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    Leitartikel: Globales „bonum commune“

    Von Zeit zu Zeit öffnet erst der Blick in die Zukunft unsere Augen für die Gegenwart. Wer etwa das Duell verfolgt, das sich Investor Elon Musk und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg über die Zukunft künstlicher Intelligenz liefern, wird – gewissermaßen als unbeabsichtigtes Nebenprodukt – recht bald feststellen, wie weit unsere Abhängigkeit von Algorithmen und Software, die inzwischen nicht einmal ihre Entwickler noch vollständig verstehen, längst gediehen ist. Ähnliches gilt für die alles andere als ungefährlichen Basteleien, mit denen Molekularbiologen am offenen genetischen Code experimentieren. Auch wer religiös völlig unmusikalisch ist, dürfte hier zumindest eine Idee davon bekommen, dass der Mensch doch mehr sein muss als die bloße Summe seiner chemischen Bestandteile, die von einer extremen Häufung höchst glücklicher Zufälle derart vorteilhaft angeordnet wurde.

    Stefan Rehder Foto: DT

    Von Zeit zu Zeit öffnet erst der Blick in die Zukunft unsere Augen für die Gegenwart. Wer etwa das Duell verfolgt, das sich Investor Elon Musk und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg über die Zukunft künstlicher Intelligenz liefern, wird – gewissermaßen als unbeabsichtigtes Nebenprodukt – recht bald feststellen, wie weit unsere Abhängigkeit von Algorithmen und Software, die inzwischen nicht einmal ihre Entwickler noch vollständig verstehen, längst gediehen ist. Ähnliches gilt für die alles andere als ungefährlichen Basteleien, mit denen Molekularbiologen am offenen genetischen Code experimentieren. Auch wer religiös völlig unmusikalisch ist, dürfte hier zumindest eine Idee davon bekommen, dass der Mensch doch mehr sein muss als die bloße Summe seiner chemischen Bestandteile, die von einer extremen Häufung höchst glücklicher Zufälle derart vorteilhaft angeordnet wurde.

    Aber auch auf weniger futuristisch anmutenden Gebieten kann gelegentliches Extrapolieren helfen, die unmittelbare Gegenwart besser zu verstehen. Wie wahrscheinlich, so ließe sich zum Beispiel zu fragen, ist es eigentlich, dass Europa auch die nächsten 70 Jahre in Frieden und Freiheit verbringt? Oder auch, wie realistisch ist es, anzunehmen, dass die Wanderungsbewegungen, wie wir zur Zeit erleben, ihren Zenit bereits überschritten haben? Und falls das nicht der Fall ist, wie werden sie sich entwickeln, wenn das Klima auf dem blauen Planenten rauer wird – im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinn? Wird eine „Festung Europa“ einem solchen Ansturm standhalten können? Und falls nicht, wie wahrscheinlich ist dann, dass stattdessen nationalen Alleingängen Erfolg beschieden wird?

    Man braucht solche und andere Fragen gar nicht im Detail zu beantworten suchen, um eines zu verstehen: Die wirklich drängenden Probleme lassen sich nicht lokal eingrenzen und nur noch durch gemeinsame globale Anstrengungen lösen. Gelingt das nicht, fallen sie früher oder später allen auf die Füße.

    Der Klimawandel mag da ein populär gewordenes Beispiel sei. Aber er ist längst nicht das einzige Problem. Akademisch geführte „Glaubenskriege“, wie die, ob der Klimawandel allein von Menschen gemacht ist oder nicht, mögen „Missionare“ der einen wie der anderen „Konfessionen“ bei Laune halten. Sie bringen jedoch niemanden weiter, wo es um Fragen geht wie die, ob es in der Wüste künftig noch Wasser geben wird oder wie das Schmelzen von Gletschern oder des arktischen Eises aufgehalten werden kann. Und auch hierbei geht es ja letztlich keinesfalls darum, Natur mehr oder weniger so zu erhalten, wie wir sie kennengelernt haben, sondern darum, ob sie sich auf Dauer noch als Lebensraum eignet, der Menschen Platz und Nahrung bietet. Überall wo dies nicht mehr der Fall ist, begeben sich schon heute Menschen auf Wanderschaft. Vergleichbares gilt dort, wo Menschen statt vor den Folgen des Klimas vor denen von Krieg oder auch „bloß“ schlechter Politik („bad governance“) flüchten.

    Gerade jene, die wissen, dass auch anderenorts Resourcen endlich und erschöpfbar sind, müssten ein Interesse daran besitzen, dass diese Probleme global angegangen und gemeinsam gelöst werden. In einer globalisierten Welt muss auch das „bonum commune“ global gedacht werden.