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    Leitartikel: Jüdisch oder demokratisch

    Israel wird heute 65: Ist der Judenstaat damit reif für die Rente? Tatsächlich ist es erstaunlich, was seit der Ausrufung des jüdischen Nationalstaats durch David Ben-Gurion 1948 in Tel Aviv erreicht wurde: eine High-Tech-Ökonomie, die Integration von Juden aus aller Welt in das Gemeinwesen, eine stabile Demokratie. Die ist zwar keineswegs so makellos egalitär, wie viele Israelis das gerne hätten. Israelische Araber wissen das. Dass Israel aber der einzige Staat im Nahen Osten ist, wo seit 65 Jahren demokratische Spielregeln herrschen, ist schlechterdings auch nicht bestreitbar.

    Israel wird heute 65: Ist der Judenstaat damit reif für die Rente? Tatsächlich ist es erstaunlich, was seit der Ausrufung des jüdischen Nationalstaats durch David Ben-Gurion 1948 in Tel Aviv erreicht wurde: eine High-Tech-Ökonomie, die Integration von Juden aus aller Welt in das Gemeinwesen, eine stabile Demokratie. Die ist zwar keineswegs so makellos egalitär, wie viele Israelis das gerne hätten. Israelische Araber wissen das. Dass Israel aber der einzige Staat im Nahen Osten ist, wo seit 65 Jahren demokratische Spielregeln herrschen, ist schlechterdings auch nicht bestreitbar.

    Doch darf man nicht mehr die Augen davor verschließen, dass die Gleichung von jüdisch und demokratisch zunehmend nicht mehr aufzugehen droht: Will Israel der demokratische Nationalstaat des jüdischen Volkes bleiben, muss es die demographische Bombe entschärfen, die es sich 1967 mit der Besetzung der palästinensischen Gebiete ins Haus geholt hat und die immer lauter tickt. Der Tag ist nicht fern, da auf dem Gebiet Israels und Palästinas mehr Araber als Juden leben werden. Das heißt: Eine jüdische Minderheit wird über eine arabische Mehrheit herrschen. Man muss das nicht mit dem bösen Wort Apartheid bezeichnen, um die auf Dauer potenziell demokratiegefährdenden Auswirkungen zu erkennen.

    Es sind deshalb gerade wahre Patrioten innerhalb und echte Freunde außerhalb des Landes, die in der Zwei-Staaten-Lösung den einzigen Ausweg aus der Misere sehen, zwischen jüdisch und demokratisch wählen zu müssen. Denn die Einstaaten-Lösung für zwei Völker würde aufgrund der Mehrheitsverhältnisse keinen Raum mehr für einen jüdischen Nationalstaat lassen. Dass sie eine impraktikable Kopfgeburt ist, kommt hinzu.

    Die Beendigung der Besatzung ist deshalb alternativlos, will Israel bleiben, was es ist. Und weil der Judenstaat aufgrund seiner militärischen Macht der Goliath in einem zutiefst asymmetrischen Konflikt ist, steht er in größerer Verantwortung. Gewiss, Israel hat die Gebiete 1967 nicht in einem Eroberungskrieg genommen, sondern kam im Zuge eines Verteidigungskriegs in ihren Besitz. Doch wie hat es der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, ausgedrückt: Mit der Besatzung kam der Appetit. Und dass sich die Zahl der Siedler nach den Verhandlungen von Oslo und Camp David 2000 verdreifacht hatte, lässt das palästinensische Misstrauen in den israelischen Verständigungswillen zumindest nachvollziehbar erscheinen. Die Palästinenser wiederum, hier täusche man sich nicht, sind kompromissbereit ausschließlich aufgrund ihrer Schwäche und nicht, weil sie vom Existenzrecht Israels auf dem Gebiet des historischen Palästinas überzeugt sind oder zu überzeugen wären. Und ja: Die radikalen Elemente unter den Palästinensern werden mit einer finalen Statuslösung nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden. Israel darf sich aber schon aus Eigeninteresse nicht derem terroristischem Erpressungspotenzial beugen. Die militärtechnische Überlegenheit Israels eröffnet zudem Spielräume für politische Kompromisse, ohne die eigene Sicherheit zu gefährden.

    Zwei Staaten für zwei Völker sind noch immer möglich. Man muss nur wissen, was man will und gut für einen ist. Mit 65 sollte das aber kein Problem sein.