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    Leitartikel: Syrien: Mythen und Interessen

    Im Kampf um Aleppo, der neuerlich eine gewaltige Fluchtwelle ausgelöst hat, gibt es zwei Lesarten – und beide kreisen um Wladimir Putin. Die Putin-kritische Lesart, die in Berlin und Ankara vorherrscht, geht davon aus, dass Moskau die Syrien-Friedensgespräche bewusst scheitern ließ, um mit seinen massiven Luftangriffen im Norden zunächst weite Teile des Landes für die Regierungstruppen zu sichern, der Türkei – und in Folge Europa – noch einmal hunderttausende Flüchtlinge über die Grenze zu treiben, Merkels Ringen um eine europäische Flüchtlingspolitik scheitern zu lassen und die Amerikaner weltpolitisch zu blamieren. Dagegen lautet die Putin-freundliche Lesart, wie sie etwa der syrische Caritas-Präsident, Bischof Antoine Audo, vertritt: Moskau befreie für Assad die seit drei Jahren von islamistischen Rebellen besetzte Metropole und verjage die fremden Terroristen, damit die geflohenen Bürger nach Aleppo heimkehren können.

    Im Kampf um Aleppo, der neuerlich eine gewaltige Fluchtwelle ausgelöst hat, gibt es zwei Lesarten – und beide kreisen um Wladimir Putin. Die Putin-kritische Lesart, die in Berlin und Ankara vorherrscht, geht davon aus, dass Moskau die Syrien-Friedensgespräche bewusst scheitern ließ, um mit seinen massiven Luftangriffen im Norden zunächst weite Teile des Landes für die Regierungstruppen zu sichern, der Türkei – und in Folge Europa – noch einmal hunderttausende Flüchtlinge über die Grenze zu treiben, Merkels Ringen um eine europäische Flüchtlingspolitik scheitern zu lassen und die Amerikaner weltpolitisch zu blamieren. Dagegen lautet die Putin-freundliche Lesart, wie sie etwa der syrische Caritas-Präsident, Bischof Antoine Audo, vertritt: Moskau befreie für Assad die seit drei Jahren von islamistischen Rebellen besetzte Metropole und verjage die fremden Terroristen, damit die geflohenen Bürger nach Aleppo heimkehren können.

    Um den wahren Kern wie die Grenze beider Lesarten herauszuschälen, muss man sich von Staatsmärchen und Politmythen – wie sie auf und unter allen Niveaus im Internet kursieren – verabschieden: Nein, es gibt unter den politischen Akteuren im Krieg um Syrien weder Helden noch Heilige. Die durch Karl-May-Filme oder aus dem Kalten Krieg vertraute Einteilung der Konfliktparteien in Gute und Böse versandet – aus Mangel an Guten. Moskau ist nicht in den Krieg um Syrien eingestiegen, um Syriens Christen vor islamistischen Mördern zu retten, sondern um seine Militärbasis am Mittelmeer zu sichern, um sich nach dem Krim-Desaster auf die weltpolitische Bühne zurückzubomben, um mit Assad den letzten Gefolgsmann in der arabischen Welt zu retten. Dass durch die humanitäre Katastrophe in Aleppo nun der türkische Nachbar– und in Folge Europa – weiter destabilisiert werden, kommt Putin gerade recht. Auch Moskaus türkischem Rivalen geht es nicht um Leben, Freiheit und Recht der Syrer, sondern um eigene Interessen: Ankara hat das Doppelziel, Assad zu stürzen und einen weiteren Kurdenstaat zu verhindern. Saudi-Arabien, das jüngst mit dem Einsatz eigener Bodentruppen drohte, geht es vor allem darum, Syrien aus der Allianz mit Teheran herauszubrechen und unter die eigene Kontrolle zu nehmen. Dass die einst von Riad finanzierten und von seiner wahhabitischen Staatsideologie inspirierten islamistischen Terrorgruppen längst nicht mehr zu steuern sind, sondern auch zu einer Bedrohung für den saudischen Prinzenstaat werden könnten, erhöht für Saudi-Arabien nur den Handlungsdruck. Und dann wäre da noch der schiitische Iran, der in der säkularen Assad-Diktatur stets einen nützlichen Brückenkopf zum Libanon – und zur dortigen schiitischen Hisbollah – sah.

    Für all diese Akteure gilt, was der große französische Staatsmann Charles de Gaulle so formulierte: „Staaten haben keine Freunde, nur Interessen.“ Nur langsam, nach fünf grausamen Kriegsjahren und auch nur angesichts des nicht endenden Flüchtlingsstroms haben die Staaten Europas sich auf die Suche nach ihren eigenen Interessen gemacht. Im Gegensatz zu den genannten Kriegsgewinnlern, die sich an Chaos und Leid der Syrer zu bereichern hoffen, beginnen die Europäer zu begreifen, dass sie ihren eigenen Frieden und ihre Stabilität nur zurückgewinnen können, wenn in Syrien bald die Waffen schweigen und die Kämpfe enden.