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    Leitartikel: Die säkulare Deutungshoheit

    Christlicher Lebensschutz ist in der Gefahr der Selbstmarginalisierung. Dabei muss man sprachlich anschlussfähig bleiben. Von Josef Bordat

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    Abtreibung ist die Beendigung menschlichen Lebens. Deutlicher: die Tötung eines ungeborenen Menschen, also eines Menschen, keiner Vorstufe des Menschen, die hinsichtlich des in Deutschland grundgesetzlich gewährten Lebensschutzes nichts zählte, soweit sie eben „noch kein richtiger“ Mensch sei. Im Diskurs über Abtreibungen wird dieses Leben aber oft begrifflich depotenziert, um es rhetorisch aus den Schutzbereich des Grundgesetzes herauszudrängen. Es wird ihm die Eigen- und Vollständigkeit geraubt. Es heißt dann etwa „werdendes Leben“ (als sei es nicht schon geworden) oder – ganz modern – „Zellhaufen“.

    Der Embryo ist in dieser Diktion nichts Eigenes, jedenfalls nichts, das es zu berücksichtigen gilt. „Parasit“ oder „Schmarotzer“ im Körper der Frau ist dann nur einen kleinen gedanklichen Schritt weit entfernt. Die Botschaft: Es gehe beim Thema Abtreibung um die Frau – und zwar nicht primär, sondern ausschließlich. Diese habe in der Konsequenz ganz allein das Recht, über ihren Körper zu entscheiden. Kein Staat, erst recht keine Kirche. Die Frauen allein „verdienen unser Mitgefühl“ (Tagesschau).

    Deutlich wird das an der medialen Rezeption des Irland-Referendums, das überall als Sieg der Freiheit und Selbstbestimmung gefeiert wird, ikonographisch untermalt von jubelnden Frauen. So, als gelte die Freiheit Anderer nichts, als habe Selbstbestimmung keine Grenze.

    Was einzig zählt: die „freie Entfaltung der Persönlichkeit“, vulgo: ein „Recht auf Abtreibung“. Bloß: In Deutschland gibt es ein solches Recht nicht. Dass Straffreiheit trotz Rechtswidrigkeit in der Summe als „Recht“ wahrgenommen wird, kann man ja psychologisch gerade noch nachvollziehen, dass Abtreibung aber in der öffentlich-rechtlichen „Tagesschau“ wie selbstverständlich als „Recht“ behandelt wird, ist höchst problematisch. Auch die Metapher des Fortschritts wird dort wie allenthalben überstrapaziert („Tabu gebrochen“, „von moralischen Fesseln befreit“, „endgültig im 21. Jahrhundert angekommen“). Völlig vergessen wird dabei: Nicht in jeder Neuerung liegt Besserung.

    Der christliche Lebensschutz ist in Zeiten säkularer Deutungshoheiten ständig in der Gefahr einer Selbstmarginalisierung. Die eigene Sprachform muss anschlussfähig bleiben an die Debatten. Dabei haben es christliche Lebensschützer eigentlich gut: Alles, was wir naturwissenschaftlich über die Entstehung des menschlichen Lebens wissen, spricht für die These, das Leben sei von Beginn (also: Zeugung) an schützenswert. Auch das geltende Recht stützt den Lebensschutz.

    Weil „die Würde des Menschseins auch für das ungeborene Leben im Dasein um seiner selbst willen liegt“, betont das Bundesverfassungsgericht in der aktuellsten Entscheidung zur Sache (1993), dass sich „jegliche Differenzierungen der Schutzverpflichtung mit Blick auf Alter und Entwicklungsstand dieses Lebens verbieten“. Die Folge: „Es zu achten und zu schützen bedingt, dass die Rechtsordnung die rechtlichen Voraussetzungen seiner Entfaltung im Sinne eines eigenen Lebensrechts des Ungeborenen gewährleistet“.

    Und das ist durchaus kompatibel mit einer schöpfungstheologischen und christologischen Sicht auf den je einzigartigen Menschen als unendlich wertvoll und unendlich geliebt. Und natürlich: von Beginn an.

     

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