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    Libanon zahlt für Probleme der anderen

    Was bedeutet das Ende der Regierungskoalition unter Hariri für die Stabilität des Libanon? Ich bin kein Politiker, aber die Situation im Libanon hat einen Bezug zu jeder einzelnen Konfession hier, weil diese in der Verfassung verankert sind.

    Paul Karam hält die Lage der Christen für kritisch. Foto: Archiv

    Was bedeutet das Ende der Regierungskoalition unter Hariri für die Stabilität des Libanon?

    Ich bin kein Politiker, aber die Situation im Libanon hat einen Bezug zu jeder einzelnen Konfession hier, weil diese in der Verfassung verankert sind. Hier im Libanon kann man nie sagen, dass diese Seite gewann und jene verlor, weil es immer eines Kompromisses zwischen allen Parteien bedarf, um der Rolle dieses Landes gerecht zu werden. In diesem libanesischen Mosaik gibt es Schiiten, Sunniten, Drusen, Maroniten, Katholiken, Juden. Da muss man Kompromisse finden. Jetzt gilt es, eine neue Regierung zu finden, die die Interessen und Bedürfnisse aller Menschen berücksichtigt. Daran müssen alle Parteien beteiligt werden. Dann müssen wir auch das Hariri-Tribunal und den internationalen Einfluss berücksichtigen, denn dem Libanon ist es nicht gegeben, sich alleine zu regieren. Immer spielen die Interessen der großen eine Rolle im Leben der kleinen Länder. Hier spielt das israelisch-palästinensische Problem wie auch das israelisch-arabische Problem mit.

    Wie würden Sie den Einfluss der Nachbarstaaten auf den Libanon beschreiben?

    Der Einfluss ist bestimmt von den Interessen. Deshalb muss der Libanon die Rechnung für die Probleme anderer bezahlen. Wir hängen als einziges Land ab von den Problemen des Irak, des Iran und der ganzen Region. Das ist sehr ungerecht, denn die anderen arabischen Staaten leben in Frieden und tragen hier ihre Probleme aus. Viele sagen, der Libanon sollte seine Angelegenheiten selbst regeln und es wäre die Aufgabe der internationalen Staatengemeinschaft, zu sichern, dass das libanesische Agreement bestehen bleibt, und nicht, hier neue Spielregeln einzuführen und sich als Retter des libanesischen Volkes aufzuspielen.

    Die Hisbollah ist im Libanon eine Partei, aber folgt sie einer libanesischen Agenda oder bloß den Weisungen des Iran?

    Alle Gemeinschaften, insbesondere die konfessionellen, spiegeln Einflüsse von außen. Die Schiiten sind vom Iran beeinflusst, die Sunniten von Saudi-Arabien, die Christen entweder von der amerikanischen oder von der europäischen Politik. Wir sind sicher keine Heiligen, aber wir sind ein souveränes Land mit einer Würde. Wir wollen souverän und eigenverantwortlich leben, so wie alle anderen Staaten der Region auch. Warum sollen wir dauernd bezahlen für die Probleme der anderen? Für den israelisch-palästinensischen Konflikt etwa: Wir haben viele Palästinenser-Camps hier, und nur hier können sich die Palästinenser frei bewegen. Hisbollah ist beeinflusst vom Iran, wie die Sunniten eben von anderen.

    Bedeutet ein Verlust an Stabilität zugleich mehr Gefahr für die Christen? Könnte der islamische Fundamentalismus wachsen?

    Im Libanon braucht es immer eine Koalition aller. Niemand kann hier alleine regieren, weil der Libanon eine Art Mosaik ist. Niemand kann sagen, er mache seine eigene Strategie und seine Regierung allein. Jeder ist auf die anderen bezogen. Unter vielen Regimes, etwa in Saudi-Arabien, wird ein Fundamentalismus gepflegt. Natürlich gibt es im Libanon die Gefahr, dass der Fundamentalismus wächst, weil viele die Religion nur instrumentalisieren für ihre Zwecke. Manche wollen die Vielfalt, die zugleich Reichtum und Schwäche dieses Landes ist, missbrauchen für ihre eigenen Ziele.

    Was tragen die Christen, die im Libanon knapp 40 Prozent ausmachen, zu Frieden und Stabilität bei?

    Ich persönlich glaube, die Situation der Christen ist sehr kritisch. Wir Christen müssen in der Gesellschaft ein Zeugnis geben. Es ist unsere Berufung, unsere Rolle in der Region sichtbar zu machen. Wenn wir nicht Zeugnis geben von unserer Mission als Christen, dann werden wir vieles verlieren. Wir müssen wie das Salz in der Suppe sein. Das Salz ist nur wenig, aber es verändert den gesamten Geschmack der Speisen.