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    Leitartikel: Die innere Krise des Islam

    Die Gewalttaten und Gewaltaufrufe islamischer Fanatiker sind kein Zeichen der Stärke oder der Geschlossenheit, sondern der Krise des gegenwärtigen Islam. Der Appell des saudischen Großmuftis, Scheich Abd al-Aziz Ibn Abdullah, die christlichen Kirchen auf der arabischen Halbinsel zu zerstören, ist ein aktuelles Beispiel dafür. Nicht von liberalen, säkularisierten Muslimen, sondern von Mehmet Görmez, dem Leiter des türkischen Religionsamtes (Diyanet), musste sich der Großmufti öffentlich so etwas wie Häresie vorwerfen lassen: Seine Forderung stehe im Widerspruch zur islamischen Lehre und Tradition, schmetterte der Chef von mehr als 80 000 Moscheen dem saudischen Kollegen entgegen. Der Großmufti habe „dunkle Schatten“ auf die Lehre von Rechten und Freiheiten im Islam geworfen, seine Forderung stehe im Gegensatz zum Verhalten Mohammeds und müsse revidiert werden. Nein, hier wird nicht um Nähe oder Distanz zum Westen gerungen, denn der Westen interessiert sich weniger für die Religionsfreiheit in der Türkei und auf der arabischen Halbinsel als für seine eigenen strategischen und ökonomischen Interessen. Hier findet eine innerislamische Kontroverse über das Verhältnis zu anderen Religionen statt.

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    Die Gewalttaten und Gewaltaufrufe islamischer Fanatiker sind kein Zeichen der Stärke oder der Geschlossenheit, sondern der Krise des gegenwärtigen Islam. Der Appell des saudischen Großmuftis, Scheich Abd al-Aziz Ibn Abdullah, die christlichen Kirchen auf der arabischen Halbinsel zu zerstören, ist ein aktuelles Beispiel dafür. Nicht von liberalen, säkularisierten Muslimen, sondern von Mehmet Görmez, dem Leiter des türkischen Religionsamtes (Diyanet), musste sich der Großmufti öffentlich so etwas wie Häresie vorwerfen lassen: Seine Forderung stehe im Widerspruch zur islamischen Lehre und Tradition, schmetterte der Chef von mehr als 80 000 Moscheen dem saudischen Kollegen entgegen. Der Großmufti habe „dunkle Schatten“ auf die Lehre von Rechten und Freiheiten im Islam geworfen, seine Forderung stehe im Gegensatz zum Verhalten Mohammeds und müsse revidiert werden. Nein, hier wird nicht um Nähe oder Distanz zum Westen gerungen, denn der Westen interessiert sich weniger für die Religionsfreiheit in der Türkei und auf der arabischen Halbinsel als für seine eigenen strategischen und ökonomischen Interessen. Hier findet eine innerislamische Kontroverse über das Verhältnis zu anderen Religionen statt.

    Ein zweites Beispiel: Während in Nigeria eine fanatische Sekte unter Berufung auf den Islam Terror sät, verurteilen Muslimverbände „deren Ideologie als Pervertierung grundlegender Prinzipien des Islam“, wie eine Erklärung der „Initiative muslimischer Österreicherinnen“ formuliert. Auch hier geht es nicht um Anbiederung an den Westen, der die Lage der Christen in Nigeria kaum im Blick hat, sondern um eine innerislamische Kontroverse über Gewalt und Toleranz. Naiv und geschichtsblind ist, wer die Gewaltpotenziale im Islam ignoriert. Doch den gleichen Vorwurf muss sich gefallen lassen, wer den Islam pauschal und undifferenziert als gewalttätig und toleranzunfähig aburteilt. Das Christentum überlebte ein halbes Jahrtausend osmanischer Herrschaft in Kleinasien und Nahost in Millionenstärke und bunter ritueller wie konfessioneller Vielfalt. Und auch heute gibt es neben intoleranten, ideologisch geschlossenen Staaten wie Saudi-Arabien etwa Jordanien, das die Harmonie der Religionen nicht nur aus pragmatischen, sondern aus theologischen Gründen anstrebt.

    Es ist bezeichnend für den Zustand der islamischen Welt heute, dass kurz nach dem Aufruf des saudischen Großmuftis, alle Kirchen auf der arabischen Halbinsel zu zerstören, der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Khalifa bin Zayed, orthodoxen Christen einen Kirchenneubau erlaubte und das Grundstück dafür stiftete. Zweifellos fand in den vergangenen Jahrzehnten eine politische Radikalisierung in der islamischen Welt statt, die als Widerstand gegen westliche Ideologien wuchs und nun sogar mit westlicher Hilfe nach der Macht in vielen arabischen Ländern greift. Gleichzeitig gibt es auch die Stimmen der Vernunft, die vielfach vergebens auf Partner warten. Wer die westliche Projektion eines durch Säkularisation und Aufklärung gezähmten Euro-Islam als trügerische Illusion über Bord wirft, kann den Blick auf die Toleranz-Potenziale richten, die es in der islamischen Tradition – vielfach verschüttet und überlagert – doch auch gibt. Sie zu heben kann nicht leicht sein, ist aber für viele Christen heute eine Frage des Überlebens.