• aktualisiert:

    Leitartikel: Scheinbare Sicherheit

    Terror und Sicherheit bewegen die Deutschen derzeit wie kaum ein anderes Thema. Das ist verständlich, logisch ist es nicht. Denn statistisch gesehen ist das Risiko, in Deutschland im Straßenverkehr ums Leben zu kommen, nach wie vor weit größer, als das Opfer eines Terroranschlags zu werden. Trotzdem interessiert sich kaum jemand dafür, wie die Sicherheit auf unseren Straßen erhöht werden kann.

    Stefan Rehder
    Stefan Rehder. Foto: DT

    Terror und Sicherheit bewegen die Deutschen derzeit wie kaum ein anderes Thema. Das ist verständlich, logisch ist es nicht. Denn statistisch gesehen ist das Risiko, in Deutschland im Straßenverkehr ums Leben zu kommen, nach wie vor weit größer, als das Opfer eines Terroranschlags zu werden. Trotzdem interessiert sich kaum jemand dafür, wie die Sicherheit auf unseren Straßen erhöht werden kann.

    Statistisch gesehen ist auch das Risiko, ein Kind mit Down-Syndrom zu gebären, ziemlich gering. Bei schwangeren Frauen im Alter bis 24 Jahren liegt es bei 1 : 1 400. Im Alter von 29 Jahren liegt es bei 1 : 1 100. Danach steigt es signifikant. Gleichwohl würde – statistisch – selbst im Alter von 40 Jahren von einhundert Schwangeren nur eine ein Kind mit Down-Syndrom gebären. Und obwohl 95 Prozent aller Behinderungen erst nach der Geburt – durch Krankheit oder Unfälle – entstehen, interessieren sich in Deutschland sehr viele Menschen dafür, wie man die Geburt von Kindern mit Down-Syndrom möglichst zuverlässig verhindern kann. Bis vor einigen Jahren galt eine Fruchtwasseruntersuchung hier als Mittel der Wahl. Diese Untersuchung hat jedoch den Nachteil, dass sie ein vergleichsweise hohes Risiko birgt, der Schwangeren und/oder dem Kind mittels der Nadel, die zur Fruchtwasserentnahme durch die Bauchdecke geführt wird, Verletzungen zuzufügen. Statistisch gesehen endet jede hundertste Fruchtwasseruntersuchung mit einer Fehlgeburt. Was für Eltern und Ärzte dann besonders tragisch ist, wenn das Kind gar kein Down-Syndrom aufwies (95 Prozent der Kinder, bei denen hierzulande das Down-Syndrom diagnostiziert wird, werden abgetrieben). Seit vier Jahren ist es schwangeren Frauen nun möglich, ihre ungeborenen Kinder mittels eines einfachen Bluttests auf das Down-Syndrom untersuchen zu lassen. Der Test reduziert das Risiko einer Schädigung der Schwangeren und/oder des Kindes durch die invasive Diagnostik insoweit, als diese nur noch dann zum Einsatz kommt, wenn ein „positiver“ Befund des Bluttestes überprüft werden soll. Allerdings ist der Test bislang eine „Individuelle Gesundheitsleistung“ (IGeL) und muss von gesetzlich Versicherten selbst bezahlt werden. Das könnte anders werden, wenn das vom Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen vergangene Woche beschlossene Bewertungsverfahren positiv ausfiele und an seinem Ende die Aufnahme des Tests in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen für die etwa 70 Millionen Versicherte in Deutschland stünde.

    Dass Katholiken es unmöglich gutheißen können, dass die Solidargemeinschaft zur Finanzierung von Untersuchungen herangezogen wird, die bei einem positiven Ergebnis regelmäßig in eine vorgeburtliche Kindstötung münden, gilt – unabhängig vom Risiko – sowohl für invasive wie für nicht-invasive Untersuchungen und muss hier nicht eigens betont werden. Für alle anderen gilt zu bedenken: Bei einem flächendeckenden Einsatz für alle Schwangere würde die jedem Test eigene falsch-positiv-Rate dazu führen, dass rund Zweidrittel der Ergebnisse, bei denen ungeborene Kinder „positiv“ auf das Down-Syndrom getestet würden, in Wirklichkeit falsch wären. Errechnet hat das nicht die Deutsche Bischofskonferenz, sondern der Deutsche Ethikrat. So trügerisch kann Sicherheit sein.

