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    Leitartikel: Der Spalt im Felsen

    Der Stil der Verkündigung hat sich in den letzten 50 Jahren radikal geändert. Aber nur als Gegenentwurf zum Mainstream sind Christen eine ernst zu nehmende Kraft. Von Regina Einig

    Regina Einig - Regina Einig -  Redakteurin - Kirche aktuell, Bildung 'Die Tagespost'
    _ Foto: Margarete de Selliers Würzburg

    Seit der Reformation prägen Konflikte mit Rom wie ein sich hartnäckig wiederholendes Baßmotiv die Kirchengeschichte der Deutschen. Dennoch bedeutete das Jahr 1968 eine Zeitenwende für die Katholiken nördlich der Alpen. Mit Erscheinen der Enzyklika Humanae vitae und der zweideutigen Antwort der westdeutschen Bischöfe in der Königsteiner Erklärung – ähnlich die Mariatroster Erklärung der Österreichischen Bischofskonferenz – änderte sich der Stil der Verkündigung radikal.

    Wie eine Orgel, deren Spieltisch plötzlich teilweise verstummt und dumpfe Töne statt klarer Melodien hervorbringt, verlor das Kirchenkonzert an Klangfarbe. Was allenfalls verschämt und irgendwann überhaupt nicht mehr zu Gehör kommt, verschwindet aus den Herzen und Köpfen.

    Die Königsteiner und die Mariatroster Erklärungen stellten Systemfehler dar, die sich in Windeseile durch alle kirchlichen Institutionen klonten. Sie verankerten einen falschen Gewissensbegriff und suggerierten, es gäbe es zwei miteinander unvereinbare Wahrheiten: eine lehrmäßige und eine pastorale. Zum ersten Mal konnte eine bischöfliche Verlautbarung für gläubige Katholiken keine Geltung beanspruchen. Dennoch entfaltete das Papier eine kirchenpolitische Dynamik, die gewissenhaften Bischöfe, Priestern und Laien den folgenreichsten aller Tadel eintrug: weder fortschrittlich noch anschlussfähig an den Zeitgeist zu sein. Wer der Königsteiner Erklärung seine Zustimmung verweigert, kann bis heute in Deutschland jede Hoffnung auf einen Lehrstuhl für Moraltheologie begraben. Die Spannungen innerhalb der Bischofskonferenz eskalieren inzwischen bis zur Karikatur der Einheit.

    Pikanterweise verpassen gerade jene Institutionen, um deren Anerkennung die Reformkatholiken so beflissen buhlten, der Kirche heute die Quittung: An erster Stelle die evangelische Kirche, die den ökumenischen Konsens in allen gesellschaftspolitisch bedeutsamen Feldern aufgekündigt hat. Eine Übereinstimmung, wie sie im Dokument „Gott ist ein Freund des Lebens“ (1989) noch formuliert wurde, ist heute in unerreichbarer Ferne. An zweiter Stelle die säkularisierte Gesellschaft und der Staat, die sich inzwischen die Richterrolle gegenüber der vom Missbrauchsskandal angeschlagenen Institution Kirche teilen. Die Rechnung der Los-von-Rom-Theologen ging nicht auf. Dass Bischöfe das Lehramt an Fachgremien abgaben, die für die Abkehr des liberalen nachkonziliaren Katholizismus von vermeintlich nicht zeitgemäßen moralischen Lehrinhalten standen, sicherte der Kirche nicht das ersehnte Image weltzugewandter Toleranz. Ein unabsehbarer Rufschaden für die Institution, Probleme mit der Justiz und die Diffamierung zahlloser unbescholtener Priester und der Exodus zahlreicher enttäuschter Katholiken sind der Preis für die Blauäugigkeit der 68er. Dogma und Disziplin in das eigene Leben zu übersetzen mag niemandem leicht fallen, doch ohne diese Grundhaltung fällt die Kirche im freien Fall in die Bedeutungslosigkeit. Nur als Gegenentwurf zum Mainstream bleiben Christen eine ernst zu nehmende Kraft. Der schier unüberbrückbare Graben, der heute zwischen westlicher Gesellschaft und muslimischen Einwanderern klafft, liegt auch an den unverantwortlichen Zugeständnissen vieler Christen an den promiskuitiven Zeitgeist. Keine finanzielle Integrationshilfe wird dauerhaft die Lücken schließen, die das verloren gegangene Bewusstsein für Mission und Moral aufgerissen haben.

    Der Spalt im Felsen hat Erschütterungen ausgelöst. Ein historisch anmutender Auszug vieler Getaufter aus der Kirche und der Rückzug glaubenstreuer Katholiken in die innere Emigration zwingen zum Umdenken. Gerade die von der Warte liberaler Theologen als rückständig und romtreu belächelten Ortskirchen beleben heute die Kirche in Deutschland. Wo Gemeinden gegen den Trend wachsen, verdanken sie es in der Regel dem Zuzug fremdsprachiger Katholiken aus Polen, Indien und den Philippinen. Für die Gläubigen in Deutschland dürfte die Wüstenwanderung der vergangenen fünfzig Jahre allerdings noch eine Weile weitergehen. Ein Grund mehr, sich gegenseitig im Bewusstsein zu stärken, dass jeder einzelne überzeugte Katholik für die nächste Generation unersetzlich ist.

     

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