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    „Mama, liebe Grüße aus Syrien“

    Männer haben sich schon immer zu Bünden zusammengeschlossen. In Deutschland wurde dieses Phänomen zuerst erforscht. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Völkerkundler Heinrich Schutz und Leo Frobenius gezeigt, dass es in diesen Männerbünden um zumindest vermeintliche gesellschaftliche Eliten ging. Das gilt für die männlichen Kernbereiche in den Gesellschaften von Sparta, in den Mysterienreligionen des späten Griechenlands wie auch in den Gilden des Mittelalters bis in die Jugendorganisationen der Reformbewegung um 1900 sowie im Nationalsozialismus. Auch die Terrororganisation IS scheint eine Ausprägung der Idee von Männerbünden zu sein, die die etablierte Ordnung übersteigen wollen und Eliten zu sein beanspruchen.

    Anwerber auf einem Video des „Islamischen Staats“ (IS). Foto: dpa

    Männer haben sich schon immer zu Bünden zusammengeschlossen. In Deutschland wurde dieses Phänomen zuerst erforscht. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Völkerkundler Heinrich Schutz und Leo Frobenius gezeigt, dass es in diesen Männerbünden um zumindest vermeintliche gesellschaftliche Eliten ging. Das gilt für die männlichen Kernbereiche in den Gesellschaften von Sparta, in den Mysterienreligionen des späten Griechenlands wie auch in den Gilden des Mittelalters bis in die Jugendorganisationen der Reformbewegung um 1900 sowie im Nationalsozialismus. Auch die Terrororganisation IS scheint eine Ausprägung der Idee von Männerbünden zu sein, die die etablierte Ordnung übersteigen wollen und Eliten zu sein beanspruchen.

    Der religiöse Aspekt des islamischen Staats, den Endkampf gegen die Kreuzzügler herauszufordern, deutet auf die Linie hin, jenseits derer ein neues Reich beginnen und die die bisherige Ordnung überschreiten soll. Auch in der deutschen Geistesgeschichte spielte die Rede über die Linie eine Rolle; da allerdings mit dem Ziel, dass die bisherige Kultur auf eine Zone des Nihilismus überschritten wird, in der der Nihilismus vollendet und damit der Normalzustand wäre. Der Schriftsteller Ernst Jünger hat dies in seiner Abhandlung „Über die Linie“ (1950) untersucht, Martin Heidegger hat darauf in „Zur Seinsfrage“ (1956) geantwortet. Dass nun beide scheinbar entgegengesetzte Formen, die des pseudoreligiös aufgeladenen IS und die literarisch-philosophische Frage ähnlichen Strukturen aufweisen, mag zunächst überraschen. Zumindest trifft auf beides zu, was Jünger schreibt, nämlich dass es nicht mehr um Kultur geht: „Das Ganze steht auf dem Spiel“. Für den Islam würde auf dem Spiel stehen, dass ihm die technisch-apokalyptische Gewaltherrschaft des IS den Boden entziehen möchte. Hier ist ein Typus entstanden, den Jünger bereits als den Waldgänger bezeichnet hat („Der Waldgang“, 1950): „Waldgänger aber nennen wir jenen, der, durch den großen Prozess vereinzelt und heimatlos geworden, sich endlich der Vernichtung ausgeliefert sieht. Das könnte das Schicksal vieler, ja aller sein – es muss also noch eine Bestimmung hinzukommen. Diese liegt darin, dass der Waldgänger Widerstand zu leisten entschlossen ist und den, vielleicht aussichtslosen, Kampf zu führen gedenkt.