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    Leitartikel: Visionäre, nicht Nostalgiker

    Vor mehr als einem halben Jahrhundert erklärte der „Tagesspiegel“ seinen Lesern, warum sich die politische Klasse der Republik Österreich mit Otto von Habsburg so schwer tut: „Ein vorschriftsmäßig leicht degenerierter Kaisersohn ließe sich als Staffage für Bälle und Opernpremieren, zur Hebung des Fremdenverkehrs und zur Propagierung von Kurorten ideal verwenden. Mit diesem vorschriftswidrig klugen, sachlichen Otto von Habsburg aber weiß unsere wohlkatalogisierte Welt, die so gerne in Einheitsmaßen misst, offenbar nichts Rechtes anzufangen.“ Daran hat sich 53 Jahre später manches geändert: Wiens roter Bürgermeister ordnete Trauerbeflaggung an, der rote Bundeskanzler saß beim Requiem im Dom hinter dem roten Bundespräsidenten. Die anti-habsburgischen Reflexe beschränkten sich auf die Orakelbefragung Ahnungsloser, wann dieser „Otto Habsburg“ wohl aufgehört habe, von Krone und Restauration zu träumen, wann er zum großen Visionär Europas, zum Vorkämpfer der Einigung des Erdteils und zum Anwalt der unterdrückten Völker mutierte.

    Stephan Baier. Foto: DT

    Vor mehr als einem halben Jahrhundert erklärte der „Tagesspiegel“ seinen Lesern, warum sich die politische Klasse der Republik Österreich mit Otto von Habsburg so schwer tut: „Ein vorschriftsmäßig leicht degenerierter Kaisersohn ließe sich als Staffage für Bälle und Opernpremieren, zur Hebung des Fremdenverkehrs und zur Propagierung von Kurorten ideal verwenden. Mit diesem vorschriftswidrig klugen, sachlichen Otto von Habsburg aber weiß unsere wohlkatalogisierte Welt, die so gerne in Einheitsmaßen misst, offenbar nichts Rechtes anzufangen.“ Daran hat sich 53 Jahre später manches geändert: Wiens roter Bürgermeister ordnete Trauerbeflaggung an, der rote Bundeskanzler saß beim Requiem im Dom hinter dem roten Bundespräsidenten. Die anti-habsburgischen Reflexe beschränkten sich auf die Orakelbefragung Ahnungsloser, wann dieser „Otto Habsburg“ wohl aufgehört habe, von Krone und Restauration zu träumen, wann er zum großen Visionär Europas, zum Vorkämpfer der Einigung des Erdteils und zum Anwalt der unterdrückten Völker mutierte.

    Die richtige Antwort darauf würde die Republik Österreich heute zu einer Vergangenheitsbewältigung zwingen: Er mutierte gar nicht! Die Vorstellung, der Erbe des seligen Kaiser Karl, Nachfahre von Kaisern des Heiligen Römischen Reichs und Österreich-Ungarns, habe für die Neuerrichtung einer Habsburger-Monarchie zwischen Bodensee und Neusiedler See gelebt, ist – bei allem Respekt – naiv. Als sein heiligmäßiger Vater 1922 verarmt und verleumdet in einer schimmeligen Villa auf Madeira starb, erbte der damals zehnjährige Otto weder Thron noch Reich, weder Macht noch Aussicht auf Herrschaft. Er erbte jedoch eine tief in der Geschichte wurzelnde, nicht delegierbare Verantwortung, die ihm weder die roten noch die braunen Habsburg-Hasser entreißen konnten. Eine Verantwortung, für die er – nachweislich bereits 1938 – zu sterben bereit war, und für die er fast ein Jahrhundert lang lebte.

    Nicht die zerschlagenen und zerbrochenen Formen des alten Reiches wollte er wieder kitten, sondern die wertvollsten und edelsten seiner Inhalte in eine moderne Form retten: Übernationale und vielfältige, tolerante und doch geordnete Gemeinschaften waren das Heilige Römische Reich und später Österreich-Ungarn gewesen. Übernational und vielfältig, tolerant und doch geordnet wünschte Otto von Habsburg die Europäische Union. „Europa muss wachsen wie ein Baum, nicht hingestellt werden wie ein Wolkenkratzer“, sagte er oft. Das vereinte Europa war für ihn keine Neuerfindung oder Konstruktion, sondern eine Wiederentdeckung: Der Vielsprachige und Weitgereiste, dessen Familie Wurzeln in vielen Nationen Europas hat, wusste aus der erlernten, erlebten und erlittenen Geschichte, dass das Gift des Nationalismus das Reich seiner Väter und den ganzen Erdteil zerstört hatte. Die Europäische Union sah er als Rechts- und Schutzraum, als Dach für die freie Entfaltung der Völker und Volksgruppen, als Friedensmacht. Auf diese Vision – die durchaus nicht deckungsgleich ist mit den Ideen der heutigen EU-Granden – wollte Otto von Habsburg seine Bewunderer und Anhänger verpflichten. Nicht die Nostalgiker, die zum Ärger der kaiserlichen Familie vor der Kapuzinergruft für skurrile Kandidaturen werben, sondern die Visionäre Paneuropas sind Ottos wahre Erben.