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    Leitartikel: Merkel oder die Leere danach

    An ihrem 60. Geburtstag befindet sich Angela Merkel im Zenit ihrer Macht. Glückwünsche und Lob allenthalben. Und wenn ausgerechnet zum Fest die transatlantischen Beziehungen negative Schlagzeilen produzieren könnten, dann überstrahlen Kabinen-Fotos mit den Fußball-Weltmeistern alles und tragen die Kanzlerin auf einer Woge der Sympathie über den NSA-Sumpf hinweg. Nicht mitgespielt, aber doch gewonnen. Man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Merkel war das in ihrer politischen Karriere immer wieder. Sie wusste abzuwarten und im rechten Moment zuzugreifen. Perfektes politisches Timing nennt man das. Abwarten, sehen, wohin der Wind sich dreht und erst dann öffentlich Position beziehen: Bis heute kennzeichnet das Merkels Politikstil.

    An ihrem 60. Geburtstag befindet sich Angela Merkel im Zenit ihrer Macht. Glückwünsche und Lob allenthalben. Und wenn ausgerechnet zum Fest die transatlantischen Beziehungen negative Schlagzeilen produzieren könnten, dann überstrahlen Kabinen-Fotos mit den Fußball-Weltmeistern alles und tragen die Kanzlerin auf einer Woge der Sympathie über den NSA-Sumpf hinweg. Nicht mitgespielt, aber doch gewonnen. Man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Merkel war das in ihrer politischen Karriere immer wieder. Sie wusste abzuwarten und im rechten Moment zuzugreifen. Perfektes politisches Timing nennt man das. Abwarten, sehen, wohin der Wind sich dreht und erst dann öffentlich Position beziehen: Bis heute kennzeichnet das Merkels Politikstil.

    Lange wurde sie unterschätzt, geschadet hat ihr das nicht. Im Gegenteil, es hat ihr Spielräume eröffnet. Heute unterschätzt sie niemand mehr. Nicht in Deutschland, nicht in Europa, nirgendwo in der Welt, am allerwenigsten die eigene Partei. Kritiker und Kronprinzen sind weggebissen, weitgehend verstummt oder haben sich karrieretauglich eingenischt. Wer für eine Partei Wahlsiege holt wie Merkel, kann gelassen auf Kritik herabschauen.

    Vom ostdeutschen Mauerblümchen zur starken Frau der internationalen Politik: Die Karriere von Angela Merkel nötigt selbst politischen Gegnern Respekt und Anerkennung ab. Durch ihre Parteigrenzen überschreitende Popularität ist sie heute unangefochtener als es Helmut Kohl in seinen besten Zeiten war. Merkel hat mal mit Gelb, mal mit Rot regiert. Federn ließ dabei jeweils der Koalitionspartner, nicht die Kanzlerin. Eigentlich fehlt nur noch ein von ihr geführtes schwarz-grünes Bündnis zum Beleg, dass im Zeitalter des Relativismus programmatische Flexibilität die Mutter allen Machterhalts ist.

    Jünger, weiblicher, moderner will die CDU unter Angela Merkel nun werden. Daran wird bereits mächtig gewerkelt. Es wäre nur gut zu wissen, wofür die jüngere, modernere und weiblichere CDU eigentlich inhaltlich steht. Das aber ist die große Frage der Christdemokraten, die die Person Merkel zum eigentlichen Markenkern ihrer Partei gemacht haben. Wie dramatisch diese Frage letztlich ist, wird erst dann richtig sichtbar werden, wenn Merkels Nimbus die programmatische Auszehrung einmal nicht mehr kaschiert. Merkel ist klug und machtsensibel genug, um zu wissen, wann es Zeit wird, zu neuen Ufern aufzubrechen. Die Leere, die sie ihrer Partei dann hinterlässt, wird gewaltig sein. Davon spricht am 60. Geburtstag der Kanzlerin natürlich keiner. Da wünscht man lieber „Ad multos annos“ („Auf viele Jahre“) und meint das durchaus eigennützig. An eine Zeit nach Merkel mag man in der CDU gar nicht denken. Beinahe verständlich, aber mehr noch beängstigend. Die Merkel-Partei ohne Merkel: Das Erwachen in der CDU wird schmerzhaft sein, doch es kommt – früher oder später –, aber ganz bestimmt. Was dann trägt, muss sich zeigen. Das derzeitige inhaltliche Profil wird es nicht sein. Ob man sich dann an das innovative Potenzial des „C“s im Parteinamen erinnert, das sich auch in einer säkularen Gesellschaft fruchtbar machen ließe, ist fraglich. Dafür bräuchte es nicht nur politische Kreativität und inhaltliche Substanz, sondern vor allem Überzeugung.