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    Leitartikel: Zurück zum Ideal Heiligkeit

    Es gibt gleich mehrere Aspekte, die nach der Lektüre des Berichts des John Jay Colleges in New York zum Missbrauch durch katholische Kleriker in den Vereinigten Staaten (siehe Seite 5) aufatmen lassen. Erstens: Die katholische Kirche ist wirklich dabei, diese Krise aufzuarbeiten. Hier geht es um die Vereinigten Staaten. Aber überall, wo der Klerus von den schweren Verfehlungen dieser Art befallen war, wird heute gegengesteuert. Das gilt auch für Deutschland oder Irland. Vom Papst angefangen bis hin zu den Bischöfen, den Priestern und Ordensleuten sowie den Gläubigen ist man für dieses leidvolle Thema extrem sensibilisiert. Im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Gruppen oder besonders anfälligen Berufen beweist die Kirche hier Vorbildcharakter. Und das ist gut so.

    Guido Horst. Foto: DT

    Es gibt gleich mehrere Aspekte, die nach der Lektüre des Berichts des John Jay Colleges in New York zum Missbrauch durch katholische Kleriker in den Vereinigten Staaten (siehe Seite 5) aufatmen lassen. Erstens: Die katholische Kirche ist wirklich dabei, diese Krise aufzuarbeiten. Hier geht es um die Vereinigten Staaten. Aber überall, wo der Klerus von den schweren Verfehlungen dieser Art befallen war, wird heute gegengesteuert. Das gilt auch für Deutschland oder Irland. Vom Papst angefangen bis hin zu den Bischöfen, den Priestern und Ordensleuten sowie den Gläubigen ist man für dieses leidvolle Thema extrem sensibilisiert. Im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Gruppen oder besonders anfälligen Berufen beweist die Kirche hier Vorbildcharakter. Und das ist gut so.

    Zweitens: Der John Jay-Bericht geht so weit, im Zusammenhang mit der Missbrauchs-Welle von einem „historischen Phänomen“ zu sprechen. Die nackten Zahlen belegen, dass der Höhepunkt der Krise in den sechziger und siebziger Jahre lag und sich die Lage seit den achtziger Jahren immer weiter verbessert. Und drittens: Eindeutig unterstreicht der nach wissenschaftlichen Kriterien erstellte Bericht, dass nicht der Zölibat Grund oder Auslöser für die sexuellen Verfehlungen von Geistlichen ist. Genau das Gegenteil ist richtig: Als auch Priester und Ordensleute in den Strudel der „sexuellen Revolution“ der sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hineingerieten und der nicht nur versprochene, sondern auch gelebte Zölibat plötzlich nicht mehr so wichtig war, häuften sich die Missbrauchs-Zahlen in erschreckendem Maße.

    Als Papst Benedikt 2009 ein Priester-Jahr der katholischen Kirche ausrief, das dann ganz im Zeichen der Missbrauchs-Krise stehen sollte, stellte er allen geweihten Männer den Pfarrer von Ars, Jean-Baptiste Marie Vianney, als leuchtendes Vorbild vor Augen. Selbst Priester haben da die Nase gerümpft: Der Pfarrer von Ars, ist das nicht ein Auslaufmodell aus vergangenen Zeiten? Ein Priester darf und muss heute sozial engagiert sein. Er darf und muss an der Seite der Armen und Ausgegrenzten stehen. Er darf und muss für den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung wirken, Einsätze als Streetworker oder in der Dritten Welt sind sehr willkommen. Aber ein Priester, der sich um seine Heiligkeit bemüht? Der den Rosenkranz betet, still vor dem Tabernakel kniet oder dem der Herr in der Eucharistie wirklich das Allerheiligste ist? Man kann noch so viel analysieren, wie es zu der Missbrauchs-Krise kam. Aber endgültig aus ihr heraus und zu einem neuen Aufbruch in den Gemeinden führt nur die Heiligkeit derer, die vor der Welt Jesus Christus repräsentieren. Eine Heiligkeit, um die man kämpft. Was mit viel Gebet und regelmäßiger Beichte verbunden ist. Der Papst und viele Bischöfe haben das im Priester-Jahr immer wieder gesagt und geschrieben. Es sind nur die Vianneys des 21. Jahrhunderts, die das Kapitel Missbrauch endlich schließen, nicht die Psychologen, Kriminologen oder Therapeuten jedweder Art. Die Krise hat die Kirche demütig gemacht. Hoffentlich so demütig, dass sie zurückfindet zum Ideal der Heiligkeit.