gewesen. Die jetzige Situation ist aber ein weiterer trauriger Beleg dafür, dass letztlich die Zivilbevölkerung den Preis dieser Konflikte zahlt. Mehr als vier Millionen Syrer sind aus ihrer Heimat geflohen, Millionen weitere sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Die internationale Gemeinschaft muss nun endlich zu den dringend benötigten Lösungen kommen und die Spirale der Gewalt beenden.