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    Leitartikel: „Stress-Test“ der Humanität

    Heidenau ist nicht überall, aber auch längst kein Einzelfall mehr. Was sich in Heidenau ereignet hat, ist abscheulich, zutiefst menschenverachtend und steht in einer Reihe der länger werdenden Liste der Schande ausländerfeindlicher Übergriffe. Gestern Heidenau, neulich Freital. Morgen bei uns im Ort?

    Heidenau ist nicht überall, aber auch längst kein Einzelfall mehr. Was sich in Heidenau ereignet hat, ist abscheulich, zutiefst menschenverachtend und steht in einer Reihe der länger werdenden Liste der Schande ausländerfeindlicher Übergriffe. Gestern Heidenau, neulich Freital. Morgen bei uns im Ort?

    Hundert rechtsradikale Stiefelgesichter ziehen die Scheinwerfer der Medien auf sich. Tausende Ehrenamtliche, die Flüchtlingen helfen, Unterstützung bieten und Nächstenliebe praktizieren, bleiben dagegen oft im Dunkeln. Sie darf man bei allem Entsetzen über den braunen Mob nicht vergessen. Diese Ehrenamtlichen gibt es überall.

    Nach Heidenau überschlagen sich einmal mehr Politiker mit Wortmeldungen. SPD-Chef Sigmar Gabriel ist am Montag an den Ort des Geschehens gereist. SPD und Oppositionspolitiker gefielen sich darin, die Kanzlerin vor sich herzutreiben und forderten ein Machtwort. Gestern dann erklärte sich Angela Merkel. Da war ihre Stellungnahme bereits in den Sog parteipolitischen Gezerres geraten. Wie fatal. Kein Machtwort der Politik erstickt rechtsextreme Ausschreitungen, aber angesichts solch abscheulicher Umtriebe vor Flüchtlingsunterkünften können politische Reaktionen gar nicht rasch und deutlich genug sein.

    Wo die Werteordnung derart mit Füßen getreten wird, braucht es nicht nur die ganze Härte des Rechtsstaates, sondern auch das volle Verantwortungsbewusstsein der politischen Klasse. Nur mit einem gemeinsamen Kraftakt wird es gelingen, die Herausforderung von 800 000 Flüchtlingen zu meistern und radikalen Extremisten, ihren tumben Mitläufern und klammheimlichen Sympathisanten das Wasser abzugraben. Das schließt aus, die Flüchtlingsthematik für parteitaktische Spiele, innenpolitisches Hick-Hack, rhetorische Dreschflegeleien oder ideologisch motivierte Wirklichkeitsverweigerung zu missbrauchen. Im Zweifel profitieren davon immer die Falschen.

    Flüchtlingsunterkünfte als Aufmarschplätze für Rechtsextreme und Linksautonome, dazwischen eine überforderte Polizei, die Verletzte beklagen muss und alle Mühe hat, die Lage unter Kontrolle zu bringen: Solche Szenarien dürfen nicht Schule machen. Extremisten muss man die Stirn bieten, doch das ist nicht nur Aufgabe der Polizei. Die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, stellt sich unter dem Druck von 800 000 Flüchtlingen in bisher nicht gekannter Dringlichkeit. Die Antwort darauf kann nicht allein die Politik geben, der vorpolitische Raum ist hier ebenso gefragt wie die Bürgergesellschaft und die Kirchen.

    800 000 Flüchtlinge, das ist mehr als eine Herausforderung. Das bedeutet eine Generationenaufgabe, die uns vor Augen führt, wie sehr wir bislang auf einer „Insel der Seligen“ gelebt haben. In Frieden und Wohlstand. Nun schwemmen Kriege, Verfolgung, Not und Armut hunderttausende Menschen an unsere Wohlstandgestade. In einer globalisierten Welt müssen wir unter diesen Bedingungen das Wort Solidarität neu buchstabieren lernen. Das ist der „Stress-Test“ der Humanität. Unsere wohlstandssatte, identitätsgestörte Ego-Gesellschaft ist darauf nur unzureichend vorbereitet. Extremisten eröffnet das brandgefährliche Spielräume.