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    „Mangel an Menschlichkeit“

    Papst Franziskus bekommt vom Europaparlament und von deutschen Bundestagsabgeordneten Unterstützung für seine deutlichen Worte zum Völkermord an den Armeniern. Während die Türkei eine Brüsseler Resolution „zum europäischen Gedenken an den hundertsten Jahrestag des Völkermords an den Armeniern“ als „diplomatisches Missgeschick“ zurückwies, sorgen Hacker-Angriffe auf die Internetseiten des Vatikan für Meldungen. Via Twitter nannte sich ein „Turk Hack Team Herakles“ verantwortlich für die Ausfälle. Man werde Angriffe auf die Server so lange fortsetzen, bis sich der Papst für seine Aussage über einen Völkermord an den Armeniern entschuldige, hieß es. Der Vatikan räumte erneute technische Schwierigkeiten mit seinen Servern ein. Zu den Ursachen wollte sich das vatikanische Presseamt jedoch auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Donnerstag nicht äußern. Es habe es sich nur um eine kleine Störung gehandelt, sagte ein Sprecher. Das Portal www.vatican.va war am Mittwochnachmittag zeitweise wieder nicht erreichbar gewesen. Bereits am Montag waren die vatikanischen Internetseiten blockiert.

    Kritik am Papst: Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Foto: dpa

    Papst Franziskus bekommt vom Europaparlament und von deutschen Bundestagsabgeordneten Unterstützung für seine deutlichen Worte zum Völkermord an den Armeniern. Während die Türkei eine Brüsseler Resolution „zum europäischen Gedenken an den hundertsten Jahrestag des Völkermords an den Armeniern“ als „diplomatisches Missgeschick“ zurückwies, sorgen Hacker-Angriffe auf die Internetseiten des Vatikan für Meldungen. Via Twitter nannte sich ein „Turk Hack Team Herakles“ verantwortlich für die Ausfälle. Man werde Angriffe auf die Server so lange fortsetzen, bis sich der Papst für seine Aussage über einen Völkermord an den Armeniern entschuldige, hieß es. Der Vatikan räumte erneute technische Schwierigkeiten mit seinen Servern ein. Zu den Ursachen wollte sich das vatikanische Presseamt jedoch auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Donnerstag nicht äußern. Es habe es sich nur um eine kleine Störung gehandelt, sagte ein Sprecher. Das Portal www.vatican.va war am Mittwochnachmittag zeitweise wieder nicht erreichbar gewesen. Bereits am Montag waren die vatikanischen Internetseiten blockiert.

    Unterdessen hat sich die Sprecherin für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe der Unions-Bundestagsfraktion, Erika Steinbach (CDU), dafür ausgesprochen, die Ermordung und Vertreibung der Armenier als Völkermord zu bezeichnen. Es sei an der Zeit, dass „auch die türkische Regierung endlich mit der Aufarbeitung dieses Verbrechens beginnt“, sagte Steinbach am Donnerstag in Berlin. Auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen (CDU), fordert dies. Der Verfolgung zwischen 1915 und 1918 im Osmanischen Reich fielen nach Schätzungen bis zu 1,5 Millionen Armenier zum Opfer.

    Am 24. April steht anlässlich des 100. Jahrestages des Genozids eine Bundestagsdebatte auf der Tagesordnung. Papst Franziskus hatte die Ermordung als „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet und damit scharfen Protest der türkischen Regierung und Öffentlichkeit hervorgerufen. Deutschland spricht offiziell nicht von einem Völkermord. Die Bundesregierung verurteile das „Massaker und die Vertreibung“ an den Armeniern und setze sich sehr für eine Versöhnung ein, so die stellvertretende Regierungssprecherin Christiane Wirtz zu Beginn der Woche. Die Aufarbeitung der Geschichte könne jedoch nicht aufgezwungen werden und obliege Fachleuten, Historikern und den betroffenen Staaten. Steinbach forderte, der Bundestag solle den Gedenktag nutzen, die beinahe vollständige Vernichtung der Christen klar als Völkermord zu bezeichnen. So seien damals neben dem armenischen Volk auch die christlichen Aramäer, Chaldäer, Assyrer und Pontos-Griechen Opfer der systematischen Vertreibungen und Ermordungen durch die Jung-Türken geworden. „Es wäre eine falsch verstandene außenpolitische Rücksichtnahme, wenn Deutschland heute mit Blick auf den NATO-Partner Türkei den Begriff des Genozids vermeiden würde“, so Steinbach. Röttgen sagte dem Berliner „Tagesspiegel“, „was seit langem Erkenntnis und Wissensstand ist, muss auch so benannt werden“. Es habe vor einhundert Jahren einen Völkermord an den Armeniern gegeben. Der Bundestag habe eine Verantwortung den Opfern gegenüber und eine „Verpflichtung zur Wahrheit“. Das Verhalten der Bundesregierung in dieser Frage nannte Röttgen „taktisch“ und kritisierte, ein solcher Umgang mit der Wahrheit sei „weder tragfähig noch verantwortbar“. Der Bundestag sollte sich daher das Verhalten der Bundesregierung nicht zu Eigen machen.

