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    „Mehr Schutz für kinderreiche Familien“

    Frau Holgado, als Mutter von vier Kindern leiten Sie den Spanischen Verband kinderreicher Familien. Was bewegt Ihren Verband zu Beginn des neuen Jahrzehnts? In Spanien werden Paare, die sich Kinder wünschen, nicht unterstützt.

    Eva Holgado Pascual. Foto: Archiv

    Frau Holgado, als Mutter von vier Kindern leiten Sie den Spanischen Verband kinderreicher Familien. Was bewegt Ihren Verband zu Beginn des neuen Jahrzehnts?

    In Spanien werden Paare, die sich Kinder wünschen, nicht unterstützt. Das widerspricht gewissermaßen der Kultur unseres Landes, in der Kinder immer als eine wertvolle Anlage für die Gesellschaft galten. Doch heute fehlt den Leuten der Anreiz, Kinder aufzuziehen. Noch vor vierzig Jahren war es gesellschaftlich akzeptabel für Frauen, sich ganz der Familie zu widmen. Heute steht sie unter dem Druck, außer Haus zu arbeiten – und soll in Kauf nehmen, dass ihre Arbeit schlechter bezahlt wird als die der Männer in vergleichbaren Positionen. Der Staat kann nicht mehr verhehlen, dass wir hier ein Problem haben. Statistisch gesehen kann sich die spanische Bevölkerung nicht erneuern: Die Geburtenrate liegt derzeit bei 1,4 Kindern pro Frau. Das reicht natürlich nicht aus, um die Bevölkerung stabil zu erhalten. Umso wichtiger sind Familien mit drei und mehr Kindern. Unser Verband fordert deswegen mehr Schutz und Unterstützung für kinderreiche Familien, weil wir zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes entscheidend beitragen.

    Wie beurteilen Sie die staatlichen Maßnahmen zur Unterstützung von Familien?

    Es geht unserem Verband nicht allein um finanzielle Hilfen, wir wollen mehr: strukturelle Unterstützung. Die typische Form der Unterstützung in Spanien sind soziale Maßnahmen, aber keine familienbezogenen Maßnahmen. Soziale Maßnahmen haben oft nur einen flankierenden oder überbrückenden Charakter, wie man am Kindergeld sieht. Anrecht auf Kindergeld haben in Spanien nur Familien mit einem Jahreseinkommen von weniger als sechzehntausend Euro brutto. Sie bekommen vom Staat monatlich 23 Euro für jedes Kind bis zum achtzehnten Lebensjahr. Das ist lächerlich. Hier geht es nicht um Familien- oder Kinderförderung, sondern um Überlebenshilfe, denn eine fünfköpfige Familie kann nicht von weniger als sechzehntausend Euro im Jahr leben, ohne vollkommen ins gesellschaftliche Abseits zu geraten. Die Voraussetzungen, Kindergeld zu erhalten, treffen auf nicht einmal vier Prozent der kinderreichen spanischen Familien zu, die anderen haben glücklicherweise ein höheres Einkommen. Die Grenze für die Bezugsberechtigung von Kindergeld auf sechzehntausend Euro festzulegen, geht dennoch an der finanziellen Situation der Familien vorbei. Eine spanische Familie müsste elf Kinder aufziehen, um vom Staat die finanzielle Unterstützung zu erhalten, die deutsche Eltern für ein einziges Kind bekommen.

    Wie sollte der Staat ansetzen?

    Der erste Schritt wäre das Pro-Kopf-Prinzip bei finanziellen Hilfen. Bei Stipendienprogrammen und öffentlichen Fördergeldern für die Schulausbildung etwa sind kinderreiche Familien benachteiligt, denn der Höchstsatz bezieht sich auf fünfköpfige Familien. Gerechter wäre es, wenn die Fördersätze proportional mit der Zahl der Kinder stiegen. Es würde den Staat auch nicht übermäßig belasten, denn Familien mit drei Kindern bilden etwa neunzig Prozent der kinderreichen Familien in Spanien. Doch auch für Familien mit vier und mehr Kindern muss es mehr Gerechtigkeit geben.

    Welche Institutionen unterstützen Ihren Verband?

    Wir sind konfessionell und politisch neutral. Aber naturgemäß unterstützt die Kirche Familien mit Kindern. Gerade in der aktuellen Krise in Spanien ist nicht zu übersehen, dass kirchliche Einrichtungen die größte Stütze der Familien sind – sei es über die Caritas oder andere kirchliche Organisationen. Die Kirche hat für unsere Bedürfnisse immer ein weitaus offeneres Ohr als andere, die Kontakte sind fantastisch. Viele katholische Familien arbeiten bei uns mit. Auch evangelikale Familien aus Lateinamerika und muslimische Einwanderer gehören zu uns.