    Hintergrund:

    Der katholische Moraltheologe Franz-Josef Bormann hat scharfe Kritik an der möglichen Kostenübernahme eines neuen Bluttests für Schwangere durch die Krankenkassen geübt. Der „Praenatest“ sei diskriminierend und diene allein der Selektion, sagte das Mitglied des Deutschen Ethikrates am Mittwoch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Tübingen.

    Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten und Krankenkassen hatte vergangene Woche angekündigt, er wolle prüfen, ob der Bluttest zur Erkennung des Down-Syndroms bei Ungeborenen künftig eine Regelleistung der Kassen bei Risikoschwangerschaften wird. Der G-BA-Vorsitzende Josef Hecken betonte, der Bundesausschuss werde angesichts der fundamentalen ethischen Fragestellungen neben Fachgesellschaften auch „weitere gesellschaftliche Organisationen, beispielsweise den Deutschen Ethikrat“ einbeziehen. Der Test funktioniert einfacher und risikoloser als die bisherige Erkennung über die Biopsie der Plazenta oder die Fruchtwasseruntersuchung.

    Bischof Fürst: Test wirkt als reines Selektionsinstrument

    Bormann nannte das Vorgehen des G-BA aus ethischer Sicht „außerordentlich problematisch“. Der Test „leistet – bei aller Verschiedenheit der betroffenen Krankheitsbilder – letztlich der Diskriminierung Behinderter Vorschub“. Vor allem Kinder mit dem Down-Syndrom würden dadurch zunehmend als „vermeidbares Problem“ wahrgenommen. Der Theologe verwies darauf, dass schon jetzt in neun von zehn Fällen die Diagnose „Trisomie 21“ zur Abtreibung führe, „obgleich die Betroffenen bei aller körperlichen oder geistigen Einschränkung mittlerweile nicht nur eine hohe Lebenserwartung vor sich haben, sondern sich zumeist auch einer subjektiv befriedigenden Lebensqualität erfreuen können“. Der elterliche Wunsch nach einem gesunden Kind sei zwar ebenso verständlich wie die Suche nach Gewissheit. Die elterliche Verantwortung schließe aber „auch die Annahme eines kranken Kindes ein“. Dies gelte umso mehr, „als der Test in vielen Fällen keine genauen Angaben darüber macht, wie stark sich bestimmte chromosomale Abweichungen im Einzelfall auswirken“. Wenn der neue Test als Routineuntersuchung akzeptiert werde, werde er die Eltern „in einen gravierenden Entscheidungskonflikt über Leben und Tod stürzen und die Einstellung der Bevölkerung zum Lebensrecht behinderter Menschen weiter verschieben“. Die Erwartungshaltung der Gesellschaft, aber auch der Mütter selbst, ein gesundes Kind zu Welt zu bringen, „wird weiter steigen“. Bormann erinnerte daran, dass der Ethikrat 2013 in seiner Stellungnahme zur Zukunft der genetischen Diagnostik „neben Verbesserungen im Bereich der Aufklärung auch die Einführung eines über die Pflichtberatung nach Paragraf 218 hinausgehenden Schutzkonzeptes verlangt“. Bislang sei davon nichts umgesetzt.

    In einem Schreiben an den G-BA-Vorsitzenden, Professor Josef Hecken, das dieser Zeitung vorliegt, hatte auch der Vorsitzende der Unterkommission Bioethik der Deutschen Bischofskonferenz, der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst, beklagt, dass der Praenatest „in der Praxis als reines Selektionsinstrument wirkt, das einen Abtreibungsautomatismus in Gang setzt“ (siehe auch Leitartikel Seite 2).

     
    Von Stefan Rehder