“ Der Waldgänger besitzt nach Jünger, der natürlich genauso wenig Vordenker des Dschihad ist wie Nietzsche Vordenker des Dritten Reichs, ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit, die sich dem „Automatismus“ der zivilisierten Welt widersetze, ohne dabei die „ethische Konsequenz, den Fatalismus“ zu berücksichtigen. Wie ähnlich in scheinbar aussichtsloser Lage klingt da der Aufruf eines Salafistenpredigers, den Petra Ramsauer zitiert (Die Dschihad Generation. Wie der apokalyptische Kult des islamischen Staats Europa bedroht, Styria Verlag 2015): „Du bist ein Muslim und als Muslim wirst du immer diskriminiert werden und nie Teil der Gesellschaft sein. Schau dir an, was in Syrien passiert und in Palästina. Und auch hier in Deutschland wird der Islam unterdrückt. Es reicht! Seid stolz, wehrt Euch!“ Es geht in beiden Zitaten nicht um die schlecht Weggekommenen, wie es oft heißt, sondern um den Kampf einer sich als neue Elite verstehenden Bewegung gegen ein als falsch erkanntes Gesellschaftsmodell. Wer ein abenteuerliches Herz hat – auch ein Buchtitel von Ernst Jünger, zieht nach dem Wunsch der Dschihadisten in den Krieg. Im Beitrag „Generation Dschihad“ formuliert die FAZ das so: „Es ist weitaus spannender, ein gefährlicher Krieger, ein Mujaheddin, zu sein, als ein rechtschaffener junger Erwachsener, der, wie man das heute eben so macht, aufgeklärt über Klimawandel, Flüchtlingskrise und Konsumterror spricht und sich mit Bio-Brot und Yogakurs auf Ich-bezogene Sinnsuche begibt. Wer hingegen beim IS mitmacht, ist Avantgarde. Und engagiert sich bei einem globalen Projekt, das sich als progressiv versteht. In der Ideologie extremistischer Islamisten braucht es die Rückwärtsgewandtheit, um vorwärts zu gehen. Der IS verlangt zwar die Unterwerfung unter ein strenges Regelwerk. Doch er verbindet dies mit der positiven Botschaft, dass jeder, der mitmacht, persönlich Anteil haben wird an der Schaffung einer neuen Welt.“ Persönliche Wünsche und das Versprechen, rasch Herrschaft ausüben zu können, die sich mit den Grausamkeiten schon gespielter Computerspiele zu vermischen scheint, vermischen sich in den Köpfen der Krieger, die gegen den Rest der Welt antreten. Auch werden Kultfilme wie „Matrix“ oder „Der Herr der Ringe“ als Propagandamaterial zur Erziehung neuer Helden benutzt, wie das „Französische Zentrum für die Prävention gegen Sektenauswüchse im Zusammenhang mit dem Islam“ erklärte.

