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    Mandela Day

    Er war Anwalt, Freiheitskämpfer, politischer Gefangener und der erste schwarze Präsident Südafrikas. Mit ihm überwand das Land am Kap sein rassistisches Apartheidsystem, das es an den Rand des Bürgerkriegs und des Bankrotts getrieben hatte. Mit ihm war sogar eine Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß möglich. Sein Schritt in die Freiheit bedeutete das Ende des Rassismus und den Beginn eines großen Experiments nationaler Versöhnung. Als Nelson Rolihlahla Mandela am 11. Februar 1990 nach 27 Jahren Gefangenschaft das Victor-Verster-Gefängnis bei Kapstadt verließ, war das Ende der südafrikanischen Apartheid besiegelt.

    Die Montage zeigt eine Auswahl der aufwendig gestalteten Genesungswünsche, die Verehrer Mandelas vor den Toren des Heart... Foto: dpa

    Er war Anwalt, Freiheitskämpfer, politischer Gefangener und der erste schwarze Präsident Südafrikas. Mit ihm überwand das Land am Kap sein rassistisches Apartheidsystem, das es an den Rand des Bürgerkriegs und des Bankrotts getrieben hatte. Mit ihm war sogar eine Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß möglich. Sein Schritt in die Freiheit bedeutete das Ende des Rassismus und den Beginn eines großen Experiments nationaler Versöhnung. Als Nelson Rolihlahla Mandela am 11. Februar 1990 nach 27 Jahren Gefangenschaft das Victor-Verster-Gefängnis bei Kapstadt verließ, war das Ende der südafrikanischen Apartheid besiegelt.

    Seit dem 8. Juni liegt Nelson Mandela, der erste demokratisch gewählte Präsident Südafrikas, im Pretoria Heart Hospital. Anders als bei früheren Krankenhaus-Aufenthalten bereiten sowohl seine Familie als auch das Präsidialamt die Öffentlichkeit auf einen möglichen Tod des Nationalhelden vor. Sein Zustand wurde bereits mehrmals als sehr kritisch bezeichnet.

    Kaum ein anderer Politiker dieses Jahrhunderts symbolisiert dermaßen die Friedenshoffnungen der Menschheit und den Gedanken der Aussöhnung aller Rassen, wie der ehemalige südafrikanische Präsident und spätere Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela. Anstatt sich für die jahrzehntelange Unterdrückung und 27-jährige Haftstrafe zu rächen, setzte Mandela auf Verständigung statt auf Gewalt. Ihm gelang es, den politischen Druck auf die Buren-Regierung zu erhöhen und den Traum von einem freien, demokratischen Südafrika ohne Rassentrennung der Wirklichkeit einen großen Schritt näherzubringen. Nach den ersten demokratischen Wahlen 1994 wurde der frühere Anti-Apartheid-Kämpfer zu Südafrikas erstem schwarzen Staatspräsidenten und setzte seinen Versöhnungskurs fort. Obwohl als Häuptlingssohn gegenüber der schwarzen Bevölkerung privilegiert, war der hochgebildete und sprachenkundige Rechtsanwalt doch nicht von vornherein zum Freiheitskämpfer und international geachteten Politiker prädestiniert. Erst die fast drei Jahrzehnte währende Gefängnishaft hat ihn zum Mythos der schwarzen Befreiungsbewegung werden lassen. Es war ein langer Weg zur Freiheit (wie der Titel der Biografie Mandelas lautet), zur Freiheit Mandelas und zur Freiheit Südafrikas.

    In Qunu in der Provinz Ostkap, in der vor allem Angehörige des Xhosa-Volks wohnen, wurde Nelson Mandela am 18. Juli 1918 als Rolihlahla Mandela geboren. „Rolihlahla“ bedeutet soviel wie „Unruhestifter“, den englischen Namen „Nelson“ erhielt er erst in der Schule. Seine Familie gehört einem Teil der Monarchie der Thembu an, der für die Beratung des Königs zuständig war. Als junger Mann floh Mandela vor einer arrangierten Ehe nach Johannesburg. 1944 trat er der Befreiungsbewegung Afrikanischer Nationalkongress (ANC) bei. 1952 gründete er mit Oliver Tambo das erste Anwaltsbüro von Schwarzen im Land. Im ANC wurde der Boxer Mandela schnell zu einem der zentralen Organisatoren der Widerstandskampagnen gegen die Rassentrennung und die Ausbeutung schwarzer Südafrikaner.

