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    Leitartikel: Die „Sache“ Embryo

    Die Politik tut gut daran, die „Ad-hoc-Stellungnahme“, in der ihr gleich drei Wissenschaftsakademien eine begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) empfehlen, als das zu nehmen, was sie ist: Der als wissenschaftliche Expertise mehr schlecht als recht getarnte Versuch, nachhaltige Gesellschaftspolitik zu betreiben. Am deutlichsten wird dies, wo die dreizehn Autoren allen Ernstes beklagen, „dass die mit der PID verbundene und unverzichtbare Auswahlentscheidung der Frau in Deutschland noch nicht die gebotene gesetzliche Anerkennung gefunden“ habe. Um die Beantwortung der alles entscheidenden Frage, der nach dem „moralischen Status des Embryos“ drücken sich die Wissenschaftler dagegen mit dem Hinweis auf einen „ethischen Pluralismus“ herum. Doch so einfach darf es sich niemand – und schon gar kein seriöser Wissenschaftler – machen.

    Stefan Rehder. Foto: Zeichnung: DT

    Die Politik tut gut daran, die „Ad-hoc-Stellungnahme“, in der ihr gleich drei Wissenschaftsakademien eine begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) empfehlen, als das zu nehmen, was sie ist: Der als wissenschaftliche Expertise mehr schlecht als recht getarnte Versuch, nachhaltige Gesellschaftspolitik zu betreiben. Am deutlichsten wird dies, wo die dreizehn Autoren allen Ernstes beklagen, „dass die mit der PID verbundene und unverzichtbare Auswahlentscheidung der Frau in Deutschland noch nicht die gebotene gesetzliche Anerkennung gefunden“ habe. Um die Beantwortung der alles entscheidenden Frage, der nach dem „moralischen Status des Embryos“ drücken sich die Wissenschaftler dagegen mit dem Hinweis auf einen „ethischen Pluralismus“ herum. Doch so einfach darf es sich niemand – und schon gar kein seriöser Wissenschaftler – machen.

    Es trifft zwar zu, dass man dem Embryo je nachdem ob man ihn als Person, die sich im Laufe ihrer Entwicklung immer mehr als solche entfaltet, bis sie sich schließlich auch anderen gegenüber unleugbar als solche erweist oder aber als bloße Sache betrachtet, auch ein unterschiedliches Maß des Schutzes von Leib und Leben zuerkennen muss. Doch welcher dieser Positionen man auch immer zuneigt, eines ist unbestreitbar: Zwischen Person und Sache kann es kein Drittes geben. Ist der Embryo Person, dann ist er auch ein Rechtssubjekt. Dann aber schuldet der Staat ihm denselben Schutz von Leib und Leben wie allen anderen Personen. Mehr noch: Weil der Embryo, anders als andere Personen, völlig wehrlos ist, müssten die staatlichen Anstrengungen, diesen Schutz zu garantieren, sogar noch umfangreicher ausfallen, als dort, wo eine Person fähig ist, sich ihrer Haut zu wehren. Ist der Embryo dagegen eine Sache, dann ist er auch kein Subjekt, das Rechte besitzt, die von anderen geachtet werden müssten. Dann aber gibt es auch keinen einsichtigen Grund, die PID zu begrenzen. Selbst eine Geschlechtswahl läge dann im Ermessen derer, welche die Herstellung der „Sache“ Embryo bei den Reproduktionsmedizinern ihres Vertrauens in Auftrag geben. Dass in unserer Rechtsordnung der Embryo – zumindest bislang – nicht für eine Sache gehalten wird, lässt sich unter anderem daran erkennen, dass das Embryonenschutzgesetz die Herstellung von Embryonen mit den Mitteln der Reproduktionsmedizin auf drei pro Frau und Zyklus limitiert, während die Menge der Autos, die in Wolfsburg, Ingolstadt oder andernorts das Band verlassen, allein den Kapazitäten der Autobauern und der Finanzkraft ihrer Kunden überlassen bleibt.

    Nun ist der Hinweis auf einen „status quo“ selbstverständlich noch kein Beleg für dessen Angemessenheit. Aus dem gleichen Grund ist auch die Berufung der Autoren auf die Abtreibungsgesetze und den vermeintlichen „Wertungswiderspruch“, der zwischen dem Schutz des Embryos im Mutterleib und in der Petrischale existiere, bedeutungslos. Wo weder beweisbar ist, dass der Embryo Person ist, noch sich plausibel machen lässt, wie eine Sache zur Person mutiert, dort muss der Staat das „Prinzip Vorsicht“ walten lassen. Das mag unseren stets, oft zu Recht um Konsens bemühten Politikern schwer fallen, ändert aber nichts daran, dass ein „in dubio pro embryo“ ein ausnahmsloses PID-Verbot verlangt.