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    Leitartikel: Ein Land am Abgrund

    Einst der wohlhabendste Staat Westafrikas und viele Jahre lang politisch stabil steht die Elfenbeinküste heute am Abgrund. Entwickelt sich die Elfenbeinküste zu einem zweiten Somalia? Nach Monaten der Kämpfe weigert sich der abgewählte Präsident, Laurent Gbagbo, auf sein Amt zu verzichten und dem gewählten Präsidenten Alassane Ouattara Platz zu machen. Mit dieser Haltung gewinnt er derzeit in vielen afrikanischen Staaten eine Art Heldenstatus.

    Einst der wohlhabendste Staat Westafrikas und viele Jahre lang politisch stabil steht die Elfenbeinküste heute am Abgrund. Entwickelt sich die Elfenbeinküste zu einem zweiten Somalia? Nach Monaten der Kämpfe weigert sich der abgewählte Präsident, Laurent Gbagbo, auf sein Amt zu verzichten und dem gewählten Präsidenten Alassane Ouattara Platz zu machen. Mit dieser Haltung gewinnt er derzeit in vielen afrikanischen Staaten eine Art Heldenstatus.

    Seine Niederlage schien unmittelbar bevorzustehen, doch Laurent Gbagbo ist noch immer für militärische Überraschungen gut. Seinen Soldaten gelang es, Teile von Abidjan wiederzuerobern und die Belagerung seiner Residenz zu durchbrechen. Gbagbo hatte Unterhändler zur UN schicken lassen, um angeblich eine friedliche Übergabe der Macht auszuhandeln. Jetzt sieht es so aus, als sei das nur ein Trick gewesen, um die eigenen Truppen zu reorganisieren. Zugleich stellt sich auch die Frage, ob die schnelle internationale Anerkennung der Ergebnisse der Wahlkommission, die mehrheitlich mit Ouattaras Anhängern besetzt war, klug war. Und fraglich ist auch die Rolle der UN und Frankreichs. Mit der offenen militärischen Intervention der UN-Blauhelme und der Truppen der einstigen Kolonialmacht Frankreich zugunsten Ouattaras überschreiten beide ihre Kompetenzen. Die Vereinten Nationen wie auch die Franzosen hatten die Aufgabe, die Bürgerkriegsparteien zu trennen und die einheimische sowie die ausländische Zivilbevölkerung zu schützen.

    Eine wesentliche Ursache des derzeitigen Konflikts in der Elfenbeinküste ist die Diskriminierung der Millionen aus den Nachbarstaaten eingewanderten Arbeitskräfte und ihrer Nachkommen. Doch die Migranten erhielten keine Bürgerrechte, durften auch nicht wählen. Profitierte der Kakao-Exportweltmeister Elfenbeinküste lange Zeit von den Migranten, so kamen mit der Krise die Themen Überfremdung und Diskriminierung auf die Tagesordnung der Diskussionen. Ouattara wurde mehrfach gehindert, an Wahlen teilzunehmen, weil seine Eltern aus Burkina Faso stammen.

    Ouattara wurde indes nicht müde, Gbagbo als eigentlichen Urheber der Gewalt zu bezichtigen. Er sei durch Wahlfälschung an die Macht gekommen und einfach fünf Jahre länger im Amt geblieben als zulässig. Der Katholik Gbagbo hat im Süden seine Machtbasis. Der Muslim Ouattara kann sich auf seine Anhängerschaft bei den Migranten und der Bevölkerung im Norden der Elfenbeinküste verlassen. In einer Fernsehansprache bekräftigte er, er wolle der Präsident aller Ivorer sein, egal ob sie Muslime oder Christen seien oder einer anderen Religion angehörten. Dieser Aspekt darf aber nicht dazu verführen, religiöse Dimensionen ins Spiel zu bringen.

    Ein Ausweg aus der Misere scheint nicht in Sicht. Ist eine Teilung des Landes die Lösung? Eine Variante wäre eine Machtteilung. Gbabgo bleibt Präsident, Ouattara könnte unter ihm Premier werden. Da aber wird die westafrikanische Staatengemeinschaft Ecowas noch ein Wörtchen mitzureden haben. Vor allem aber kommt es darauf an, wer wirklich Rückhalt bei der Bevölkerung hat und wem es gelingt, die beiden Landesteile zu versöhnen.