    Als „Sieg der Wahrheit über die Diplomatie“ bezeichnet der Historiker Michael Hesemann die Äußerung des Papstes zum Genozid an den Armeniern. Hesemann hat jüngst ein Buch über den „Völkermord an den Armeniern“ veröffentlicht. Den Vorwurf der Türkei, der Papst habe sich „rassistisch“ und „islamophob“ geäußert, wies Hesemann zurück. „Rassismus ist es, eine ethnische und religiöse Minderheit zu vernichten und nicht, ein solches Verbrechen beim Namen zu nennen“, hob der Historiker hervor: „Der Islam wurde dazu von den nationalistischen Machthabern lediglich instrumentalisiert. Ihr Ideal war der homogene Nationalstaat, nicht der Islamismus.“ Heftig kritisierte Hesemann die „demonstrative Abwesenheit“ der deutschen Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Annette Schavan, bei der Gedenkfeier im Petersdom, an der das diplomatische Corps „fast vollständig“ teilnahm: „Das war definitiv das falsche Signal. Als Verbündeter des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg muss sich Deutschland seiner Mitverantwortung für die Ereignisse von 1915/6 stellen, statt noch immer bewusst wegzuschauen.“

    Auch der Berliner Weihbischof Matthias Heinrich erinnerte in einem Gastbeitrag für die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ an die Mitverantwortung des Deutschen Reiches. Als Verbündeter der Türken habe es zu dem Völkermord geschwiegen, „obwohl man Kenntnis davon hatte“. Nur wenige hätten sich für die Verfolgten eingesetzt wie der evangelische Theologe Johannes Lepsius und der katholische Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger, betonte Heinrich. Bei dem Gedenken gehe es „um die Erinnerung an falsches Schweigen und falsches Wegschauen“.

    Bereits am Mittwochabend hatte das Europaparlament in Brüssel von der Türkei die Anerkennung des Völkermords gefordert. „Mangel an Menschlichkeit“, „Leugnung der europäischen Geschichte“ und „endlich Verantwortung übernehmen“ – mit solch deutlichen Worten machten Europaparlamentarier in einer rund dreistündigen Debatte Druck auf die türkische Regierung. Die Geschehnisse der Vergangenheit müssten anerkannt werden und die Türkei den Völkermord an den Armeniern aufarbeiten, hieß es. Am Abend wurde im Plenum mit breiter Mehrheit die Resolution „zum europäischen Gedenken an den hundertsten Jahrestag des Völkermords an den Armeniern“ angenommen. Mit großer Mehrheit standen die Abgeordneten hinter der Resolution, die Anerkennung des Genozids stellte niemand direkt infrage. Deutlich wurde vor allem die Kritik am Verhalten der türkischen Regierung und an den Regierungen, die bislang nicht offiziell von einem Genozid sprechen. Gleichwohl gaben die Abgeordneten zu erkennen, wie wichtig gute Beziehungen zur Türkei sind. In der Resolution mahnen die Parlamentarier die Türkei, sich die internationalen Beschlüsse und Verträge, insbesondere zur Achtung der Menschenrechte, aber auch die eingegangene Verpflichtung zu einer objektiven Aufarbeitung der Geschichte bewusst zu machen. Die Brüsseler Vertretung der türkischen „Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung“ (AKP), der auch Regierungschef Recep Tayyip Erdogan angehört, bezeichnete die EU-Parlamentsdebatte zum Genozid an den Armeniern als „diplomatisches Missgeschick“. Das EU-Parlament dürfe nicht die Aufgabe eines Historikers oder Anwalts übernehmen und ein solches Ereignis bewerten, teilte die AKP mit.

    Die Gemeinde der rund 100 000 Armenier in der Türkei möchte am hundertsten Jahrestag der Massaker den Begriff „Völkermord“ vermeiden. Das Armenische Patriarchat plane für den Jahrestag am 24. April einen Gottesdienst mit dem amtierenden Patriarchen Aram Atesyan, meldete die Zeitung „Hürriyet“. Dabei solle die Betonung auf dem „gemeinsamen Schmerz“ über die Ereignisse im Jahr 1915 liegen und das Wort „Völkermord“ nicht verwendet werden, hieß es. Laut dem Bericht werden die armenischen Kirchen in der Türkei auch nicht an dem Trauergeläut teilnehmen, das in armenischen Gotteshäusern weltweit aus Anlass des Jahrestages geplant ist.

    Der koptisch-orthodoxe Patriarch Papst Tawadros II. reist am 20. April nach Jerewan, um dort an den Initiativen zum Gedenken des Genozids teilzunehmen. Wie das koptische Patriarchat mitteilt, nimmt damit erstmals ein koptischer Patriarch an offiziellen Gedenkfeiern des armenischen Genozids teil. Kirchlicher Höhepunkt wird die Heiligsprechung der Opfer des armenischen Genozids sein, die am 23. April in der Kathedrale des armenischen Patriarchats in Etschmiadsin stattfinden wird. An diesem Tag werden um 19.15 Uhr die armenischen Kirchen in aller Welt hundert Glockenschläge läuten, um auch auf diese Weise an den Jahrestag des Genozids von 1915 zu erinnern. DT/KNA/dpa/fides