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    Leitartikel: Dunkles Kapitel der Grünen

    Kaum zu glauben, aber hoffentlich wahr: Da wird nun schon seit Jahren öffentlich über die Notwendigkeit der Aufarbeitung von Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs diskutiert, und nun kommt das Thema auch bei den Grünen an. Das stimmt so nicht ganz. Die Grünen waren auch bisher an dem Thema dran. Sie waren sogar vorne dabei, wenn es galt, mit dem Finger auf andere zu zeigen und „Aufklärung“ zu fordern. Doch vor lauter Empörung hat man dabei geflissentlich unterlassen, die eigene Vergangenheit anzuschauen. Damit soll nun Schluss sein. Das sagt zumindest Claudia Roth. Die Grünen-Chefin hat sich für eine Untersuchung der Pädophilie-Vorwürfe gegen Parteimitglieder aus der Gründungszeit ausgesprochen.

    Kaum zu glauben, aber hoffentlich wahr: Da wird nun schon seit Jahren öffentlich über die Notwendigkeit der Aufarbeitung von Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs diskutiert, und nun kommt das Thema auch bei den Grünen an. Das stimmt so nicht ganz. Die Grünen waren auch bisher an dem Thema dran. Sie waren sogar vorne dabei, wenn es galt, mit dem Finger auf andere zu zeigen und „Aufklärung“ zu fordern. Doch vor lauter Empörung hat man dabei geflissentlich unterlassen, die eigene Vergangenheit anzuschauen. Damit soll nun Schluss sein. Das sagt zumindest Claudia Roth. Die Grünen-Chefin hat sich für eine Untersuchung der Pädophilie-Vorwürfe gegen Parteimitglieder aus der Gründungszeit ausgesprochen.

    Auslöser dafür ist der Fall Cohn-Bendit. Der Grüne Europapolitiker hat jüngst den Theodor-Heuss-Preis erhalten. Dagegen hatte es Proteste wegen früherer pädophiler Äußerungen Cohn-Bendits gegeben. Wohl um Kritikern keine weitere Nahrung und – mehr noch – keinen Anlass zu neuen Recherchen zu geben, verzichtet Cohn-Bendit nun auf den ihm zugedachten Deutsch-Französischen Medienpreis. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ berichtete inzwischen, das Büro Cohn-Bendits habe einen Archivbestand, der Einblick in pädophile Äußerungen des Politikers gibt, im „Grünen Gedächtnis“ der Heinrich Böll Stiftung bis 2031 sperren lassen. Dennoch hat sich herausgestellt, dass es unter der Verantwortung Cohn-Bendits weit mehr pädophile Äußerungen gab als bislang angenommen. Im „Pflasterstrand“, einem Stadtmagazin der Frankfurter Linken der Jahre 1977 bis 1990, finden sich widerlichste Texte über Sex mit Kleinkindern, für deren Veröffentlichung Daniel Cohn-Bendit presserechtlich verantwortlich zeichnet.

    Doch das Medieninteresse an der Causa „Dany le Rouge“ bleibt auffällig gering. Das ist eine Blamage. Allerdings eine, die viel über den Zustand des Journalismus sagt und damit durchaus erhellend ist. So bestätigt sich der Verdacht, dass beim Thema sexueller Kindesmissbrauch mit zweierlei Maß gemessen wird. Während bei den einen der Mantel des Schweigens und Vergessens ausgebreitet wird, man eben nicht nachbohrt, werden andere – bevorzugt die Kirche – am Nasenring durch die Arena gezogen.

    Um nicht missverstanden zu werden: Das Thema sexueller Missbrauch von Kindern ist viel zu ernst, um die Vergehen der einen gegen die Schuld anderer aufzuwiegen. Damit wird man dem Thema nicht, und schon gar nicht den Opfern gerecht. Dass auch andere Verbrechen begangen haben, macht die „im eigenen Haus“ nicht weniger schlimm und schon gar nicht ungeschehen. Wer aber wirklich aufklären will, der darf nicht auf einem Auge blind sein wollen. Der muss sich auch dem Unterschied stellen zwischen perversen Verbrechen, die im völligen Widerspruch zur eigenen Doktrin begangen wurden und der öffentlichen Forderung, eben solche Abscheulichkeiten zu legalisieren.

    Die Kirche hat nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals Schuld bekannt und mit konsequenter Aufarbeitung begonnen. Keine andere Institution hat das in diesem Ausmaß getan. Dennoch hagelt es immer wieder Prügel, während andere, die Aufklärung rufen und dabei selbst „Leichen im Keller“ haben, geschont werden. Hier zeigt sich die ideologische Schieflage der Diskussion. Gestern hat der Bundesrat die Rechte von Missbrauchsopfern gestärkt und ein Gesetz zur Verlängerung der Verjährungsfrist gebilligt. Das ist wichtig. Aber ohne Bereitschaft zur schonungslosen Aufklärung quer durch alle Gruppierungen und Institutionen bleibt das alles unzureichend.