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    Leitartikel: Herzflimmern in Italien

    Die Geister der Vergangenheit lassen Italien nicht los. Ein Gespräch zwischen Regierungschef Enrico Letta und Silvio Berlusconi am Dienstagabend hat zunächst einmal ergeben, dass die erstinstanzliche Verurteilung des Cavaliere zu sieben Jahren Haft wegen Amtsmissbrauch und Prostitution mit Minderjährigen die Große Koalition zwischen der linken „Demokratischen Partei“, dem „Volk der Freiheit“ Berlusconis und der Kleinpartei von Mario Monti nicht sprengen wird. Doch die Stimmung ist mehr als angespannt. Die Medien sprechen von „fibrillazione“, von „Herzflimmern“. Nach der Verkündigung des Urteils, für die Anhänger Berlusconis ein absurder Spruch einer politisierten Mailänder Richterschaft, verfiel das Land wieder einmal in einen Taumel: Die eine Hälfte sehnt das Ende der Ära Berlusconi herbei. Details interessieren dabei gar nicht mehr. Ob es bei den „eleganten, manchmal burlesken“ Zusammenkünften in Berlusconis Privatvilla in Arcore bei Mailand mit all den jungen Dingern auch zu sexuellen Handlungen gekommen ist, oder ob Berlusconi die damals minderjährige Marokkanerin Karima el-Mahroug – genannt Ruby – wirklich in dem Glauben aus dem Gewahrsam der Mailänder Polizei herausgepresst hat, diese sei eine Nichte des ägyptischen Staatschefs Mubarak, oder wie viel Geld des Cavaliere in die Taschen der leichten Damen geflossen ist – alles egal. Hauptsache: Berlusconi verschwindet.

    Die Geister der Vergangenheit lassen Italien nicht los. Ein Gespräch zwischen Regierungschef Enrico Letta und Silvio Berlusconi am Dienstagabend hat zunächst einmal ergeben, dass die erstinstanzliche Verurteilung des Cavaliere zu sieben Jahren Haft wegen Amtsmissbrauch und Prostitution mit Minderjährigen die Große Koalition zwischen der linken „Demokratischen Partei“, dem „Volk der Freiheit“ Berlusconis und der Kleinpartei von Mario Monti nicht sprengen wird. Doch die Stimmung ist mehr als angespannt. Die Medien sprechen von „fibrillazione“, von „Herzflimmern“. Nach der Verkündigung des Urteils, für die Anhänger Berlusconis ein absurder Spruch einer politisierten Mailänder Richterschaft, verfiel das Land wieder einmal in einen Taumel: Die eine Hälfte sehnt das Ende der Ära Berlusconi herbei. Details interessieren dabei gar nicht mehr. Ob es bei den „eleganten, manchmal burlesken“ Zusammenkünften in Berlusconis Privatvilla in Arcore bei Mailand mit all den jungen Dingern auch zu sexuellen Handlungen gekommen ist, oder ob Berlusconi die damals minderjährige Marokkanerin Karima el-Mahroug – genannt Ruby – wirklich in dem Glauben aus dem Gewahrsam der Mailänder Polizei herausgepresst hat, diese sei eine Nichte des ägyptischen Staatschefs Mubarak, oder wie viel Geld des Cavaliere in die Taschen der leichten Damen geflossen ist – alles egal. Hauptsache: Berlusconi verschwindet.

    Die andere Hälfte des Landes hält Berlusconi die Treue und wäre mental bereit, vor lauter Empörung über das Urteil auch die Koalitionsregierung in den Abgrund zu reißen. Nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident war dieser eigentlich schon von der politischen Bühne abgetreten. Dann kam das Comeback – und neun Millionen Italiener haben Berlusconi wieder gewählt. Was dem „Leader“ des „Volks der Freiheit“ die Möglichkeit gibt, dem begabten Regierungschef Letta Bedingungen zu diktieren. Viele Italiener, vor allem Medienleute, spüren, dass man im Ausland das ganze Theater nicht mehr versteht. Dort wäre ein alter Mann mit dem Ruf, den Skandalen, den Frauengeschichten und all den Prozessen Berlusconis schon längst in der Versenkung verschwunden. Überall in der Welt gibt es Skandale. In Deutschland trat Christian Wulff zurück, die Briten haben John Major verkraftet, die Amerikaner CIA-Boss David Petraeus. Nur Italien kommt von Berlusconi nicht los. Zu sehr verkörpert er den Traum vieler Männer und vor allem Frauen des Landes: „furbo“, schlau zu sein und es als Parvenü zu schaffen, sich an der alt eingesessenen Elite vorbei zu einem der reichsten Männer Italiens aufzuschwingen.

    Im Oktober kommt ein anderer Richterspruch gegen Berlusconi, diesmal in letzter Instanz. Es geht um Steuerhinterziehungen. Ein Gefängnis wird Berlusconi wohl nie von innen sehen. Doch alle Urteile, auch das jetzt von Mailand, zwingen ihn, alle öffentlichen Ämter abzugeben. Im Herbst droht ihm also wirklich das Ende der politischen Karriere. Dann würde Chaos ausbrechen. Und bis dahin hat Italien Herzflimmern. Einer hält derzeit den Laden zusammen: Staatspräsident Giorgio Napolitano. Doch das Herzflimmern kann auch er nicht beenden.