    Als der ANC 1961 verboten wurde, ging Mandela in den Untergrund und gründete den militanten ANC-Flügel „Umkhonto we Sizwe“ („Speer der Nation“). 1962 wurde er – nicht zum ersten Mal – verhaftet und 1964 im Rivonia-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Liliesleaf Farm in Rivonia bei Johannesburg diente während der Apartheid als geheimes Hauptquartier des verbotenen ANC. Hier trafen sich seit 1961 die Führer des bewaffneten Flügels der Organisation „Umkhonto we Sizwe“, darunter auch Nelson Mandela, der hier unter dem Namen David Motsamayi zwei Jahre als vermeintlicher Gärtner lebte. Am 11. Juli 1963 wurde bei einer Razzia nahezu die gesamte Führungsebene des „Umkhonto we Sizwe“ verhaftet. Der Name „Rivonia“ wurde an diesem Tag zum weltweiten Synonym für die Unterdrückung des schwarzen Widerstands in Südafrika. Die Gebäude der Liliesleaf Farm stehen noch heute.

    Achtzehn Jahre seiner Gefangenschaft verbrachte Mandela auf der berüchtigten Insel Robben Island vor Kapstadt. Einblicke in diese Zeit vermittelt sein autobiografisches Buch „Conversations with myself“, auf Deutsch: „Bekenntnisse“. Grundlage sind Briefe aus dem 80 Jahre umfassenden Privatarchiv Mandelas, Tagebuchaufzeichnungen und Gespräche mit politischen Freunden.

    Obwohl keine Fotos von ihm existieren und er im Land nicht zitiert werden durfte, wird Mandela schnell zum berühmtesten Gefangenen der Welt. Ende der 1980er Jahre wuchs der Druck im In- und Ausland auf das Regime. Mandela und die weiße Führung nahmen heimlich Gespräche auf. 1988 führte die schottische Rockband „Simple Minds“ – eine der bekanntesten Musikbands der 80er und 90er Jahre, auf dem Nelson Mandela 70th Birthday Tribute Concert – ihren eigens für die Freilassung Mandelas komponierten Song „Mandela Day“ erstmals öffentlich auf.

    1990 ließ Präsident Frederik Willem de Klerk Mandela tatsächlich frei. Es folgen zähe und von Gewalt überschattete Verhandlungen für ein gemeinsames Südafrika, für deren Erfolg Mandela und de Klerk 1993 den Friedensnobelpreis erhielten. Nach den ersten Wahlen 1994 wurde Mandela im Alter von 76 Jahren am 10. Mai 1994 Präsident. „Niemals wieder soll in diesem Land eine Gruppe die andere unterdrücken. Lasst die Freiheit regieren!“ Mit diesem Appell tritt er sein Amt als erster schwarzer Präsident Südafrikas an. Er schuf den Begriff der „Regenbogennation“, der symbolhaft für die zahlreichen verschiedenen Kulturen, Gebräuche, Sprachen und die unterschiedliche historische Entwicklung der Südafrikaner steht.

    Im Juni 1999 gab er das Präsidentenamt an seinen Nachfolger Thabo Mbeki ab. Fortan verschrieb Mandela sich dem Kampf gegen Aids. Er gründete unter anderem eine Stiftung, die kostenlos Medikamente an HIV-Infizierte verteilt. Immer wieder setzte Mandela mit seiner hohen moralischen Integrität auf Symbole – etwa, als er bei der Witwe eines der Apartheid-Architekten zum Tee erschien. Oder der siegreichen Rugby-Mannschaft des Landes – einem ausgesprochen „weißen“ Sport – im Nationaltrikot den Pokal überreichte. Mit einer der modernsten Verfassungen der Welt ebnete Mandela seiner Heimat den Weg in eine demokratische Zukunft. Seine Charakterstärke und seine Klugheit machten ihn zu einer Art moralischem Kompass des Landes wie auch des Kontinents. Weise, würdig und wegweisend warb er mit seiner Vorliebe für bunte Hemden als moralische Instanz um Ausgleich und Versöhnung, schrieb Memoiren („Der lange Weg zur Freiheit“), vermittelte bei Friedensgesprächen, sammelte Spenden und arbeitete üppig gefüllte Terminkalender ab.

    Zum Millenniumswechsel zog sich Mandela aus der aktiven Politik ins Privatleben zurück, dennoch war er nach wie vor öffentlich präsent. Von seinen Landsleuten respektvoll als „Madiba“ („Vater“) verehrt, hatte ihm seine politische Klugheit nicht nur den Weg ins höchste Staatsamt, sondern auch in die Herzen der Südafrikaner geführt. Diplomatisch gab sich der rastlose Pensionär dabei nicht immer: Vor dem Irakkrieg nannte Mandela den US-Präsidenten George W. Bush einen Staatschef, „der nicht richtig denken kann und die Welt in einen Holocaust stürzen will“. Im Alter von 80 Jahren heiratete Mandela zum dritten Mal: Graça, die Witwe des mosambikanischen Präsidenten Samora Machel, der 1986 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Die Ehe mit der umstrittenen Winnie Mandela war zuvor nach 38 Jahren in die Brüche gegangen: Winnie war wegen Beteiligung an der Entführung und Folterung schwarzer Jugendlicher verurteilt worden.

