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    Leitartikel: Eine Alternative für Konservative?

    Wenn „konservativ“ meint, aus dem zu leben, was immer gilt und nicht lediglich, Vergangenem nachzutrauern, ist es um den politischen Konservatismus in Deutschland schlecht bestellt. Denn die Hoffnung, der Schutz von Ehe und Familie, des Lebens und anderer Menschenrechte sei bei der AfD gut oder auch nur besser aufgehoben als bei den Unionsparteien, ist – nach Lage der Dinge – in etwa so realistisch, wie die kleinbürgerliche Utopie, wenn jeder für sich selbst sorge, sei am Ende allen geholfen. Die Wirklichkeit ist jeweils eine andere. So setzt etwa die erfolgreiche Sorge für sich selbst Fähigkeiten voraus, deren Erwerb nicht jeder erlernt. Andere werden ihrer durch Schicksalschläge beraubt. Und wieder andere werden mit Umständen konfrontiert, unter denen sich solche nicht mehr hinreichend in Anschlag bringen lassen.

    Stefan Rehder
    Stefan Rehder. Foto: DT

    Wenn „konservativ“ meint, aus dem zu leben, was immer gilt und nicht lediglich, Vergangenem nachzutrauern, ist es um den politischen Konservatismus in Deutschland schlecht bestellt. Denn die Hoffnung, der Schutz von Ehe und Familie, des Lebens und anderer Menschenrechte sei bei der AfD gut oder auch nur besser aufgehoben als bei den Unionsparteien, ist – nach Lage der Dinge – in etwa so realistisch, wie die kleinbürgerliche Utopie, wenn jeder für sich selbst sorge, sei am Ende allen geholfen. Die Wirklichkeit ist jeweils eine andere. So setzt etwa die erfolgreiche Sorge für sich selbst Fähigkeiten voraus, deren Erwerb nicht jeder erlernt. Andere werden ihrer durch Schicksalschläge beraubt. Und wieder andere werden mit Umständen konfrontiert, unter denen sich solche nicht mehr hinreichend in Anschlag bringen lassen.

    Auch der tatsächliche Schutz von Ehe und Familie, des Lebens und anderer Menschenrechte ist nicht voraussetzungslos. Er setzt Einsichten, mindestens aber Überzeugungen voraus, die weder an der Spitze, noch an der Basis der AfD in hinreichendem Maße geteilt werden. Deswegen fordert die AfD in ihrem Programm auch weder ein generelles Verbot vorgeburtlicher Kindstötungen noch der Beihilfe zum Suizid oder den Erhalt des Embryonenschutzgesetzes, das angesichts der massiven Forderungen nach Liberalisierung der Verbote verbrauchender Embryonenforschung, Eizellspende und Leihmutterschaft wieder auf dem Prüfstand steht. Die im Interview mit dieser Zeitung geäußerte Begründung des Parteivorsitzenden Jörg Meuthen, dies sprenge den Rahmen eines Wahlprogramms, ist so fadenscheinig wie falsch – wie der Blick in das FDP-Programm zeigt. Dabei darf man dem Wirtschaftswissenschaftler durchaus abnehmen, er sei persönlich der Meinung, jede Abtreibung sei „eine zuviel“. Nur ist diese Überzeugung für seine Partei in keiner Weise repräsentativ. Vergessen werden sollte auch nicht, dass der Grund für die Gründung der AfD die Rettung einer Währung – und damit einer zeitlichen Angelegenheit – war. Selbstverständlich ist die Sorge um den Wohlstand – des Einzelnen wie den eines Landes – eine politisch wichtige, moralisch lobenswerte und keineswegs anrüchige Sache. Aber eben auch eine, die zeigt, dass wer der AfD ein besonderes Interesse am Schutz von Ehe und Familie, des Lebens und der Menschenrechte unterstellt, Gefahr läuft, seine anderenorts enttäuschten politischen Werthaltungen, Überzeugungen und Wünsche auf eine Projektionsfläche zu werfen, von denen die AfD reichlich bietet.

    Es ist so falsch wie dumm, die Partei für eine bloße Ansammlung von Rechtsextremen zu halten und zu dämonisieren. Letzteres auch, weil es die Fliehkräfte, die im Inneren dieser Partei wirken und diese längst zerrissen hätten, im Zaum hält und die Solidarisierung mit ihren völkischen Elementen verstärkt. Aber genauso falsch ist es, zu meinen, innerhalb der AfD ließen sich Heere von Verfassungspatrioten, Bildungsbürgern oder Lebensrechtlern orten. „Wir holen uns unser Land und unser Volk zurück“, hat AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland am Wahlabend gesagt. So redet nicht, wer seinem Land dienen will und sich als mit einem auf vier Jahre befristeten Zeitvertrag ausgestatteter Angestellter der Bürger versteht. So reden Feudalherren, die meinen, von Ihresgleichen über's Ohr gehauen worden zu sein.