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    Leitartikel: Franziskus in seinem Element

    Dass der Chef der vatikanischen Gendarmerie, Domenico Giani, am Montag bei der fast tumultartigen Ankunft des Papstes in Brasilien für einen kurzen Augenblick die Waffe zog, war spektakulär. Ein von der Menge eingekeilter Franziskus im ungeschützten Fiat-Idea – das wird hinter den Kulissen für gewaltigen Ärger gesorgt haben, auch wenn Vatikansprecher Federico Lombardi den Vorfall „minimalisierte“, wie man das im Vatikan-Sprech nennt. Doch nun hat der Weltjugendtag begonnen, sechshunderttausend Jugendliche bei der Eröffnungsmesse, ein ganzes Land im Papst-Taumel und Franziskus absolviert sein umfangreiches Programm.

    Dass der Chef der vatikanischen Gendarmerie, Domenico Giani, am Montag bei der fast tumultartigen Ankunft des Papstes in Brasilien für einen kurzen Augenblick die Waffe zog, war spektakulär. Ein von der Menge eingekeilter Franziskus im ungeschützten Fiat-Idea – das wird hinter den Kulissen für gewaltigen Ärger gesorgt haben, auch wenn Vatikansprecher Federico Lombardi den Vorfall „minimalisierte“, wie man das im Vatikan-Sprech nennt. Doch nun hat der Weltjugendtag begonnen, sechshunderttausend Jugendliche bei der Eröffnungsmesse, ein ganzes Land im Papst-Taumel und Franziskus absolviert sein umfangreiches Programm.

    Doch über die teilweise dramatischen, teilweise sehr bunten und lebensfrohen Bilder aus Brasilien sollte man nicht aus den Augen verlieren, worum es bei der Reise geht. Franziskus begegnet der Jugend der Welt. Aber er ist ebenso in einem Riesenstaat, der einst zu den katholischsten Ländern der Erde zählte. Doch auch seitdem Päpste nach Brasilien reisen – Johannes Paul II. 1980, 1982, 1991, 1997 und Benedikt XVI. 2007 – erleidet die Kirche dort weiterhin einen beständigen Aderlass. Der Stiftung „Getulio Vargas“ zufolge ist der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung gerade im Bundesstaat Rio de Janeiro 2011 unter die Fünfzig-Prozent-Marke gesunken. 1970 waren Brasilianer-sein und Katholisch-sein so gut wie identisch. 2010 machten dann die katholisch Getauften nur noch 65 Prozent der Einwohner des Landes aus. Die „Gewinner“ sind eindeutig die pentekostalen Bewegungen protestantischer Färbung, die aus den Pfingstkirchen hervorgegangen sind. Insgesamt geht die Zahl der brasilianischen Katholiken leicht zurück, während die Gesamtbevölkerung weiter steigt. Der katholischen Kirche gelingt es nicht, den Trend spürbar umzukehren. Brasilien ist heute Missionsland, wie weite Teile Lateinamerikas, besonders in den Ballungsgebieten. Das war Inhalt des Abschlussdokuments der Versammlung des Lateinamerikanischen Bischofsrats von 2007 in Aparecida, an dem der damalige Kardinal Jorge Mario Bergoglio aus Buenos Aires federführend mitgewirkt hat.

    Jetzt kommt er als Papst zurück. „Ich habe weder Gold noch Silber, aber ich bringe das Wertvollste, das mir gegeben wurde: Jesus Christus!“, sagte er bei seiner Ansprache am Flughafen von Rio de Janeiro. Nahe bei den Menschen zu sein, auf die Armen zugehen und in den Ärmsten Jesus Christus zu erkennen, die Leute bei ihren Sorgen abzuholen, keine Angst zu haben vor Gefühlen, sich in die existenziellen Brennpunkte zu wagen, vor allem auch die Frauen anzusprechen – in Brasilien, wo das Katholische einst selbstverständlich war, lernt die Kirche, wieder missionarisch zu sein. Und sie lernt auch ein wenig, das darf man ruhig so sagen, von den pentekostalen Sekten, deren Stärke – neben vielen Schwächen und Gefährlichkeiten – darin liegt, die Menschen unmittelbar und emotional anzusprechen. Niemand verkörpert diesen neuen Stil der Kirche heute prominenter und sichtbarer als Papst Franziskus. Manche in der römischen Kurie reiben sich vielleicht noch daran. In Brasilien aber ist erste lateinamerikanische Papst jetzt in seinem Element.