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    Leitartikel: Freund und Henker

    „Der Arzt – Dein Freund und Henker“. So stellen sich heute Viele den idealen Arzt vor. In Zeiten, in denen der familiäre Zusammenhalt oft die Dichte einer Seifenblase zu besitzen scheint und Freundschaften Zweckgemeinschaften gleichen, soll der freundliche Doktor aus der Nachbarschaft ein offenes Ohr für jedes Zipperlein haben; stets bereit, mit Kugelschreiber und Rezeptblock für das Wohl von Leib und Seele zu sorgen. Wird es ernst, soll er auch zum Äußersten bereit sein, und dort, wo Leid nicht mehr aus der Welt geschaffen, sondern nur noch gelindert werden kann, den Leidenden selbst hinausbefördern. Schmerzfrei, schnell und sicher.

    Stefan Rehder. Foto: DT

    „Der Arzt – Dein Freund und Henker“. So stellen sich heute Viele den idealen Arzt vor. In Zeiten, in denen der familiäre Zusammenhalt oft die Dichte einer Seifenblase zu besitzen scheint und Freundschaften Zweckgemeinschaften gleichen, soll der freundliche Doktor aus der Nachbarschaft ein offenes Ohr für jedes Zipperlein haben; stets bereit, mit Kugelschreiber und Rezeptblock für das Wohl von Leib und Seele zu sorgen. Wird es ernst, soll er auch zum Äußersten bereit sein, und dort, wo Leid nicht mehr aus der Welt geschaffen, sondern nur noch gelindert werden kann, den Leidenden selbst hinausbefördern. Schmerzfrei, schnell und sicher.

    So gesehen lässt sich nicht hoch genug bewerten, dass die Delegierten des 114. Ärztetages in Kiel in dieser Woche eine Änderung der Berufsordnung verabschiedeten, die keinen Zweifel daran lässt, dass „Sterbehilfe“ – egal in welchem Gewand sie auftritt – mit dem ärztlichen Ethos unvereinbar ist. Dies umso mehr, als diese Entscheidung keineswegs so selbstverständlich war, wie der scheidende Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe das jetzt darzustellen sucht. Hoppe selbst steuerte, trotz gegenteiliger persönlicher Überzeugung, lange einen entgegengesetzten Kurs. Danach sollten Ärzte, die glauben, dies mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können, Suizidbeihilfe gewissermaßen als Privatpersonen leisten können, ohne den Verlust der Approbation fürchten zu müssen. Hätten andere – darunter mehrere Landesärztekammerpräsidenten und der Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Rudolf Henke – ungeachtet der von der Bundesärztekammer in Auftrag gegebenen Umfrage, in der sich ein Drittel der Ärzteschaft für eine Liberalisierung des Verbots von Sterbehilfe aussprach – Hoppe nicht rechtzeitig vehement widersprochen, stünde jetzt womöglich eine ganz andere Formulierung in der Berufsordnung.

    Auch bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) hat es an Widerspruch aus der Ärzteschaft nicht gemangelt. Unter den Funktionären hat sich neben Henke hier auch Hoppes langjähriger Stellvertreter und künftiger Nachfolger Frank Ulrich Montgomery hervorgetan. Gereicht hat es nicht. Wohl auch, weil viele Delegierte dem von Reproduktionsmedizinern in die Welt gesetzten Märchen glauben wollten, eine Zulassung der PID verhindere Spätabtreibungen. Zahlen aus Frankreich belegen jedoch, dass das Gegenteil der Fall ist, und die Zahl der Spätabtreibungen dort auch nach Einführung der PID weiter zunimmt. Die Zumutung der Abtreibung, so kann man das verstehen, soll zumindest hier und dort durch die als geringer empfundene Zumutung der PID ersetzt werden.

    Das kann und wird nicht gelingen. Für Abhilfe vermag hier nur ein Überdenken des ärztlichen Selbstverständnisses sorgen. Wo Ärzte mehr sein wollen als Therapeuten, werden sie nicht darum herumkommen, auch die ihnen von Bürgern und Politikern angediente Last des Tötens zu schultern. Um die Arbeit als Henker kommt in dieser Gesellschaft nur der herum, der sich dort, wo es keine Therapien zur Bewältigung von Leiden gibt – bei Zeugungsunfähigkeit, am Lebensende oder bei der Geburt eines ungeplanten oder behinderten Kindes – schlicht für „nicht zuständig“ erklärt.