    Die Fußball-WM 2010 nach Südafrika zu holen, war Mandelas letzter großer Triumph. Als Nelson Mandela beim Endspiel in die strahlend illuminierte Arena des Soccer-City-Stadions gefahren wurde, verstummten Vuvuzelas und Schlachtgesänge. Mehr als 80 000 Fans erhoben sich ebenso wie die königlichen Häupter und Staatspräsidenten auf den Tribünen zu Ehren des Friedensnobelpreisträgers und jubelten ihm zu. Für viele war es der symbolträchtige Höhepunkt der WM in Südafrika, als der gebrechliche Vater der Nation, der große Versöhner und Freiheitskämpfer, für wenige Minuten dem größten Fest in der Geschichte Afrikas seinen Tribut zollte. Man sah es dem großen alten Mann an, dass ihm an diesem kühlen Abend der Besuch nicht leicht fiel. Eingemummt in schwarzem Mantel, geschützt von einer Pelzmütze, grüßte er winkend und mit seinem berühmten breiten Lächeln. Seine neben ihm auf dem Golfwagen sitzende Frau Graça Machel enthüllte aber vor den Kameras aus aller Welt den schwer kranken Zustand Mandelas, als sie ihm mehrfach mit Gesten bedeutete, wie er zu winken habe.

    Mandela hatte gehofft, dass Südafrika in neuem Glanz erstrahlen werde. Heute sind die Grundfeste des Landes zwar stabil, aber die Fassade beginnt zu bröckeln. Das Land, das sich seit dem Amtsantritt Nelson Mandelas 1994 selbstbewusst „Regenbogen-Nation“ nennt, war stolz darauf, dass nach dem Ende der Apartheid Menschen aller Hautfarben hier friedlich miteinander leben konnten. Eine Wahrheits- und Versöhnungskommission tagte jahrelang und amnestierte reuige Apartheid-Täter. Doch die Versöhnung ist brüchig geblieben, der Regenbogen hat Risse bekommen. Auf die versprochene Umverteilung des Wohlstandes muss die schwarze Bevölkerungsmehrheit weiter warten.

    Seit 1994 regiert der ANC Südafrika ununterbrochen. Doch die Stimmabgabe bei Wahlen erfolgt weiterhin vorwiegend entlang ethnischer Grenzen: Schwarze votieren mehrheitlich für den ANC. Weiße hingegen wählen überwiegend andere Parteien unter weißer Führung.

    Papst Johannes Paul II. hatte 1995 bei seinem ersten Besuch am Kap den Wandel in Südafrika als beispielhaft gewürdigt und Präsident Nelson Mandela viel Erfolg für die weitere nationale Versöhnung gewünscht. Mandela sei während seiner 27-jährigen Haft der „stille Zeuge des Wunsches nach einer wirklichen Befreiung“ der Bevölkerung gewesen, sagte der Papst, der Südafrika wegen der Apartheid auf seinen vorangegangenen zehn Afrika-Reisen gemieden hatte. Auch US-Präsident Barack Obama würdigte während seiner Afrika-Reise im Juni dieses Jahres in der südafrikanischen Hauptstadt die historischen Verdienste des schwer kranken südafrikanischen Nationalhelden. Mandelas Kampf gegen die Rassentrennung in Südafrika sei ein Vorbild und ein „Leuchtfeuer“ für die ganze Welt gewesen, sagte Obama nach einem Gespräch mit dem südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma in Pretoria. Obama konnte Mandela nicht im Krankenhaus besuchen und traf stattdessen Mitglieder der Mandela-Familie.

    Mit der Machtübernahme des ANC ist zwar die Apartheid überwunden, doch die sozialen und ökonomischen Probleme belasten das Land sehr. Hohe Arbeitslosigkeit und massive Armut bestimmen die wirtschaftliche Realität – vor allem der schwarzen Bevölkerungsteile. Hinzu kommt eine hohe Kriminalitätsrate, ein stark reformbedürftiges Schulsystem, die höchsten HIV-Infektionen weltweit und ein Gesundheitssystem, das vor dem Kollaps steht. Und der ANC, dem Mandela sein Leben widmete, zermürbt sich in Grabenkämpfen. Hautfarbe und politische Beziehungen scheinen oft wichtiger als Kompetenz und Fachwissen. Korruption ist weit verbreitet.

    Zuma, nie hundertprozentig vom Vorwurf der Korruption freigesprochen, untergräbt mit seinen Eskapaden die Vorbildfunktion als Präsident des Landes und des ANC, der vor fast hundert Jahren mit edlen Visionen gegründet worden war. In seiner zum Bestseller gewordenen Autobiografie hatte Mandela geschrieben: „Es liegt nun in den Händen der nächsten Generationen, die Welt von Leid und Ungerechtigkeit zu befreien.“