    Überschreitungsideen hat es nicht nur in der deutschen Literatur und Philosophie gegeben – der französische Philosoph George Bataille (1897–1962) hat immer wieder von Transgression gesprochen und den Übergang von der rationalen Zivilisation in eine rauschhafte Archaik gefordert. Ähnlich auch sein geistiges Umfeld mit Marcel Mauss, Maurice Blanchot, Michel Leiris oder Pierre Klossowski. Und nur weil die Grundstrukturen des IS, abgesehen von der besonderen religiösen Betonung, nicht einmalig sind und sich auch auf dem Grund einiger westlicher Denker befinden, ist es überhaupt möglich, dass immer wieder westliche Bürger SMS-Botschaften nach Hause schicken wie „Mama, ich bin in Syrien“.

    Fraglich ist also, ob es sich überhaupt im Kern um eine religiöse Bewegung handelt, oder ob nicht viel tiefer liegende Strukturen bestimmend sind, die dem Einzelnen zwar nicht bewusst sein mögen, die aber den Islam als naheliegendstes und auf arabischem Boden wohl unverzichtbares Vehikel benutzen, um sich eine „geistige Einheit“ zu geben. „Meine Rasse war meine Religion“, wird bei Ramsauer ein nach Schweden zurückgekehrter IS-Kämpfer zitiert, der ein reines Leben ohne Alkohol führen wollte. Und wie die Psychoanalytikerin Asma Guénifi über jugendliche IS-Anhänger sagt: „Sie tendieren zur Paranoia, sie fühlen sich verfolgt und glauben, dass sie und ihre Gemeinschaft in Gefahr seien und verteidigt werden müssen. Sie schreiten zur Tat, gerade weil sie sich ungeschützt und bedroht fühlen.“ Aufschlussreich ist auch, was Ramsauer über das ausgerufene Kalifatentum der Männergesellschaft IS im Hinblick auf die Frauen schreibt. „Sexueller Terrorismus“ ist nur eine Variation des blutigen Terrorismus: „Die mutmaßlich grenzenlose Verfügbarkeit von Sex zählt zu den zentralen Faktoren, die junge Männer aus aller Welt ins Kalifat locken. Es ist eine Obsession der Miliz, über Frauen wie über Objekte zu verfügen.“ Zu Beginn dieses Jahres habe die IS-Führung eine „Order für Zeitehen“, wonach sich ein Kämpfer auch für wenige Stunden eine „Gattin“ nehmen kann – die Legitimation für Vergewaltigungen. Die Sondergesandte des UNO-Generalsekretärs für sexuelle Gewalt in Konfliktgebieten, Zainab Bangura, erklärte über den Sklavenmarkt: „Wenn die IS-Milizen ein Dorf erobern, werden Frauen und Mädchen sofort von den Männern getrennt. Sie ziehen sie nackt aus, testen ihre Jungfräulichkeit, messen die Größe ihrer Brüste. Die Jüngsten und jene, die am besten aussehen, erzielen auf den Sklavenmärkten die höchsten Preise. Sie werden sofort in die Hauptstadt Raqqa gebracht, wo die höherrangigen Mitglieder der Terrormiliz dann die erste Wahl haben.“ Kopftücher seien verboten aus Angst der Männer, die Frauen könnten sich aufhängen. Auf die Frage eines Wiener Gerichts auf eine aus Syrien zurückgekehrte Wienerin, ob sie nicht gewusst habe, welche Zustände im Kalifat herrschen, sagte sie: „Ich wollte in einem Staat leben, wo ich mich so kleiden kann, wie es meine Religion mir vorschreibt. Wo ich nicht angefeindet werde, wenn ich mich bedecke.“ Die Frauen, die sich freiwillig dem IS aufgrund dessen kultähnlicher Anziehungskraft anschließen, wissen durch das Internet genau, was auf sie zukommt; sie werden bestimmt nicht enttäuscht.

    Die Christenverfolgung, die Versklavung von Frauen und die aggressive militärische Ideologie münden in einen „religiösen Endzeitkult“, wie der amerikanische Journalist Graeme Wood im Internetmagazin „The Atlantic“ schrieb. Es ist der finale Kampf, der Endkampf, mit dem sich das Kollektiv in einer epischen Schlacht behaupten will. „Der Führer ist immer auch Richter. Aus dem Führertum fließt das Richtertum“, hieß es 1934 in „Der Führer schützt das Recht“ von Carl Schmitt. Wie oft die IS-Führer ihre Gegner hinrichten, ist bekannt. Wer sich diesem Kult anschließt, mag dies aus einem „Grundverständnis“ für die „diskriminierten“ Muslime tun, um dann zugleich zur Avantgarde zu gehören. Der IS-Führer Abu Baks al-Baghdadi erklärte am ersten Jahrestag der „Wiederrichtung des Kalifats“: „Es gibt keine Entschuldigung für Muslime, nicht dem Islamischen Staat beizutreten.“ Religion und Staat werden im IS gleichermaßen instrumentalisiert und zur reinen Religion und zum sauberen Staat stilisiert; darum kann der Zuzug der Anhänger auch von säkular bis gläubig reichen. Im Glauben Orientierungsuchende und Ordnungsliebende sollen sich hier gleichermaßen wiederfinden. Oder wie es bei Ernst Jünger heißt: „Der Einzelne steht nicht mehr in der Gesellschaft wie ein Baum im Walde, sondern er gleicht dem Passagier in einem sich schnell bewegenden Fahrzeuge, das Titanic oder das auch Leviathan heißen kann.“

    Zurzeit laufen vor deutschen Gerichten fast 300 Verfahren gegen IS-Kriegsheimkehrer. Man wird in den kommenden Monaten hoffentlich mehr über deren Charakter erfahren, um Nachzügler von ihrem Vorhaben abhalten zu können.